Debatte über Oper in Stuttgart „Sancta“-Oper wird zur Zielscheibe der Neuen Rechten

Eine Gruppe von „TFP“ bei ihrem Protest vor der Stuttgarter Staatsoper Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Die Demonstranten vor der Stuttgarter Staatsoper geben sich als besorgte Katholiken. Doch hinter den Kulissen agiert offenbar die Neue Rechte. Wer steckt hinter dem Protest gegen die „Sancta“-Oper?

Baden-Württemberg: Lea Krug (lkr)

Die Opernperformance „Sancta“ hat für viel Aufregung über Stuttgart hinaus gesorgt. Nackte Frauen am Kreuz, echtes Blut und eine entblößte Nonne: Die mediale Aufmerksamkeit für die Inszenierung der österreichischen Künstlerin Florentina Holzinger war und ist groß. Die Tickets sind längst ausverkauft und am Donnerstag kam dann die Nachricht, dass die Inszenierung schon im kommenden Jahr zurückkehren soll.

 

Doch die Künstlerin Florentina Holzinger hat nicht nur Fans. Vor Beginn der Vorstellung am vergangenen Wochenende kam es zu einer kleinen Demonstration. Junge Männer in Anzügen und roten Umhängen sind auf Aufnahmen unserer Zeitung zu sehen. Sie tragen ein Banner mit der Aufschrift „Blasphemie: Hass gegen Christen!“ Am Samstag (26. Oktober) waren es laut Polizeiangaben rund 50 Personen, die sich dem Protest angeschlossen hatten, am Sonntag sollen es laut Polizei noch einmal fünf Personen gewesen sein.

Neben einer Deutschlandfahne wehte auch eine rote Fahne der „Deutschen Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum“ (TFP) – ein eingetragener Verein mit Sitz in Frankfurt. Einst gegründet in Brasilien, engagiert sich der deutsche Ableger von TFP vor allem bei politischen Themen. In dem Blog der Organisation geht es um rechte Inhalte in teils aufgeregter Rhetorik. Über die Oper „Sancta“, heißt es in einem Blogeintrag von TFP: „Man hat den Eindruck, dieses Stück stammt direkt aus der Hölle und wurde vom Teufel selbst inszeniert.“ In einem Video auf YouTube äußert sich auch der Chef der Organisation, Mathias von Gersdorff: „Das ganze ist ein unglaublicher Angriff auf das Christentum.“ Man solle sich an die Oper Stuttgart mit einer Protestmail wenden, dort anrufen und zur Demo kommen.

Zwischen Bravo-Kritik und Rechtsextremen

Dabei braucht es keinen Sex und vermeintliche Blasphemien auf öffentlicher Bühne, um den selbst ernannten Missionar auf den Plan zu rufen. Vor einigen Jahren schon machte Gersdorff mit seinem Protest gegen das Teeniemagazin „Bravo“ von sich reden. Er sah die Jugend gefährdet. Gersdorff inszeniert sich selbst in der Rolle eines besorgten Katholiken, in der Vergangenheit fiel er jedoch vor allem wegen seiner Verbindungen zur Neuen Rechten auf. Er schrieb als Autor des Magazins „Junge Freiheit“, das zeitweise vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. In einer von der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegeben Analyse über Radikalisierungstendenzen in Europa, heißt es außerdem, TFP „sympathisiert mit aristokratischen Ideen“ und tritt für die „Katholische Hierarchie“ ein.

Aber auch unter den christlich-fundamentalistischen Abtreibungsgegnern scheint Gersdorff vernetzt zu sein. Er gilt als Unterstützer des AfD-nahen Aktionsbündnisses „Demo für Alle“ und den sogenannten Marsch für das Leben. Über seinen Account auf „X“ signalisierte er erst im August 2024 seine Unterstützung für letzteren.

Wie blickt die Kirche auf TFP?

