Die Aids-Hilfe wird auch nach 40 Jahren noch benötigt. Die Infektionen steigen. Allerdings nicht unter schwulen Männern. Sondern unter Heteros.
Wenn man die Debatten rund um den Christopher Street Day (CSD) in Stuttgart so verfolgt, dann scheint es das Wichtigste zu sein, wer warum welche Fahne raushängt oder nicht raushängt und wer bei der Parade mitfährt oder nicht. Nun sind Symbole wichtig, aber man darf den Verdacht haben, dass manche Regenbogenfahne vor allem ein Feigenblatt ist und ein buntes Mäntelchen. Das helfen soll, ernsthafte Debatten darüber zu vermeiden, ob man wirklich Teilhabe lebt und Vielfalt unterstützt. Bei der Aids-Hilfe können sie auch mit Glitter und elektronischer Musik was anfangen, aber zu gerne möchten sie die Aufmerksamkeit, die auf die Parade fällt, nutzen, um ernsthaft zu debattieren, auf ihre Arbeit aufmerksam zu machen.
Denn die ist weiterhin vonnöten. Sogar mehr denn je. Die Infektionen steigen wieder. Nicht unter schwulen Männern. „Da ist der Bodensatz erreicht“, sagt Geschäftsführer Bernd Skobowsky. Neue Infektionen gibt es kaum. Denn man hat nach bitteren 40 Jahren mit viel Leiden und toten Freunden und Partnern gelernt zu reden, über Sex, Geschlechtskrankheiten und wie man sich schützt. Oder wie es der amerikanische Autor Dan Savage ausdrückt, wenn Du mal Deiner Mutter sagst, dass Du mit anderen Männern schläfst, um seine etwas explizit ausgedrücktere Wortwahl frei zu übersetzen, dann ist es danach ein Klacks über Sex zu reden.
Alle 3,5 Tage ein positiver Test
11 000 Menschen in Baden-Württemberg sind HIV-positiv, 3000 im Raum Stuttgart, alle 3,5 Tage werde derzeit eine neue Infektion bekannt, sagt Sozialarbeiter Mustafa Kapti. 2600 betreute Tests machen sie im Jahr mit ihren sieben Hauptamtlichen und 140 Ehrenamtlichen. Was sie dabei merken? Die Weltenlage macht keinen Bogen um Stuttgart. „Solange die Menschen Füße haben, ist die Welt in Bewegung“, sagt Skobowsky. So waren unter den Flüchtlingen aus der Ukraine viele Frauen infiziert. Manche wussten davon, waren in Behandlung, viele wussten es nicht. Und weil man heutzutage erst mal Dr. Google bei einem medizinischen Problem fragt, landeten viele dieser Frauen aus ganz Süddeutschland über ihre Suche im Internet bei der Aids-Hilfe Stuttgart. Dort nutzte man das eingeübte Netzwerk über das Gesundheitsamt und der Kommunalverband für Jugend und Soziales, um die Menschen ins „Hilfesystem zu bringen“. Zwar ist HIV schon lange kein Todesurteil mehr, aber die Medikamente sind teuer, 1000 Euro im Monat kostet das.
Das Team um Kapti müht sich dann um Aufklärung, dank „Übersetzungsprogrammen via Handy klappt die Kommunikation ziemlich gut“, zeigt die Wege auf, an wen man sich zu wenden hat und versucht auf alle Fragen Antworten zu liefern. Die Kosten für Medikamente übernimmt die Allgemeinheit, was auf Dauer weitaus billiger kommt als Behandlung oder gar viele neue Infektionen. Bei den Flüchtlingen aus der Ukraine ist dies geklärt. Eine weit größere Herausforderung sind Menschen, die illegal hier leben und sich verstecken. So hat Skobowsky beobachtet, dass seit Trump die Grenzen schließt, viel mehr Lateinamerikaner in Stuttgart auftauchen. Darunter Transmenschen, die sich in Hinterhöfen prostituieren. Kapti versucht sie anzusprechen, zur Vorsicht zu mahnen, zu Tests zu bewegen.
