Michael Gaedt nennt den Ort, an dem wir uns zum Interview treffen, sein „Studio“. Andere würden vielleicht eher Lagerhalle, Asservatenkammer, Theaterfundus, Kuriositätenkabinett oder Schrottplatz sagen. Hier in einem Hinterhof in der Paulinenstraße findet man sich inmitten eines gut sortierten kreativen Chaos’ aus Maschinen, Kulissen, Kostümen, Gitarren, Verstärkern und seltsamen Apparaten wieder. Ein Durcheinander, das wunderbar zu diesem Menschen passt, der einen dort empfängt: Gaedt (68) redet gerne schnell und viel, hat in fünf Minuten mehr irrwitzige Einfälle als andere in ihrem ganzen Leben, ist Musiker, Clown, Schauspieler, Model, Regisseur, Steinmetz, Schrauber, einer, der alles kann außer stillstehen, und stets mit einem Bein schon im nächsten Projekt ist.
Michael Gaedt – Stuttgarts Antwort auf Mick Jagger
Jetzt steckt er gerade in den letzten Vorbereitungen für sein Soloprogramm „Das große Scheppern“, das an diesem Samstag im Theaterhaus Premiere feiert. „Zum ersten Mal in meinem Leben steht mein Name auf einem Plakat“, sagt er fast ungläubig, schließlich steht er schon seit 45 Jahren auf der Bühne. „Aber auch der Name Mick Jagger steht ja nie auf einem Plakat, sondern immer nur The Rolling Stones“, erklärt er. Und die Rolling Stones Stuttgarts hießen Die Kleine Tierschau. 35 Jahre hat Gaedt mit dieser vorgeführt, wie anarchisch, musikalisch, spektakulär und aufregend Comedyshows sein können. Und alle, die denkwürdige Programme wie „Rummel um die Kleine Tierschau“, „Import Export“ oder „Menschen Tierschau Sensationen“ verpasst haben, kennen Gaedt zumindest seit 17 Jahren als Kfz-Mechaniker Karl-Heinz „Schrotti“ Schrothmann aus der ZDF-Krimireihe „SOKO Stuttgart“.
Doch „Das große Scheppern“ ist ein anderes Kapitel. Ein spätes, aber kein leises. Schließlich liebt es Gaedt weiterhin laut und schrill. Irgendwo in einer Ecke seines Studios liegt zum Beispiel schon ein unförmiger Kostümhaufen herum, mit dessen Hilfe sich Gaedt in einen menschlichen Döner-Spieß verwandeln wird. Im Theaterhaus könnte es aber auch ein Wiedersehen mit den besten Requisiten aus den Tierschau-Zeiten geben – etwa mit den Stepptanz-Koffern, der Autohupen-Orgel, der Turban-Wickelmaschine und all den anderen kuriosen, mit Rasenmäher-Motoren betriebenen Apparaten, die krachend, brummend und rasselnd unheimlich viel Spaß machen. Versprechen kann und will Gaedt aber nichts: „Ich habe keine Ahnung, was ich mache, aber wenn die pure Energie und der Spaß losballern, dann trägt das die ganze Show.“
Krankenschwestern-Strip? „Papa, das musst du machen!“
Als Gaedt im Sommer mal langweilig wurde, schlug ihm Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier vor: „Dann mach halt ein Soloprogramm.“ Drei Wochen später testete Gaedt erste Nummern bei der Stallwächterparty in Berlin – und stolperte mitten hinein in ein begeistertes Publikum. „Ich habe alles hochgeschleppt – Kloschüsseln, Turban-Maschine, Sackkarre –, und dann nichts davon benutzt. Ich war komplett im Tunnel“, erzählt er. Ein gutes Zeichen. Und ein Schlüsselmoment.
Dass er nun allein spielt, ist für ihn selbst das größte Abenteuer. Die Lust am Überdrehten und Grotesken, die ein Großteil seiner Komik ausmacht, die musikalischen Nummern, die abstrusen Choreografien – das jetzt ohne Verstärkung hinzubekommen, ist eine Herausforderung. Doch auch wenn er jetzt solo auf der Theaterhaus-Bühne steht, hat er sich diesmal im Vorfeld beraten lassen – von seiner Frau, seiner Tochter und von Schretzmeier: „Ich habe zum ersten Mal auf Leute gehört“, gibt er zu, „und zwar wirklich zugehört.“ Das Programm sei dadurch klarer, pointierter geworden. Und manches, was er selbst für schwierig hielt – wie etwa der legendäre Krankenschwestern-Strip aus alten Zeiten –, wollten die anderen unbedingt zurückhaben. „Papa, das musst du machen“, hat seine Tochter gesagt. Also macht er’s.
Dabei kommt Gaedt zugute, dass sein künstlerisches Leben weit mehr umfasst als Comedy. Er hat inzwischen auch Musicals inszeniert und Opernregie geführt. „Oper machen hat mich gepackt, da ist so viel Punk drin“, sagt er. Die Erfahrung, nicht selbst im Rampenlicht zu stehen, sondern den Funken zwischen zwei Sängern zu entfachen, habe ihn für die Soloarbeit sensibilisiert: für Rhythmus, Tempo, für das richtige Maß an Kontrolle und Loslassen.
Gaedt muss niemanden mehr etwas beweisen – nur sich selbst
Als Gaedt „Das große Scheppern“ im Sommer erstmals ausprobierte, waren die Shows sofort ausverkauft. Und auch die Tickets für die Shows am 6. Dezember 2025 und am 4. Januar 2026 waren so schnell weg, dass bereits ein dritter Termin am 27. April 2026 anberaumt wurde. Dass er sich mit 68 noch einmal neu erfindet, nimmt er mit Humor. „Wenn du jung bist, hast du zu allem eine Meinung und von nichts eine Ahnung. Mit 68 brauche ich die Attitüde nicht mehr“, sagt er. „Für mich ist Show eine Mutprobe und gleichzeitig ein Riesenspaß.“
Michael Gaedt: Das große Scheppern. Die Termine am 6. Dezember 2025 und 4. Januar 2026 im Theaterhaus (T2) sind bis auf wenige Restkarten ausverkauft. Zumindest eine weitere Vorstellung ist am 27. April 2026 geplant. Vorverkauf hat noch nicht begonnen. Infos gibt es hier.