Das Aquarell „Felsen mit Tanne“ in der Reutlinger Kunstsammlung Ein echter Caspar David Friedrich?

„Felsen mit Tanne“ Foto: Kunstmuseum Reutlingen/Ralf Gottschlich

Ist das Aquarell „Felsen mit Tanne“ aus der Reutlinger Kunstsammlung ein Werk des großen Romantikers Caspar David Friedrich? Auf der Spur des Meisters.

Rainer Lawicki, ein feingliedriger Mann um die 60, huscht zwei schmale Treppen hinunter, schließt eine Brandschutztür auf und betätigt einen Schalter. Eine Klimaanlage beginnt zu surren, Leuchtröhren erhellen einen Raum mit weißen, gemauerten Wänden. An ihnen stehen Metallschränke mit flachen Schubladen, in denen Drucke, Grafiken und Zeichnungen liegen. Hier, einige Meter unter dem Rathaus, lagert die Kunstsammlung der Stadt Reutlingen. Rainer Lawicki ist ihr Leiter.

 

Der Kunsthistoriker geht zu dem großen Tisch in der Mitte des Raums, auf dem mehrere Bilder liegen. Sie alle sind in Passepartouts gefasst. Über einem der Bilder liegt ein Bogen Seidenpapier. Als Lawicki den zusätzlichen Schutz vorsichtig entfernt, kommt ein kleines Aquarell zum Vorschein, kaum größer als eine Postkarte. Es zeigt den Ausschnitt einer Landschaft mit Felsen und Bäumen. Beinahe zärtlich schiebt Lawicki einen Streifen Papier unter das Bild, um es zu wenden. Da wird auf der Rückseite ein Schriftzug sichtbar, bei näherem Hinsehen ein Name, mit violettem Stift auf das Blatt geschrieben: Caspar David Friedrich.

Ende Juli wird das Aquarell ausgestellt

Es ist das Jahr des 250. Geburtstags des größten deutschen Künstlers der Romantik, und das Interesse an seinen Bildern ist so groß wie lange nicht. Deutschlandweit veranstalten einige der renommiertesten Kunstmuseen Ausstellungen der Werke Caspar David Friedrichs. Am 1. April ging eine Jubiläumsausstellung in der Hamburger Kunsthalle mit einem Rekord zu Ende: Mehr als 335 000 Menschen kamen, um einige der wichtigsten Gemälde Friedrichs zu sehen – so viele wie zu keiner Ausstellung in dem traditionsreichen Kunstmuseum zuvor. Von Ende Juli an soll auch das kleine Aquarell mit der Felsenlandschaft ausgestellt werden, und zwar im Kunstmuseum Reutlingen.

Auf dem Bild wuchern Moose und Gräser in Grün und in Braun über eine graue Felsformation, auf und neben der zwei Tannen wachsen. An einigen Stellen blinkt das weiße Papier hindurch und lässt den Eindruck von Tageslicht entstehen. An dem linken Rand der Skizze stehen einige mit Bleistift geschriebene Zeilen. Sie lassen sich schwer entziffern, aber zumindest die Worte „Auf warmem Moos“, „kaltgrün Gras“ und „zwischen den Felsen“ sind lesbar.

Die letzte Zeile scheint die Skizze zu datieren, doch ausgerechnet die Jahreszahl ist verwischt. Eine ehemalige Mitarbeiterin des Kunstmuseums Reutlingen vermutete im Rahmen einer Katalogisierung in den 1990er Jahren, es handele sich um eine 90. Das Aquarell könnte demnach von 1790 sein. Im September 1790 feierte der in Greifswald geborene Caspar David Friedrich gerade seinen 16. Geburtstag. Bereits als Jugendlicher erhielt er Zeichenunterricht, später studierte er an der Kunstakademie in Kopenhagen, bevor er 1798 nach Dresden zog. Dort feierte er Anfang des 19. Jahrhunderts erste größere Erfolge. Aber ist das Aquarell tatsächlich aus der Hand Friedrichs?

