Das Ende der Filmklause Die Discoqueen hat ausgetanzt

Die Filmklause in Schönaich war Kult. Nun haben Lothar und Liesel Vetter ihren Beatschuppen nach 50 Jahren dichtgemacht. Besuch in einer Disco vor unserer Zeit.

So ging es damals in der Tanzklause zu. Quelle: Unbekannt 4 Bilder
So ging es damals in der Tanzklause zu. Quelle: Unbekannt

Schönaich - Verloren steht DJ Tom auf der Tanzfläche der Filmklause. Hilflos schaut sich der große kräftige Mann in der leeren Disco um. Die braunen Holzschemel sind auf den Tischen aufgereiht. Die Musik ist verstummt. „Es gibt nichts Traurigeres als eine geschlossene Disco“, sagt der 50-Jährige. Die Filmklause hat letzten Monat nach einem halben Jahrhundert zugemacht. Heimlich, still und leise.

Vor vier Wochen noch da tobte hier das Leben. Am letzten Abend legte Tom Rock und Heavy Metal auf, seine Specials. Es war alles wie immer. 150 überwiegend angegraute Gäste amüsierten sich. Auch Christine Leutritz. Sie war hier wie jedes Wochenende mit ihrem Mann und ihrer Clique. Sie wusste nicht, dass dies der letzte Abend der Kultdisco war. Niemand wusste es – nur Liesel Vetter und ihr Sohn Lothar.

Die Disco war das Leben der beiden. 1962 haben sie den Beatschuppen im beschaulichen Schönaich eröffnet. Lothar, damals 19, brachte die Idee dazu von einem Ausflug aus der Großstadt mit. „Was in Frankfurt und München geht, muss auch in Schönaich funktionieren“, sagte er sich. Er überredete seine Mutter, das Kino, das sie betrieb und das nach dem Einzug der Fernsehgeräte in die Kneipen und Wohnstuben seine große Zeit längst hinter sich gelassen hatte, in eine Disco umzuwandeln.

Alles sieht noch aus wie früher

So wie die Vetters damals ihren Tanzschuppen einrichteten, sieht er heute noch aus: urige Holztische, Lampen aus Baumstämmen, selbstgemalte psychedelische Bilder, die nur bei zuckender Discobeleuchtung so richtig zur Geltung kommen. Im Regal über dem DJ-Stand reihen sich noch Vinyl-Platten: die Stones, die Beatles, Jimi Hendrix, Led Zeppelin. Die Zeit ist hier stehen geblieben. Großraumdiscotheken mit blinkendem Chrom, raffinierte Lichtinstallationen und halbnackten Gogo-Girls in Käfigen – all dies ist an der Filmklause spurlos vorüber gegangen. Junge Leute verirrten sich deshalb in den vergangenen zwei Jahrzehnten nur selten in das von außen schäbig wirkende Lokal. Es sei denn, sie wurden von ihren Eltern oder Großeltern mitgeschleppt. Ganze Familiengenerationen gehören zu den Gästen. Es war gerade das altertümliche Ambiente, das die Besucher anlockte und nostalgische Erinnerungen weckte an Zeiten, als Jeans, lange Haare und Rockmusik noch für Revoluzzer standen.

Immer mittendrin im Geschehen waren Lothar und Liesel – wie die beiden Betreiber bis zuletzt von ihren Besuchern gerufen wurden. 69 ist Lothar gerade geworden, doch er wirkt jünger. Genau wie Liesel. Bis zuletzt stand die 91-Jährige jeden Freitag bis morgens um drei hinter dem Tresen der Filmklause. Und hin und wieder wagte sie sich sogar noch auf die Tanzfläche und rockte ein wenig mit ihren Gästen ab.

Gerne erzählt die Discoqueen im Urgroßmutteralter von der goldenen Zeit, damals in den sechziger und siebziger Jahren. Der Beatklub im beschaulichen Dorf Schönaich schlug ein wie eine Bombe. Es war der einzige Tanzschuppen weit und breit. Wer heute zwischen 50 und 70 Jahren und in der Region Stuttgart aufgewachsen ist, kennt die Filmklause zumindest dem Namen nach. Mit Perlenketten und Pumps kamen anfangs die Damen, in Anzügen die Herrn. Das änderte sich Ende der sechziger Jahre. „Mit der Hippiebewegung wurde alles leger,“ sagt Lothar. Aus dem ganzen Land trampten die jungen Leute nach Schönaich. Bis an den Bodensee reichte das Einzugsgebiet. Auch bei den im Land stationierten US-Soldaten war die Disco beliebt. Immer wieder musste die Polizei – die deutsche wie die amerikanische – einschreiten, wenn es zu Schlägereien kam. „Doch wirklich Schlimmes ist dabei nie passiert“, sagt Liesel.Die zierliche Dame ging notfalls auch selbst dazwischen, um zwei Streithähne zu trennen. Vielen Eltern und vor allem den Behörden war die Disco, der etwas Verruchtes anhaftete, jedoch ein Dorn im Auge. „Das Jugendamt hat mehrere Male gegen uns prozessiert, weil sich die Mitarbeiter über die vielen Minderjährigen ärgerten“, erzählt Lothar. Die Vetters hatten eine guten Anwalt, der sie stets rauspaukte. Und bei Polizeirazzien wurden die Jugendlichen einfach im Keller versteckt.

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