Das Sozialhotel Weimar in Stuttgart Zimmer für Gestrandete

Im Hotel Weimar kann man nicht spontan einchecken.Foto:Lichtgut/Kovalenko Foto:  

Das Stuttgarter Hotel Weimar findet sich in keinem Tourismus-Portal, auch eine Rezeption sucht man vergeblich. Wer hier absteigt, kann nirgendwo sonst hin.

Stuttgart - Es war Winter, als Stephan seine Möbel wegschmiss, sein bisschen Zeug zusammenpackte und ins Hotel zog. Aus der Wohnung, in der er mit einem Freund lebte, musste er raus. Wochenlang war er mit dem Rad durch die Straßen gefahren, hatte „Tausende Zettel“ geklebt, auf unzählige Wohnungsanzeigen geantwortet. Alles nur, um in Stuttgart eine bezahlbare Bleibe zu finden. Vergeblich. „Ist eben nicht leicht“, sagt er, „eine Chance zu bekommen, wenn du von Hartz IV lebst.“ Wobei Hartz IV ja teilweise sicherer als ein Job sei.

 

Sein neues Zuhause heißt Hotel Weimar. Das schmucklose Haus verbirgt sich in einer Nebenstraße im Stuttgarter Westen. In einem Glaskasten am Eingang klebt unter den Öffnungszeiten ein Zettel: „BELEGT“. Er hängt dort immer. Hier kann man nicht einfach anrufen oder zur Rezeption spazieren, um einzuchecken. Denn das Hotel Weimar ist kein gewöhnliches Hotel.

Wer unverschuldet wohnungslos geworden ist, hat das Recht auf eine Bleibe. Für solche Fälle stehen Notunterkünfte zur Verfügung. Die Sozialämter der Kommunen mieten auch Zimmer in Pensionen an. Knapp 40 solcher Sozialunterkünfte existieren in Stuttgart. Im Schnitt kostet ein Zimmer 20 Euro pro Übernachtung. Wer sich das nicht leisten kann, für den springen Sozialamt oder Jobcenter ein. Meist werden die Einrichtungen von privaten Betreibern geführt. Hinter sechs dieser Häuser stehen soziale Verbände. Das Besondere: Dort kümmern sich Sozialarbeiter um die Bewohner. Hotel Weimar ist das älteste von ihnen. Vor zehn Jahren wurde es vom gemeinnützigen Verein Ambulante Hilfe eröffnet.

Auf vier Stockwerke verteilen sich 31 Zimmer, Gemeinschaftsküchen und Bäder. An den anonymen weißen Türen hängen einfache Messingschilder mit den Zimmernummern, darüber ein Rauchverbotsschild. Nach einem WLAN-Signal sucht man momentan noch vergeblich.

Touristen werden freundlich abgewimmelt

„Ich brauch was, sonst sitz ich auf der Straße.“ Mit diesen Worten hatte sich Stephan an eine Beratungsstelle gewandt. Sie schickten ihn schließlich ins Hotel. Sein Zimmer schätzt er auf 15 Quadratmeter. Reingucken darf man nicht. Das bisschen Privatsphäre, das ihm geblieben ist, will er sich bewahren. Deshalb möchte er auch seinen Nachnamen nicht geschrieben sehen.

Ab und zu klingeln Reisende auf der Suche nach einem Übernachtungsplatz. Athanasios Tsirikiotis, 36, wimmelt sie dann freundlich ab. Er ist Jugend- und Heimerzieher, studierte soziale Arbeit und arbeitete als Straßensozialarbeiter, bevor er im Hotel Weimar anfing. „Die Wohnungsnot ist extrem“, sagt er. Besonders die Warteliste für Frauen, für die ein eigenes Stockwerk vorgesehen ist, sei lang. Allerdings ist eine fehlende Wohnung nicht immer das größte Problem der Bewohner.