Um herauszufinden, wer ein bestimmtes Bild gemalt hat, gebe es im Wesentlichen zwei Möglichkeiten, sagt Rainer Lawicki. Man kann versuchen, den Weg des Kunstwerks zurückzuverfolgen. Eine zweite Technik sei die Stilanalyse.

Rainer Lawicki im Kunstarchiv der Stadt Foto: Jakob Milzner

Im Fall der „Felsen mit Tanne“ führt der Weg des Werks ins Jahr 1954. Damals legte Ernst Ziegler, ein zu großem Reichtum gekommener Samenhändler, den Grundstein für die Städtische Kunstsammlung Reutlingen. Genau 394 Ölgemälde und 1578 Grafiken vermachte Ziegler der Stadt, in die er 1945 gezogen war und die ihn kurz zuvor zu ihrem Ehrenbürger ernannt hatte. Laut dem Protokoll, in dem die gestifteten Werke aufgelistet sind, sollen immerhin 13 Grafiken von Caspar David Friedrich sein. Eine davon: das Aquarell „Felsen mit Tanne“.

„Er war das, was man einen Connaisseur nennt“, sagt Lawicki über Ernst Ziegler. Der Kunstmäzen war 1874 in Gönningen am Fuß der Schwäbischen Alb geboren worden. Nach familiärer Tradition stieg er zusammen mit seinem Bruder in den Samenhandel ein. Obwohl er damit im Grunde wenig mehr als ein besserer Hausierer war, gelangte Ziegler in höchste gesellschaftliche Kreise. Selbst am Hof des russischen Zaren soll er seine Waren verkauft haben. Sicher ist, dass das Geschäft ihn zu einem wohlhabenden Mann machte und in die Lage versetzte, seiner Leidenschaft für Kunst nachzugehen.

Ein großes Geschenk an die Stadt Reutlingen

Anlässlich einer Ausstellung zum 150. Geburtstag Zieglers in diesem Jahr hat die angehende Kunsthistorikerin Leonie Oeschger dessen Schenkung an die Stadt Reutlingen untersucht. Wie sie herausfand, kaufte Ziegler den größten Teil seiner Sammlung vermutlich noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die meisten Werke soll er bei Auktionen sowie in Galerien und Antiquariaten in München erworben haben, wo er zu dieser Zeit lebte.

Schon 1931 vermachte Ernst Ziegler rund 600 Werke der Staatsgalerie Stuttgart – wohl um den Erhalt seiner Sammlung zu gewährleisten, wie Leonie Oeschger vermutet. Noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs habe ihn die Stadt Reutlingen dabei unterstützt, den Rest der Sammlung von München nach Reutlingen zu überführen. Zuvor hatte Ziegler seine Häuser in München und in Erfurt verloren.

Rainer Lawicki mustert das frische Moosgrün auf den gemalten Felsen. Der Name Caspar David Friedrich mag auf der Rückseite des Aquarells stehen. Doch wer ihn dorthin schrieb – ob es der Künstler, ein Händler oder womöglich Ziegler selbst war –, ist nicht bekannt und nicht eindeutig zu sagen. Fest steht nur, dass Friedrich im Übergabeverzeichnis von 1953, das die Schenkung Zieglers an die Stadt Reutlingen dokumentiert, als Künstler genannt ist. Und diese Information stammt wohl von Ernst Ziegler selbst.

Wer auch immer dem reichen Händler das Aquarell mit der Felsenlandschaft verkaufte, es ist anzunehmen, dass dieselbe Person ihm auch die Information gab, es handele sich um ein Werk Friedrichs. „Das ist das Vertrauen, das man einem Kunsthändler entgegenbringt“, sagt Rainer Lawicki. „Jeder, der Kunst sammelt, weiß, dass es seriöse und weniger seriöse Händler gibt. Im besten Fall bekommt man eine Expertise.“

