Das Eiskunstlaufpaar Riegel/Nischwitz Im Labyrinth der Eiszeit

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In den achtziger Jahren waren sie das Traumpaar des deutschen Eiskunstlaufs. Andreas Nischwitz ist heute Zahnarzt, Tina Riegel Mutter von drei Kindern. StZ-Redakteur Frank Buchmeier hat sie getroffen.

Freudiges Wiedersehen auf der Waldau: der 55-jährige Andreas Nischwitz und die 47-jährige Christina Jöst, geborene Riegel Foto: Heinz Heiss 8 Bilder
Freudiges Wiedersehen auf der Waldau: der 55-jährige Andreas Nischwitz und die 47-jährige Christina Jöst, geborene Riegel Foto: Heinz Heiss

Stuttgart - Als letzte Trophäe bekommt Tina Riegel im Herbst 1982 von der „Bravo“ den Silbernen Otto überreicht. Zu diesem Zeitpunkt ist sie 17 und bereits keine Eisprinzessin mehr. „Tina ließ es sich nicht mehr gefallen, dass sie von ihrem Trainer angeschrien wurde und auch mal eine gelangt bekam“, berichtet die „Bravo“.

Januar 2013: Christina Jöst, geborene Riegel, erscheint wie verabredet auf der Waldau. Sie ist noch immer zierlich, hat lange, braune Haare und schaut mit Rehaugen in die Welt. Auf der Eisfläche übt der Vereinsnachwuchs des tus Stuttgart Toeloop-, Flip- und Rittbergersprünge. Christina Jöst spricht von ihren Töchtern und ihrem Sohn – neun, zehn und 13 Jahre alt –, die ab und an beim Publikumslauf mit der breiten Masse kreisen, „aber keinerlei leistungssportliche Ambitionen haben“. Sie selbst geht regelmäßig ins Fitness-Studio und düst auf Inlinern durchs Siebenmühlental. Auf Schlittschuhe stellt sie sich nicht mehr.

Die Tür geht auf, ein drahtiger Mann mit breitem Scheitel steht vor ihr, großes Hallo. „Mensch Tina, wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen“, fragt Andreas Nischwitz. „Wie geht’s dir?“

Als Tina Riegel und Andreas Nischwitz im Spätsommer 1978 zu einem Eiskunstlaufpaar vereint werden, ist sie eine 13-jährige Realschülerin, nur 40 Kilogramm schwer und ganze 1,40 Meter groß. Ein hochbegabtes Küken, das mit wippendem Pferdeschwanz kichernd über die Eisbahn hüpft, hier einen Doppelaxel hintupft, dort eine schwirrende Pirouette dreht. Er ist acht Jahre älter, 33 Zentimeter länger, Student der Zahnmedizin und – mit seiner vorherigen Partnerin Susanne Scheibe – zweifacher Deutscher Meister. Ein kräftiger, erfahrener Athlet. Die Stuttgarter Riegel/Nischwitz, so der Plan ihres Trainers Karel Fajfr, sollen die große deutsche Paarlauftradition wieder aufleben lassen.

Der steile Weg nach oben

Tatsächlich führt ihr Weg steil nach oben. Nach einem halben Jahr gemeinsamen Trainings hat das ungleiche Paar fast alle Höchstschwierigkeiten in seiner Kür und wird auf Anhieb Deutscher Meister. Punktrichter und Publikum erliegen Tinas kindlichem Charme. Und er? Ist das stabilisierende Element der sportlichen Zweckbeziehung. Schleudert sie durch die Luft, fängt sie sicher auf. Riegel/Nischwitz erzielen die besten Platzierungen eines deutschen Eislaufpaares seit den glorreichen Zeiten von Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler: Silbermedaille bei den Europameisterschaften im Februar 1981, Bronze bei der Weltmeisterschaft im Monat darauf.

„Die Erfolge haben unsere Probleme überdeckt“, sagt Andreas Nischwitz heute. Mittlerweile ist er 55, seine Silberhochzeit liegt sieben Jahre zurück. Nischwitz hat drei erwachsene Kinder und führt eine florierende Zahnarztpraxis in Tübingen-Hirschau. Man kann sich gut vorstellen, wie er mit seiner abgeklärten Art die Patienten beruhigt. Über seine Karriere als Eiskunstläufer spricht er wie über Parodontitis: Spürt man den Schmerz, ist bereits einiges kaputtgegangen.

Als Sechsjähriger wird Andreas Nischwitz von seiner Mutter zum Training auf die Waldau geschickt. Er nimmt die Straßenbahn zur Ruhbank, von dort geht es durch den dunklen Degerlocher Wald („Ich hab tierisch Schiss gehabt“). Zunächst kommt Andreas in die Obhut der ehemaligen Rollkunstlaufweltmeisterin Helene Kienzle-Beck. Dann, 1975, wird Karel Fajfr sein Lehrherr.

Fajfr, der während des Prager Frühlings aus der Tschechoslowakei abgehauen war, ist der starke Mann beim tus Stuttgart. Niemand engagiert sich derart intensiv für den Vereinsnachwuchs wie er. Fajfr schafft wie ein Besessener, acht Stunden als Architekt, anschließend sechs als Trainer. Er lebt von Kaffee und Zigaretten. Täglich geht er an seine Grenzen und erwartet dasselbe von seinen Schützlingen. Andreas (griechisch: „der Tapfere“) Nischwitz kommt mit der autoritären Art seines Trainers zurecht: „Er konnte ja auch ein guter Kumpel und Motivator sein.“

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