Auf YouTube werden die Videos von Gersdorff oft zehntausendfach geklickt. Täglich lädt er seine Beiträge hoch. Vor einem massiven alten Holzschrank blickt er mit Brille, Krawatte und nach hinten gegelten Haaren in die Kamera. Es geht um den „Linkskatholizismus“ oder eine angebliche„Manipulation“ durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Und auch wenn sich Gersdorff auf seinem YouTube-Kanal gerne mit einem Weihbischof zeigt, erklärt Stuttgarts Stadtdekan Christian Hermes, dass TFP nicht die katholische Kirche repräsentiere. „Die Gruppierung gibt es hier in Stuttgart meines Wissens nicht und sie scheint mir auch insgesamt nicht von großer Relevanz zu sein“, erklärt er gegenüber unserer Zeitung.

Aufnahme aus der Oper „Sancta“ Foto: Staatsoper Stuttgart/Matthias Baus

Die inhaltliche Kritik an der Oper teilt Hermes allerdings durchaus. Auch er erklärte vor einigen Tagen, im Rahmen des Stücks würden „religiöse Gefühle entgegen aller sonst gepflegten politischen Korrektheit obszön verletzt.“ Mitarbeiter und Besucher würden brutal an ihre ästhetischen Grenzen gebracht, so der Stadtdekan. Im September hatte er noch an einer Podiumsdiskussion mit Florentina Holzinger über die Grenz- und Leibeserfahrungen in der Religion und der Performance Art teilgenommen, inzwischen gilt er in Stuttgart aber als großer Kritiker der Inszenierung.

Hassnachrichten über den telefonischen Ticketverkauf

Die Oper muss sich derweil mit dem Vorwurf auseinandersetzen, all das sei lediglich plumpe Provokation. „Es geht um ein künstlerisches Ausdrucksmittel“, erklärt Sebastian Ebling, Pressesprecher der Oper. Florentina Holzinger komme aus der Performance Art und nicht aus dem klassischen Theater. „Der Körper wird hier als ein Medium verstanden“, sagt er. Kritik und Auseinandersetzung mit der Kunst seien grundsätzlich gewünscht und auch die entsprechende Debatte. „Wir haben versucht, in den Dialog zu gehen. Aber inzwischen haben wir eine Grenze erreicht. Bei Gewaltdrohungen hört es einfach auf. Das ist ein Angriff auf die Kunstfreiheit“, so Ebling.

Zuletzt hätten Drohungen die Oper erreicht, berichtet der Pressesprecher. Nicht nur über soziale Netzwerke, selbst über den telefonischen Ticketverkauf gäbe es inzwischen Hassnachrichten. Zuletzt habe man sich sogar gezwungen gefühlt, die Zahl der Sicherheitsmitarbeiter zu erhöhen.

Performance-Künstlerin Florentina Holzinger Foto: dpa/Jens Büttner

Florentina Holzinger äußerte sich in den vergangenen Tagen immer wieder in Interviews. Gegenüber dem Kunst-Magazin „Monopol“ erklärte sie auf die Frage, ob all das nicht durchaus auch gute PR sei: „Wenn ich die Aggressions-Tiraden erlebe, die uns gerade treffen, hätte ich lieber darauf verzichtet.“

Holzinger: Es geht auch um die klassische Verteufelung der weiblichen Sexualität

Holzingers Instagram-Account ist derweil voll von Vorwürfen; sie wird „Häretikerin“, „Satanistin“ und der „Teufel“ genannt. Die Österreicherin versucht aber offenbar, das mit Humor zu nehmen und als Teil ihrer Kunst zu sehen und erklärte: „Lustigerweise spiegelt sich hier genau das 103 Jahre alte Libretto unserer Oper wider. Der Charakter der Susanna wird in dem Moment in den Augen der anderen zur ‚Satana’, in dem sie sich sexuell selbstbestimmt. Hier geht es also um eine sehr klassische Verteufelung von weiblicher Sexualität.“

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