Current-Festival in Stuttgart Wie künstlicher Nebel Feinde täuschen sollte
Tarnen und Täuschen auf spezielle Art: Mit künstlichem Nebel wurde im Zweiten Weltkrieg versucht, Stuttgart vor Luftangriffen zu bewahren.
Tarnen und Täuschen auf spezielle Art: Mit künstlichem Nebel wurde im Zweiten Weltkrieg versucht, Stuttgart vor Luftangriffen zu bewahren.
Der erste Luftangriff auf Stuttgart erfolgte im August 1940. Die Attacke der britischen Royal Air Force hatte den Mercedes-Werken in Untertürkheim gegolten, dann aber vor allem Gaisburg getroffen. Die Schäden hatten noch Schaulustige gelockt. Hören und Sehen vergehen sollte aber jenen, die erleben mussten, was dann bis drei Wochen vor Kriegsende bei über 50 Luftangriffen der Alliierten an Tod und Zerstörung geschah. Dagegen sollte künstlich erzeugter Nebel helfen? Der Versuch, den aus 7000 Metern Flughöhe agierenden Bomberbesatzungen Ziele zu verbergen und so die Stadt zu schützen?
Thematisiert werden diese tatsächlich erfolgten Vernebelungsversuche nun im Rahmen des Current-Festivals, das sich mit „der Bedeutung der Luft in urbanen, historischen und gesellschaftlichen Dimensionen“ befasst. Dafür hat die griechische Künstlerin Sofia Dona aus den wenigen historischen Filmaufnahmen der Nebelaktionen vier jeweils zehn Sekunden kurze Videoclips geschaffen, die noch bis zum 27. Juli im Zwei- bis Drei-Minutentakt auf der Videowand am Hochbunker Pragsattel laufen. Durch die kurzen Schwarz-Weiß-Sequenzen gerät das bunte Gewimmel aus Auto-, Heilpraktiker- und Fitness-Werbung jeweils zuverlässig ins Stocken, was auf den ersten Blick auf die Betrachter an der Kreuzung vielleicht wie eine technische Störung wirken mag.
Schnell aber lassen sich zum einen massiv verdichtete Wolkenknäuel erkennen, zum anderen flüchtige, hellgraue Schwebungen mit knorpeligen dunklen Punkten. Sind das etwa anfliegende Bombengeschwader oder schon abgeworfene Bomben, was sich da – sowohl über als auch – unter den dünnen Wolken befinden könnte?
Tatsächlich sind es Fragmente des Stadtraumes, der sich darunter befindet. Das Bedrohliche wie auch für Assoziationen Offene der Clips zeigt schon, dass es hier nicht um eine rein dokumentarische, sondern um eine künstlerisch geformte Arbeit geht. „Poetic and cruel“, poetisch und grausam, aber auch eine „doppelte Camouflage“, eine Täuschung über die Täuschung, nennt Sofia Dona die vier Schnipsel, die sie zusammenfasst unter dem Titel: „Der Tag, an dem die Wolken verschwanden“.
Die Vernebelungs-Thematik bei Lichte zu betrachten, war dann auch Sache des zugehörigen Gespräches mit gut zwei Dutzend Teilnehmenden. Norbert Porthmann, ein Spezialist für „Tarnung und Täuschung“, Mitglied der Stuttgarter Forschungsgruppe „Unter Tage“, machte gleich zu Beginn deutlich, dass die Vernebelungsversuche „Teilstück eines Puzzles zum Schutz des Luftraumes waren“. Ähnlich wie die in die Nähe von Lauffen am Neckar vorgelagerten wo mit Lichtinstallationen und offenem Feuer, mit denen versucht wurde, die Briten zu Abwürfen auf unbesiedeltem Gebiet zu verleiten.
Ähnlich später ein Attrappen-Feld bei Gerlingen. Auch das Ablassen des Max-Eyth-Sees oder die Abdeckung des Feuersees zählte zu solch „passiven Maßnahmen“. Eine andere Kategorie von „Luftabwehr und Luftschutz“ waren die über den Kesselrand verteilten Flak-Batterien, 15 an der Zahl. Oder kleinere Geschütze wie auf dem Hochbunker am Pragsattel. Doch auch die Vernebelungstaktik wurde intensiv betrieben, fast bis Kriegsende. Auf 180 Dächern der Stadt befanden sich „Nebeltöpfe“. Nordwestlich des Wasengeländes ein ganzer Riegel von Nebelwerfern, was bei passendem Wetter die Mercedes-Werke mit Eisenchloridnebel schützen sollte. Sowieso ging es vor allem um den Schutz kriegsrelevanter Industrieproduktion. Wie am Pfaffenwäldle, von wo aus versucht wurde, die Heinkel-Flugzeugfabrik in Neuwirtshaus, heutiger Porsche-Standort, zu verbergen. Der Erfolg? „Schwer zu sagen“, stellt Prothmann fest, „eventuell hat der künstliche Nebel mehr Fehlwürfe verursacht“. Eines aber ist Fakt: Die Bomber-Flotten sind stets ganz ohne Ladung heimgekehrt.