Sie wollen helfen, nicht richten, nicht moralisieren, nicht werten. Vertrauen ist ein rares Gut. „Gerade bei Menschen aus dem arabischen Raum ist es sehr schwer, Themen wie Sex anzusprechen“, sagt Kapti, „da braucht es ganz viel Verständnis und Fingerspitzengefühl.“ Jüngst hatte man einen Mann aus Syrien da, der einen positiven Test hatte. „Für den brach die Welt zusammen, der hat eine Frau und weiß gar nicht, wie er sich das selbst eingestehen soll, wie er das erzählen soll.“
Was macht die Aids-Hilfe?
Doch die psychologische Betreuung ist auch für alle anderen wichtig. „Wenn Du einen Test im Drogeriemarkt kaufst und dann allein im Kämmerlein sitzt, ohne dass Dich einer auffängt“, sagt Skobowsky, „ist das furchtbar, dafür sind wir da.“ Und dafür, dass sich viele testen lassen. Und weil sie gemerkt haben, dass sich ihr Auftrag verändert hat. „Früher war unsere Arbeit 80 bis 85 Prozent Sterbebegleitung über 20 Jahre hinweg“, sagt er, „jetzt ist 80 Prozent Aufklärung.“ Und zwar dort, wo es Not tut. Unter Heteros.
Das Unwissen sei groß, sagt Kapti. Spreche man junge Menschen auf Aids an, sagen die dann, „ich schütze mich, ich nehme die Pille“. das habe er allen Ernstes nicht nur einmal gehört. Und so sind sie unterwegs. Beim Bauigel-Fest an der Uni Stuttgart, der West-Allee, beim Kesselfestival, überall wo sie Menschen erreichen. Raus aus der Nische. Skobowsky: „Wir sind für die sexuelle Gesundheit aller verantwortlich“
Wie war das früher?
Um zu verstehen, was das für ein großer Satz ist, muss man gar nicht all zulange zurückschauen. Das Symbol für die Jahre nach dem Krieg in Stuttgart ist das Hotel Silber. Dort hatte die Gestapo Schwule gefoltert und inhaftiert, dort schikanierte die bundesdeutsche Polizei und Justiz nach dem Krieg Schwule. 20 000 Männer wurden in der Bundesrepublik im Hotel Silber verhört, 7000 kamen in den Knast. Man kann die Moral jener Jahre so zusammenfassen: Männer,die Männer küssten, kamen ins Gefängnis, Männer, die ihre Ehefrauen vergewaltigten, durften dies von Rechts wegen. 1994 schaffte man den Paragrafen 175 ab, der „Unzucht zwischen Männern“ unter Strafe stellte. 1997 wurde die Vergewaltigung in der Ehe strafbar.
Wer ältere Schwule fragt, der hört Geschichten von der Partnersuche am „Ho-Chi-Minh-Pfad“, jenen Gehölzen im Schlossgarten, oder auf öffentlichen Toiletten. Wie man verprügelt wurde, vergewaltigt, ohne dass man sich zur Polizei getraut hätte. Die war der Feind, kannte bei Razzien kein Pardon. Dann kam Aids, die „Homosexuellen-Seuche“ titelte der Spiegel, konservative Politiker wollten Schwule wegsperren. Hände schütteln? Umarmen? Für viele undenkbar. Schwule wurden als potenzielle Virusträger geschmäht und ausgegrenzt. Viele starben einsam. 1985 gründete sich in Stuttgart die Aids-Hilfe, man informierte, klärte auf, zeigte sich.
„Auf dieser Geschichte bauen wir auf, schöpfen Kraft“, sagt Skobowsky, „man sollte das nicht vergessen und die Männer würdigen, die diesen Kampf aufgenommen und ausgefochten haben.“ Von denen viele diesen Kampf nicht überlebt haben. Skobowskys Wunsch wäre, dass bei allen Diskussionen um Symbole, „die Community sich gerade beim CSD an diese Menschen erinnert und welche wichtige Rolle sie beim Ringen um Gleichberechtigung gespielt haben“.