Deepfakes mit Hirschhausen und Co. Fake-Ärzte werben für Heilmittel – eine Betroffene schildert den Betrug

Das Gesicht von Eckart von Hirschhausen, Arzt und Fernsehmoderator, ist schon häufig für betrügerische Verkaufstaktiken im Internet missbraucht worden. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Gefälschte Werbevideos mit Promi-Ärzten führen gehäuft zu Betrügereien in der Heilmittel-Branche. Verbraucherschützer und die Herzstiftung klären darüber auf.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

Es klang vielversprechend, was der aus dem Fernsehen bekannte Arzt Eckhardt von Hirschhausen in der Video-Sequenz angeblich sagte: eine „neue Methode zur Gefäßreinigung, die das Leben verlängern und den Blutdruck für immer normalisieren wird“. Verwiesen wird wird auf das Produkt Cardirin, ein pflanzliches Arzneimittel, das nach Herstellerangaben zur Unterstützung der Herzgesundheit verwendet wird.

 

Eine Frau aus Baden-Württemberg hat sich davon angesprochen gefühlt: Sie gab auf der Internetseite ihre Rufnummer für ein Verkaufsgespräch ein und bestellte letztlich vier Päckchen zu 30 Milliliter für insgesamt 236,00 Euro.

Deepfakes gibt es vor allem im Gesundheitsbereich

Was sie zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste: Es handelte sich um ein manipuliertes Werbevideo, das Menschen zum Kauf der entsprechenden Tropfen anregen soll. Dem Mediziner von Hirschhausen wurden per Künstlicher Intelligenz (KI) Worte in den Mund gelegt, die er selbst nie gesagt hat. Deepfakes werden diese über Nachrichten-Apps, Online-Spiele oder die sozialen Medien ausgespielten Videoclips genannt. Es gibt eine Untersuchung des Österreichischen Instituts für angewandte Telekommunikation (ÖIAT) von Dezember 2025, nach der allein im ersten Halbjahr des vergangenen Jahres mehr als 21,5 Millionen Mal Deepfakes im deutschsprachigen Raum ausgespielt worden sind.

Im Gesundheitsbereich scheint es besonders gut zu funktionieren. So warnen Verbraucherzentralen in ganz Deutschland verstärkt vor Fake-Werbung für Kardio-, Diabetes-, Arthrose- und Abnehmprodukte. Allein die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg zählte innerhalb des vergangenen Jahres mehr als 100 Beschwerden. Die Dunkelziffer derer, die den Betrug noch nicht bemerkt haben oder ihn nicht gemeldet haben, dürfte weitaus höher liegen.

Deepfakes täuschen seriösen Beitrag vor

Es sei für arglose Verbraucher schwierig, solche Deepfakes zu durchschauen, meint Sabine Holzäpfel von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Die Anzeigen sind teils redaktionell so aufgemacht, so dass man glauben kann, man sei auf einen Beitrag eines seriösen Nachrichten-Portals gestoßen.“ In den gezeigten Werbevideos, die teils extrem lang sind, preisen dann bekannte Mediziner angeblich „ihr“ neues Wundermittelchen an – häufig begleitet von weiteren bekannten Personen wie etwa Tagesschau-Moderatoren.

Das betrifft nicht nur Eckhardt von Hirschhausen. Auch der Bundesdrogenbeauftragte und Virologe Hendrik Streek, der Mediziner Matthias Riedl von „Die Ernährungs-Docs“ oder die Ärztin Julia Fischer alias „Doc Fischer“ wurden schon für Deepfakes missbraucht, um für Mittel gegen Diabetes, Bluthochdruck, Rückenschmerzen oder Adipositas zu werben.

Herzstiftung hält gefälschte Videos für gefährlich

„Die Videos sind sehr gut gemacht“, bestätigt der Kardiologe Thomas Meinertz, ehemals Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie und langjähriger Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung. Auch er wurde Opfer eines Deepfakes: als Werbelokomotive für ein Präparat gegen Alzheimer, das er als „wahren Jungbrunnen für den Geist“ anpries. „Ich hätte das gar nicht bemerkt, wenn ich nicht vonseiten der Familie und von Patienten darauf angesprochen worden wäre“, sagt Meinertz.