„Bei uns landen oft Menschen, die Probleme mit dem Hilfesystem haben und nirgendwo anders hinkönnen.“ Menschen, die in Wohnungslosenunterkünften Hausverbot haben, die gerade aus dem Knast kommen oder mit einer psychischen Erkrankung kämpfen. „Gefühlt leben wir oft nur zwei Minuten am Tag in derselben Wirklichkeit“, sagt Tsirikiotis. Weil die Kranken meist nicht wahrhaben wollen, dass ihnen etwas fehlt, lehnen sie den Aufenthalt in einer Klinik oder einem Wohnheim für psychisch Kranke ab. Hotel Weimar ersetzt keine Therapie, dafür sind andere Stellen zuständig. „Die Hintergrundgeschichte ist mir erst mal egal. Hier kann jeder ankommen und so lange bleiben, wie es nötig ist“, sagt Tsirikiotis. An erster Stelle gehe es darum, Wohnungslosen wieder eine sichere Bleibe zu bieten, ohne allzu große Forderungen zu stellen.

Der Sozialarbeiter führt durchs Haus. Eine Zimmertür im dritten Stock steht offen. Tsirikiotis grüßt den Hausmeister, der gerade einen Kühlschrank schrubbt. Der Raum soll wieder neu bezogen werden. Die Ausstattung erinnert mehr an ein Studentenwohnheim als an ein Hotel. Zur Grundausstattung gehören ein Bett, Nachttisch, Stuhl, Tisch und ein Fernseher. Im Kleiderschrank horten viele Bewohner ihre Lebensmittel zwischen den Klamotten, weil sonst kaum Platz dafür ist.

Die Küche ist blitzblank sauber

Die Gemeinschaftsküche ist verwaist. Kein Krümel auf dem Boden, die Spüle blitzblank poliert. Nur eine warme Platte deutet darauf hin, dass der Herd ab und zu benutzt wird. Man achtet penibel auf Hygiene. Zum Schutz der Bewohner, erklärt Tsirikiotis: „Viele kommen mit einem sehr schwachen Immunsystem zu uns und erkranken schnell.“

Jeden Morgen putzt der Hausmeister durch und schmeißt alle Essensreste weg. Töpfe und Pfannen muss jeder selbst mitbringen. Wer nichts hat, kann auf ein gespendetes Set hoffen. Tsirikiotis dreht an einem Zeitschalter. Darüber fließt für maximal 15 Minuten Strom – eine Vorsichtsmaßnahme, damit niemand versehentlich den Herd anlässt. 15 Minuten reichen, um eine Tiefkühlpizza zu backen.

Stephan kocht lieber auf seiner eigenen Herdplatte im Zimmer. Am Essensgeruch, der dann überall hängt, stört er sich nicht. Die Dusche und zwei Toiletten auf seinem Stock teilt er sich mit acht anderen Männern. Kaum einen kennt er mit Namen. Stephan muss sich in vielem einschränken und ist doch froh, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben. Am Hotel Weimar schätzt er die Ordnung – und dass er sich immer an die Sozialarbeiter wenden kann, wenn der Abfluss der Dusche mal wieder verstopft, das Klo total verdreckt ist oder er einfach mal mit jemandem reden muss. Stephan steht oft im Büro der Sozialarbeiter.

Er gehört zu einer weiteren Gruppe von Bewohnern, die man im Hotel häufig antrifft. Menschen, die warten. Auf eine eigene Wohnung, einen Platz im Wohnheim, einen Wohnberechtigungsschein, einen Therapieplatz. Stephan lebt seit mehr als vier Monaten hier. Er ist Mitte 50, schlank, die weiß-grauen Haare trägt er stoppelkurz.

An manchen Tagen kann Stephan nicht mal das Zimmer verlassen

In einem nahen Café erzählt er seine Geschichte. Er bestellt sich eine weiße Schokolade und legt ein kleines Gerät neben sich. Später wird er sich mit einer dünnen Nadel in die Haut stechen. Er muss regelmäßig seine Blutzuckerwerte überprüfen. Als Kind erkrankte er an Diabetes, Typ 1. Die Krankheit prägte ihn. Seine Augen funktionieren nicht mehr gut, manchmal spürt er seine Zehen nicht mehr, er leidet unter Stimmungsschwankungen. An manchen Tagen kann er sich nicht aufraffen, das Zimmer zu verlassen. Ein Ausweis bescheinigt ihm einen Behinderungsgrad von 60 Prozent.