Der Kunstmäzen Ernst Ziegler Foto: Stadtarchiv Reutlingen/Martin Frech

Falls es eine solche Expertise jemals gab, ist sie jedenfalls nicht erhalten geblieben. Im Übergabeverzeichnis findet sich nebst dem Hinweis auf Friedrich lediglich eine kurze Beschreibung des Aquarells. Möglich, dass Ziegler selbst nie über präzisere Informationen verfügte: Im Gegensatz zum heutigen Kunstmarkt, auf dem Werke manchmal als bloße Wertanlage erworben und dementsprechend eingehend begutachtet werden, bevor sie in den Safes der neuen Besitzer verschwinden, war Ziegler in erster Linie Kunstliebhaber. „Er wollte sich damit umgeben“, sagt Rainer Lawicki. „Wir können davon ausgehen, dass in seinem Haus die Wände mit den Gemälden voll waren.“

Die Spur des Kunstwerks verliert sich also lange, bevor sie zum Künstler führen könnte. Kann eine Stilanalyse vielleicht mehr Klarheit bringen? Von den Ölgemälden mit weiten Landschaften, für die man Caspar David Friedrich heute kennt, unterscheidet sich das Aquarell im Magazin der Reutlinger Kunstsammlung deutlich. Und doch: „Es hat eine Koloristik, die für Friedrich realistisch sein kann“, sagt Rainer Lawicki. Auch existieren von Caspar David Friedrich weitere Aquarelle, die ganz ähnliche Landschaften zeigen. Dass der Bildausschnitt des Reutlinger Werks für Friedrichs Ölgemälde untypisch sei, spiele für die Zuschreibung keine Rolle, sagt Lawicki: „Wir sind hier ja nicht im Gemälde, sondern es ist eine Skizze.“

Ist der Traum schon ausgeträumt?

Bei Johannes Grave, der die Jubiläumsausstellung über Caspar David Friedrich in der Hamburger Kunsthalle mit kuratiert hat, überwiegt allerdings die Skepsis. Das Aquarell hat er anhand eines Scans begutachtet. Sein Fazit: Ohne Kenntnis des Originals könne er kaum etwas Belastbares beisteuern. „Eine Felspartie mit angeschnittenen Nadelbäumen ist aber noch nicht sehr spezifisch für Friedrich“, sagt Grave, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Jena. „Mein allererster Eindruck ist, dass ich in der Art der Ausführung nicht sogleich etwas erkenne, was mich veranlassen würde, an Caspar David Friedrich zu denken.“

Und wenn die handschriftliche Datierung tatsächlich als „90“ zu lesen sei, so Grave, „würde sich ein weiteres Argument abzeichnen, das gegen eine Zuschreibung an Caspar David Friedrich spräche“. Denn unter den Arbeiten, die Friedrich vor 1798 anfertigte, seien keine Zeichnungen, die signifikante Ähnlichkeiten mit dem Reutlinger Aquarell aufwiesen. Das sieht auch Rainer Lawicki so. Sollte das Aquarell tatsächlich aus den 1790er Jahren stammen, sagt er, „dann ist es ein anderer Künstler“. Der Traum vom eigenen Caspar David Friedrich – ist er für das Kunstmuseum Reutlingen ausgeträumt?

Nicht ganz. Bewiesen ist nach wie vor nichts. Vor allem die vermeintliche Datierung ist zu unleserlich, um auf ihrer Basis Schlüsse zu ziehen. Weitere Erkenntnisse erhofft sich Rainer Lawicki von der Ausstellung einer Auswahl der Ziegler-Sammlung. Dann, so hofft er, werden weitere Fachleute das Aquarell begutachten und ihre Einschätzung mit ihm teilen, ob es sich vielleicht doch um einen Friedrich handeln könnte.

Hinzu kommt: Die Schenkung Zieglers beinhaltet weitere Werke, die dem großen Romantiker zugeordnet werden. Wenn schon nicht die „Felsen mit Tanne“, vielleicht ist ja ein anderer Friedrich darunter.

Lawicki wirft noch einen Blick auf das Aquarell mit den moosbewachsenen Felsen. Dann schließt er das Passepartout wieder über dem Bild – mit einer Behutsamkeit, als sei es tatsächlich jener Schatz, als den es Ernst Ziegler einst kaufte.

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