Das gefälschte Werbevideo ziele auf Menschen, die ohnehin einen hohen Leidensdruck haben und empfänglich für Heilsversprechen sind. „Gerade chronischen Kranke müssen mehrere Medikamente am Tag einnehmen“, sagt Meinertz. „Wenn diese dann hören – scheinbar von anerkannten Medizinern – dies brauche es nicht mehr, weil man den Effekt auch mit ein paar Tropfen erreichen könne, dann ist für manchen die Versuchung sehr groß, zuzugreifen.“

Inhalt der beworbenen Produkte ist problematisch

Das sei nicht nur rufschädigend für die Ärzteschaft. Es hat durchaus gesundheitliche Folgen für Patienten: „Ich habe schon Videos gesehen, in denen geraten worden ist, für das beworbene Produkt ärztlich verordnete Blutdruckmittel wegzulassen“, sagt Meinertz. Auch sei oft nicht klar, welche Inhaltsstoffe in dem Präparat enthalten sind und wie diese wirken. „Auf diese Weise kann man auch nicht absehen, ob es bei der Einnahme zu Unverträglichkeiten kommen oder gar Wechselwirkungen mit bereits eingenommenen Medikamenten geben kann.“

Rechtlich gegen diese Werbepraktiken vorzugehen ist schwer: Die Macher der Deepfakes sitzen im außereuropäischen Raum, beschäftigen Callcenter für ihre Praktiken. „Meist ist gar nicht erkennbar, wer genau dahintersteckt“, sagt Holzäpfel. „Außerdem sind im Internet Websites und Produkte schnell austauschbar.“

Verbraucher sollten Paket nicht empfangen

Auch für Verbraucher, die auf solche Werbepraktiken hereingefallen sind und ein solches Produkt bestellt haben, ist das problematisch: „Sie haben keinerlei Informationen zur Firma, oft keine Kontaktdaten für einen möglichen Widerruf, keine Bestellbestätigung oder ähnliches“, sagt Holzäpfel.

So erging es auch der Baden-Württembergerin, die für 236 Euro mehrere Packungen des Präparats Cardirin besorgt hatte. Sie wollte den Kauf rückgängig machen. Vergeblich rief sie auf der angegebenen Rufnummer an. Niemand meldete sich, keiner rief zurück. Nach zwei Tagen kam das Paket und wurde per Nachnahme bei der Post hinterlegt. So stand sie vor der Frage, ob sie verpflichtet sei, die Bestellung entgegenzunehmen und zu bezahlen.

Ärzte müssen mehr über Deepfakes aufklären

Grundsätzlich sind auch am Telefon geschlossene Verträge gültig. Doch bei solchen unseriösen Anbietern, die Menschen mit Deepfakes in eine Vertragsfalle locken, ist eine nachträgliche Anfechtung oder die Ausübung des Widerrufsrechts aussichtslos, erklärt Holzäpfel. Sie rät daher: „Name und Telefonnummer bei solchen Werbeanzeigen nicht eintragen, nicht bestellen, und wenn es dafür zu spät ist, die Ware nicht annehmen.“ Wer sich unsicher ist, kann sich an die Verbraucherzentralen wenden: Dort gibt es eine mittlerweile lange Liste bereits aufgefallener Produkte und passende Beratungsangebote. Außerdem ist eine Suchfunktion für Fakeshops (verbraucherzentrale.de/fakeshopfinder) verfügbar, um verdächtige Online-Shops zu prüfen. Wichtig ist, die Fakeshop-Seite zu melden – etwa bei der Polizei oder den Verbraucherzentralen.

Verbraucherzentralen helfen bei Unklarheiten und Betrugsverdacht. Foto: IMAGO/Bihlmayerfotografie

Die Deutsche Herzstiftung setzt ebenfalls auf Prävention: Vor allem Ärzte sollten ihre Patienten auf solch dubiose Geschäftspraktiken aufmerksam machen“, sagt der Kardiologe Meinertz. Sinnvoll sei beispielsweise eine regelmäßige Abfrage seitens der Behandler, ob die Patienten zusätzlich zu ihren verordneten Medikamenten noch zusätzliche Mittel einnehmen. Auch sollte der Hinweis nicht fehlen, dass man ohne ärztliche Absprache keine Medikamente absetzen solle. „Patienten sollte zu dem gesagt werden, dass Ärzte nach deutschem Recht grundsätzlich keine Werbung für Gesundheitsprodukte machen dürfen.“

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