Das DAT Ensemble spielt Lewis Carrolls Kinderbuchklassiker mit Witz und vielen Rollenwechseln. Die Premiere in Böblingen ist am Samstag.

„Wenn du Alice bist, sind wir das Wunderland!“ – der Chor ist sich einig. „Ohne uns würdest du stundenlang auf der Wiese sitzen und dich langweilen!“ Im Wunderland aber bleibt nichts sich wirklich gleich, alles verändert sich. Mal ist Alice groß, mal ist sie klein, für eine Moral ist es immerzu zu früh, der Anfang ist mal vorne und mal hinten, London ist die Hauptstadt von Paris und Paris die Hauptstadt von Rom, und: „Zurück ist nur ein Vorwärts in die entgegengesetzte Richtung.“

 

Lewis Carroll schrieb „Alice im Wunderland“ vor 161 Jahren. Er ließ Alice, ein kleines Mädchen, in den sprichwörtlichen Kaninchenbau fallen und eine Welt erleben, die heiter aus den Fugen geriet, mitunter auch wilde, bizarre Dimensionen annahm. Das Böblinger DAT Ensemble, eine Gruppe der Dance Art Theater Kunstschule, spielt das surreale Märchen nun, am Samstag ist Premiere. Eine Woche zuvor wird noch intensiv geprobt, hat das Stück natürlich längst schon Form angenommen.

Identität der Heldin ist nie ganz gewiss

Marion Schneider-Bast, freie Regisseurin, zuvor beispielsweise am Landestheater Tübingen, inszeniert Alice im Wunderland mit einem kleinen Ensemble, mit ausschließlich weiblichen Darstellerinnen. Sie sind zwischen 16 und 67 Jahren alt, sie sind zu siebt, und sechs von ihnen spielen Alice. Cornelia Maurer allein darf nur die Herzogin und auch einmal die Grinsekatze sein – Charlotte Rade, Lorena Sekulić, Leonie Schambier, Larissa Schambier, Aline Schmodde und Juli Henne tragen T-Shirts, die sie als Alice kenntlich machen, treten auch auf als Bube, Raupe, Grinsekatze, Hutmacher, wechseln ihre Rollen also oft – im Wunderland lösen sich nicht nur alle logischen Gesetze auf, auch die Identität der Heldin ist niemals ganz gewiss.

Angelegt, sagt Marion Schneider-Bast, sei dieser Zug bereits bei Lewis Carroll. Gerade dass „Alice im Wunderland“ so ungemein berühmt ist, etliche Bearbeitungen, Deutungen erfuhr, in Film, Theater, Popmusik, macht die Geschichte für die Regisseurin interessant: „Deshalb kann ich auch sehr frei mit dem Stoff umgehen“, sagt sie. „Es gibt viele Interpretationsmöglichkeiten.“ In der Version des DAT Ensembles geht Alice mit immer größerem Selbstbewusstsein durch das Wunderland, stellt die schwindelerregende Welt, in der sie sich wiederfindet, immer wieder in Frage, gewinnt dabei Reife, Sicherheit. Sie ist kindlich, naiv, und doch schlau. Sie lernt, sich zu behaupten. Leicht ist das nicht. „Ich bin Alice!“, ruft die eine aus. „Das werden wir mal sehen!“, antworten ihr all die anderen.

„Ich kann auch sehr frei mit dem Stoff umgehen. Es gibt viele Interpretationsmöglichkeiten.“

Marion Schneider-Bast, Regisseurin

Das Wunderland besteht beim DAT Ensemble, im städtischen Feierraum Böblingen, aus drei flachen, breiten Stufen, bewachsen von künstlichem Rasen, vorne silbern verkleidet. Es gibt eine weiße Tür, die ins Nirgendwo führt, und einen Türrahmen, den ein tiefgrün glitzernder Vorhang füllt. Alice, mehrfach, sitzt dort erst und langweilt sich. Dann taucht das Kaninchen auf, in weißem Plüschkostüm mit weißen Ohren, hüpft sehr aufgeregt vorbei. Alice kann nicht anders, sie muss ihm folgen.

Katharina Müller gestaltete das schlichte Bühnenbild und die Kostüme. Die vielen seltsamen Gestalten und Ereignisse im Wunderland werden ebenso schlicht und klar umgesetzt: Wenn Alice plötzlich zur Riesin wird, schaut sie weit droben aus einem Vorhang heraus. Axel Joppke kümmerte sich um Bühnentechnik, Licht und Ton – die Musik, die Alices Abenteuer begleitet, tritt mal auf als verspielte Unterwassermelodie, wird, tief im Wunderland, zum dramatisch vorüberfliegenden Geigenklang.

Im Programmheft sprechen die sieben Darstellerinnen darüber, welche der Figuren ihres Stückes ihnen am besten gefallen. Die Grinsekatze, im Original die „Cheshire Cat“, ist eine Favoritin. Sie ist zwar freundlich, aber auch ein wenig bedrohlich, sie spricht in Rätseln, und sie löst sich auf. Die Teegesellschaft mit dem Hutmacher – bunte Hüte türmen sich auf seinem Kopf – der Herzkönigin und der Haselmaus, die zwischen ihnen sitzt und schläft, ist ebenfalls beliebt. Vor allem aber identifizieren die Schauspielerinnen sich mit Alice. „Sie ist mutig, neugierig, offen, immer freundlich und findet ihren Weg durch das Chaos“, sagt Lorena Sekulić.

Der Wortwitz steht im Vordergrund

Marion Schneider-Bast hat Lewis Carrolls Buch wenig hinzugefügt, hat vieles verdichtet und eine Version geschaffen, die den Wortwitz, den dialogischen Charakter der Erzählung in den Vordergrund stellt, dabei auch die reizvoll skurrilen Erzähltexte in das Spiel integriert. Mit seinen Rollenwechseln stellt „Alice im Wunderland“ das DAT Ensemble durchaus vor eine Herausforderung – aber das Ensemble begegnet ihr mit einigem Vergnügen. Und wenn ein Kuchen schmeckt wie Käsesoße, Sahne, Ananas, Putenbraten und Kaiserschmarrn zugleich, dann kann er eigentlich nur lecker sein. Findet Alice.

Termine Alice im Wunderland, nach Lewis Carroll, wird vom DAT Ensemble im Städtischen Feierraum Böblingen gespielt am 17., 18., 23., 24., 25., 31. Januar und am 1. Februar. Jeweils 18 Uhr, sonntags 16 Uhr.