Aufgewachsen ist er mit drei Geschwistern in der Pfalz. Sein Vater starb an einem Schlaganfall, da war der Sohn fünf. Als Stephan älter wurde, drängte seine Mutter: Schau, dass du Arbeit findest und etwas zum Haushalt beisteuerst. Er lernte Kfz-Lackierer. „Im Nachhinein hätte ich mir mehr Zeit nehmen sollen. Der Beruf war die absolut falsche Wahl.“ Die Arbeit machte keinen Spaß, und die Chemikalien, denen er ausgesetzt war, verschlechterten seine angeschlagene Gesundheit. Nach fünf Jahren konnte er nicht mehr.

Seitdem hat er sich mit allen möglichen Jobs über Wasser gehalten. Er strich und tapezierte die Wohnungen anderer Leute, baute Lautsprecher, war Galerist in Berlin, heuerte in Fahrradwerkstätten an. „Räder zu reparieren ist vielleicht das, was ich am besten kann.“ Doch Schmerzen im Rücken, die Folgen eines Bandscheibenvorfalls, machten selbst diese lieb gewonnene Arbeit bald zur Qual. Oft hieß sein Einkommen Hartz IV. „Keiner wollte gerne einen Kranken beschäftigen.“

Nach dem Tod seiner Mutter vor mehr als zehn Jahren verließ Stephan seinen Heimatort. Zwischenzeitlich lebte er in Heidelberg, zog dann weiter in die Hauptstadt. Doch Berlin war nichts für ihn. Ein Freund hatte damals zu ihm gesagt: „In Berlin gehst du unter, da gebe ich dir höchstens drei Jahre.“ Er behielt Recht. Stephan hatte eine Wohnung in einem Außenbezirk gefunden. Bald fühlte er sich isoliert. „Monatelang hing eine geschlossene graue Wolkendecke über der Stadt, alles dicht, keine Sonne, das hat mir den Rest gegeben. Ich musste weg.“ Sein neues Ziel: Stuttgart.

Die meisten wissen nicht einmal, wer nebenan wohnt

Stephan wäre ein Fall, der extrem vom sozialen Wohnungsbau profitieren würde – so Athanasios Tsirikiotis –, dem mit einer richtigen Bleibe weit besser geholfen wäre als mit dem Hotelzimmer. Das Leben im Hotel Weimar klingt komfortabel: Sozialarbeiter, die immer ansprechbar sind, ein Hausmeister, der für Ordnung sorgt, eine Putzfrau, die regelmäßig durchwischt. Wahr ist aber auch: Das Leben in der Sozialunterkunft verläuft ähnlich anonym wie in richtigen Hotels. Als wären die Bewohner nur auf der Durchreise. Die meisten wissen nicht mal, wer im Zimmer nebenan wohnt.

Ohne die feste Struktur wären viele gar nicht in der Lage, alleine zu wohnen. Sei es, weil sie als Obdachlose Jahre auf der Straße zugebracht oder nie gelernt haben, eine Waschmaschine zu bedienen. Die Bewohner sind verpflichtet, die Putzfrau einmal die Woche einen Blick ins Zimmer werfen zu lassen. Manchmal findet sie die Räume dann völlig verdreckt und von Ungeziefer befallen vor.

Verwahrlosung ist ein großes Problem, sagt Tsirikiotis. „Man darf nicht glauben, dass mit Wohnraum allein alles gelöst wäre.“ Für manche ist das Hotel die letzte Rettung. So werden aus Tagen dort Wochen, aus Wochen Monate, aus Monaten Jahre. Ein Bewohner ist seit vier Jahren Dauergast.

Wie lange bleibt Stephan?

Wie lange wird Stephan im Hotel sitzen? Seit seinem Einzug haben ihm Beratungsstellen bereits zwei Zimmer in Wohngruppen angeboten. Doch er winkte ab. Er hat sich die Unterkünfte angesehen. In einem Fall hätten Bad und Küche ausgesehen „wie im Zoo“. In dem anderen Zimmer hätte er das Fenster nicht anfassen können, ohne mit seinem Finger an der Scheibe kleben zu bleiben. „Ich kann’s mir nicht aussuchen, aber ich muss mir auch nicht alles antun.“

Wenn er sich etwas wünschen könnte, wäre das eine kleine Wohnung für sich, mit Balkon. „Vielleicht ist das schon zu viel verlangt“, meint er nach kurzem Grübeln und streicht den Balkon. „Einfach nur eine kleine, ruhige Wohnung.“

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