Geschichten des Jahres aus Leonberg und Umgebung: Klaus Kienle handelte weltweit mit hochwertigen Fahrzeugen – bis die Kripo ermittelte. Im April wurde er tot aufgefunden.
Der tiefe Fall von Klaus Kienle hatte Ende Mai 2023 begonnen. Nach einer Razzia in den Geschäfts- und Privaträumen von Klaus Kienle fiel ein Schatten auf das Werk des Oldtimerhändlers, der nun unter Betrugsverdacht stand. Klaus Kienle war eine der bekanntesten Figuren der Oldtimerwelt, ein weltweit geschätzter Fachmann für klassische Mercedes-Fahrzeuge. Am 1. April 2025 wurde der 77-Jährige tot in seinem Wohnhaus in Leonberg aufgefunden. Fremdverschulden schlossen die Behörden aus.
Mit einer Durchsuchung in seiner Werkstatt in Ditzingen-Heimerdingen am 31. Mai 2023 fing an, was wenig später zu Berichten führte, die Titel trugen wie „Der glänzende Aufstieg und tiefe Fall von Klaus Kienle“. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart und das Landeskriminalamt ermittelten wegen des Verdachts auf gewerbsmäßigen Betrug beim Handel mit historischen Fahrzeugen. Kienle bestritt die Vorwürfe stets. Ein Strafprozess spätestens 2026 zeichnete sich ab. Die Gelegenheit, seine Sicht der Dinge vor Gericht darzulegen, bekam Klaus Kienle nicht mehr.
Manipulationen an der Identität der Autos?
Im Mittelpunkt der Vorwürfe gegen Kienle standen Manipulationen an der Identität der Autos – speziell an den Fahrzeugidentifikationsnummern (FIN) am Stahlrohrrahmen der berühmten Flügeltürer-Sportwagen. Kienles Lesart war, er sei durch die lange Zusammenarbeit mit Mercedes-Benz berechtigt, Veränderungen daran vorzunehmen. Zu einer unübersehbaren Manipulation sagte er einmal: „Der Kunde erwartet, dass er ein perfektes Auto bekommt.“ Die Ermittler sahen es anders.
Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt auch nach dem Tod des Oldtimerhändlers weiter. „Die Ermittlungen wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Betruges gegen mehrere Personen dauern weiter an“, teilt die Behörde mit. Vorbei ist die Affäre also nicht, auch wenn mit Kienles Tod viele Verdachtsfälle wegfallen dürften. Ermittelt wurde von Anfang an auch gegen andere Inhaber der Firma.
Kienles Betrieb in Heimerdingen war über viele Jahre ein Anziehungspunkt für Prominenz aus aller Welt gewesen – von US-Talkmaster Jay Leno bis zum Sultan von Johor (Malaysia) und anderen Hoheiten aus dem südostasiatischen Raum. Sie kauften bei ihm Autos, die teils siebenstellige Eurosummen kosteten. Besonders bekannt war Kienle als Experte für den Mercedes 300 SL, den legendären Flügeltürer.
Im Herbst 2023 musste das Unternehmen Insolvenz anmelden, die Klassikabteilung von Mercedes-Benz übernahm einen Großteil der Mitarbeiter sowie Werkzeuge und das Ersatzteillager. Später stellte Kienle gerne dar, die Insolvenz sei die Folge einer Entwicklung gewesen, die mit der Durchsuchung seiner Werkstatt in Ditzingen-Heimerdingen Ende Mai 2023 in Gang gesetzt worden sei. Im Lauf von zwei Jahren Ermittlungsarbeit kamen Dutzende von Verdachtsfällen zusammen, auch weitere mutmaßliche Betrugsdelikte im Zusammenhang mit Krediten und der Insolvenz.
Kienle bestritt die Vorwürfe stets. Aufgewachsen in Vaihingen an der Enz, hatte er sich nach der Lehre zum Automechaniker und der Meisterprüfung in der Stuttgarter Mercedes-Benz-Niederlassung zum Leiter der Abteilung Großreparaturen und Sonderfahrzeuge hochgearbeitet, ehe er sich 1984 mit seiner Firma selbstständig machte. Ein Freund, ein Schweizer und Freund des Königs von Kuwait, hatte ihn darin bestärkt. Daimler verkaufte ihm bereitwillig Werkzeuge und Messgeräte, die er für die Restaurierung benötigte. Schnell machte er sich einen Ruf unter den Freunden historischer Fahrzeuge, galt alsbald als Spezialist für den Mercedes 300 SL. Im Ditzinger Ortsteil Heimerdingen hatte er ein Unternehmen aufgebaut, das sich zum weltgrößten, vom Hersteller unabhängigen Restaurierungsfachbetrieb für klassische Mercedes-Benz Automobile entwickelte. Keine Messe wie die Retro Classics ohne seinen Stand, kein Fahrzeug, das er nicht restaurierte – und wenn er dafür selbst um den Globus flog. Ihm, dem schwäbischen Geschäftsmann, war das Ehre und Verpflichtung zugleich.
Fahrzeuge von John Lennon und Udo Jürgens im Showroom
Ganz gleich, ob Flügeltürer oder Pullmann, den 600er von John Lennon oder jenen 600er, weiß lackiert, mit den Weißwandreifen, den Udo Jürgens gefahren hatte: während diese bei Kienle auf einen neuen Käufer warteten, ließ der Chef gerne mal die Öffentlichkeit wissen, welchen – und wessen – Oldtimer er in seinem Showroom stehen hatte. Jene Kunden indes, die sich mit Kienle überworfen und nun Fragen hatten, beklagten, von ihm nur ausweichende Antworten zu erhalten.
Der Tippgeber, der den Fall überhaupt erst ins Rollen brachte, sagte nach Kienles Tod, er hoffe, dass die „gravierenden Fragen, die sich im Zusammenhang mit betrügerischen Manipulationen an Oldtimern stellen, trotzdem noch einer juristischen Klärung zugeführt werden“. Dies sei „sehr wichtig für die gesamte Oldtimerszene, Besitzer, Restaurationsbetriebe und auch Händler“. Denn nur die wirklichen Originale stellten Historisches Kulturgut dar und müssten geschützt werden.