Die Leonhardskirche ist am Mittwoch Treffpunkt für einen ökumenischen CSD-Gottesdienst. Danach prasselt Hass auf die Pfarrer ein. Wie reagieren sie?
Persönlich steht Pfarrer Axel Schwaigert über den harten Worten, die im Netz seit Mittwochabend auf ihn und seine Kollegen einprasseln. „Ich bin stark genug – aber es gibt viele, die darunter leiden. Diese Sätze machen Menschen kaputt“, sagt der Pfarrer von der Salz der Erde MCC-Gemeinde in Stuttgart. Sein Kollege Benedikt Jetter, sozusagen der Gastgeber in der Leonhardskirche, sagt: „Gewundert hat mich wenig. Geschockt hat mich viel.“
Sie sprechen über die Kommentare, welche man im Internet unter den Videos unserer Redaktion auf Instagram und Tik-Tok findet. Der kurze Film mit Eindrücken vom Gottesdienst wird beschimpft. Unter anderem schreiben Userinnen und User, dass ein queerer Gottesdienst zum CSD ein Grund sei, die Kirche zu verlassen und auszutreten. Aber es sind auch Gewaltandrohungen dabei. Und die machen den Pfarrern Sorgen.
„Das habe ich so nicht erwartet“, sagt der queere Pfarrer Schwaigert. „Vor 20 oder 25 Jahren haben wir das viel mehr abgekriegt, aber dann wurde es besser. Auf einmal bläst uns wieder ein kalter Wind entgegen.“
Für seinen Kollegen Jetter sind die Beschimpfungen im Netz Ausdruck der Schwäche der Verfassenden. Die christliche Botschaft könnte ihnen helfen. „Einer der wichtigsten Sätze in der Bibel ist: Fürchtet Euch nicht. Wenn ich das verstanden habe, muss ich nicht Selbstbewusstsein dadurch aufbauen, dass ich andere klein mache“, sagt Jetter.
„Was ist bei den jungen Menschen schiefgelaufen?“
Was beide an den Hasskommentaren erschüttert: „Das sind viele junge Menschen. Was ist da schiefgelaufen? Wo haben wir die verloren“, fragt Schwaigert. Und beide haben eine Befürchtung: „Worten können Taten folgen. Erst schreibt man über Gewalt, dann fliegen irgendwann Steine“, befürchten sie.
Was sie beruhigt, ist, dass die Polizei die Bedrohungslage sehr ernst nimmt. „Ich hab lange mit dem Einsatzleiter für das Wochenende gesprochen“, berichtet Schwaigert. Auch über einen Vorfall am Kircheneingang zu Beginn des Gottesdienstes am Mittwoch: „Da standen zwei mit einem Leintuch und beteten den Rosenkranz. Ich bin dann hin und habe gesehen, es stand drauf „Hände weg von unseren Kindern“, schildert er. Die Männer hätten offenbar mit ihrer Aktion andeuten wollen, queere Personen seien pädophil. „Ich habe dann getan, was ich immer tue: Ich habe sie gefragt, ob sie nicht reinkommen und mit uns den Gottesdienst feiern wollten, danach hätte ich Zeit zum Reden.“ Die Männer hätten sich nicht darauf eingelassen. Sie seien draußen geblieben – und hätten Besucher abgeschreckt. „Einer kam später zu mir und sagte, er habe einen Teil des Gottesdienstes verpasst, weil er sich nicht vorbei traute“, sagt Schwaikert. Auch um diese Aktion kümmere sich die Polizei.