Das Debüt „22 Bahnen“ Das Buch des Freibadsommers
Mit „22 Bahnen“ ist Caroline Wahl ein gefühlvolles Debüt gelungen, das von vielen Arten der Liebe erzählt.
Mit „22 Bahnen“ ist Caroline Wahl ein gefühlvolles Debüt gelungen, das von vielen Arten der Liebe erzählt.
Ida weint nicht. Tilda schwimmt. Es ist ein Ritual, das Tilda braucht. Sie braucht das Schwimmen, um irgendwie zu überleben. Weitermachen. Noch eine Bahn. Noch einen weiterer. Tag. Sie muss durchhalten für ihre Schwester Ida, die sie so dringend braucht. Die Mutter ist alkoholkrank, die Väter, wer weiß schon, wer sie sind, nicht zugegen.
Der jungen Autorin Caroline Wahl – Jahrgang 1995 – ist mit „22 Bahnen“ ein Überraschungserfolg gelungen. Die Rezensenten sind voll des Lobes, das Buch steigt immer weiter in die Top-Ten der „Spiegel“-Bestsellerliste. Und ja: „22 Bahnen“ ist genau das Buch, das man im Freibad oder am Strand lesen sollte, die 200 Seiten fließen gut vor sich hin, die Sprache ist direkt und schnörkellos, wenn auch das Thema ein hartes ist, aus dem Leben zweier Kinder mit einer schwer alkoholkranken Mutter. Wahl aber gelingt es, zärtlich aber vehement mit dem Sujet umzugehen, bringt etwas Coming-of-Age und viele Arten von Liebe mit ein.
Tilda ist eine kluge junge Frau. Sie studiert Mathematik, träumt von einer Promotion im fernen Berlin und arbeitet an der Kasse im Supermarkt. Daraus macht sie ein Spiel: Anhand der Produkte, die die über den Scanner zieht, überlegt sie wer wohl gerade seine Einkäufe erledigt: Hafermilch, Mandelmilch, Cashwemus, tiefgefrorene Himbeeren, Hummus, Kölln Haferflocken, Chiasamen, Bananen, Dinkelnudeln, Avocado, Avocado, Avocado. Tilda schaut nicht hoch, sie tippt auf einen männlichen Kunden, um die 30 Jahre alt, und liegt dann doch daneben. Sie selbst kann sich all das nicht leisten, ausschließlich Gut&Günstig-Produkte liegen bei ihr auf dem Band. Sie kann sich nicht wehren gegen den Hass, den sie gegen „die reiche intakte Abendbrottischfamilie“ empfindet. Manchmal schaut sie nach Tiefpreisen für Flüge und träumt von einer Reise. Der Alltag aber ist ein anderer: Sie muss sich allen voran um ihre kleine Schwester Ida kümmern. Tilda trägt die alleinige Verantwortung, macht das, was die Mutter nicht leisten kann, und simuliert ein möglichst intaktes Leben in einem, das eigentlich völlig aus der Bahn geraten ist.
Und da sind noch die anderen Lieben. Die ehemals beste Freundin, von der sich Tilda entfremdet hat, dann das zarte Band zu Viktor Wolkow, dem Russen mit den eisblauen Augen, der auch immer genau 22 Bahnen schwimmt. Doch „22 Bahnen“ ist mehr als ein zärtlicher Coming-of-Age-Roman, mehr als eine schöne Liebesgeschichte, eher ein Buch vom Aufbruch in ein anderes Leben.
Caroline Wahl: 22 Bahnen
Dumont, 22 Euro.
Am 26. September
liest Caroline Wahl aus „22 Bahnen“ in der Stadtbibliothek Stuttgart.