Stuttgart - Wenn nicht alles täuscht, so vollzieht sich im Nachleben des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard seit geraumer Zeit eine Verwandlung in zwei unterschiedliche Richtungen. Die eine macht aus einem der furiosesten und kompromisslosesten Gegenwartsvernichter einen allseits geschätzten Humoristen. Längst hat man auch in Österreich den einst mit Morddrohungen und Verbannungsfantasien verfolgten „Nestbeschmutzer“ und „Volksfeind“ als schillernden Paradiesvogel repatriiert, mit dessen prächtigem musikalischem Hassgesang man sich trösten kann, wenn die Wirklichkeit einen noch trostloseren Verlauf nimmt als in den bittersten seiner Pointen.
Die andere Richtung treibt aus der Pose des von der Welt angewiderten Distanzkünstlers den Alltagsmenschen hervor, der in Lederhosen vor einem seiner zahlreichen Landgüter sitzend die merkwürdigsten Allianzen pflegt, wie die zu dem Ferkelhändler und Immobilienfuchs Karl Ignaz Hennetmair. Vor zwanzig Jahren erschien dessen versiegeltes Tagebuch „Ein Jahr mit Thomas Bernhard“, das eine Freundschaft dokumentiert, in der grotesker Humor und bauernschlaue Realitätsgerechtigkeit Hand in Hand gehen. Auf gemeinsamen stundenlangen Spaziergängen „hat die Bekanntschaft einen Grad erreicht, dass wir laut voreinander furzen“, lautet ein Eintrag darin.
Furzen mit dem Ferkel-Freund
Wie man sich so eine gemeinsame Unternehmung vorstellen muss, ist nun in der „Unkorrekten Biografie“ zu sehen, die der Wiener Cartoonist Nicolas Mahler dem Dichter gewidmet hat, der an diesem Dienstag neunzig Jahre alt geworden wäre. Wenn dem zeitlebens an einer chronischen Lungenkrankheit Leidenden nicht die Folgen des Skandals um sein Stück „Heldenplatz“ über die fortdauernde nationalsozialistische Anschlussfähigkeit Österreichs wenige Monate nach der Premiere noch den letzten Atem geraubt hätten. Mahler zeichnet einen charakteristischen Knollennasen-Bernhard in Lodenumhang und Jägerhut, der neben seinem Ferkel-Freund ins Weite wandelt, während kleine schwarze, aus der hinteren Leibesmitte aufsteigende Wölkchen untermalen, was der Schriftsteller sinniert: „Es gibt viel zu wenig wirklich gute scheußliche Menschen, viel zu viele liebe, gute schwache.“
Genau das entspricht ungefähr der Rollenverteilung in dem Rapport, den der Halbbruder des Autors, Peter Fabjan, nun über „Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard“, so der Titel, ablegt. Hier der berühmte, reizbare Großkünstler, ein Meister im Demütigen, in dem das bösartige Kind zeitlebens lebendig bleibt, wie Fabjan schreibt. Dort der liebe, gute, schwache Arzt, der sein Leben ganz in den Dienst der Launen und Leiden des Älteren stellt und bei der „liebevollen Drangsalierung“, die er erfährt, schon einmal vorausblickt: „Wenn Thomas nicht mehr lebt, werde ich meine Zuneigung viel stärker empfinden, als er es heute erlaubt.“
Chauffeur, Leibarzt und Blitzableiter
In fünf Bänden hat Bernhard selbst sein Hineinwachsen in eine Welt gefasst, die von Beginn an mit ihm überfordert war. Und seine Selbststilisierung in einer Suada aus Wut, Verachtung und Hass wurde in ihrer kompromisslosen repetitiven Eindringlichkeit stilbildend für ganze Autorengenerationen. Peter Fabjan wurde von dem Bruder zum Hüter des Nachlasses bestellt, nach dem er vorher als dessen Chauffeur, Leibarzt und geduldiger Blitzableiter für die unberechenbaren Spannungen treue Dienste geleistet hatte. Was das heißt, beschreibt Fabjan in einer Szene: „Unvergessen ist mir sein zaghafter, halblauter Zuruf vom Fenster seiner Wohnung aus, als ich zu meiner Wohnung im gegenüberliegenden Haus ging: ,Peter!‘ Da drehte ich mich nach ihm um. Die andere Erfahrung war: ,Der Johannes in Auslöschung, das bist du!‘“. Jener Johannes, im Roman der Bruder des Privatlehrers Franz-Josef Murau, kommt bei einem Unfall ums Leben.
Von Peter Fabjans freundlichem Temperament zeugt, dass sein Buch keine Abrechnung ist, sondern eher ein genauer Rechenschaftsbericht. Wie ein Archivar ordnet er den Fundus dieser „verwunschenen Familie“, der eines der größten Werke der Nachkriegsliteratur ausstaffiert hat. Man begegnet Bernhards „Lebensmenschen“, dem sonderbaren Großvater Johannes Capistran Freumbichler, dessen Interesse und Wertschätzung den Enkel für die Zurücksetzung seines Stiefvaters entschädigt. Der erfolglose, aber charismatische Heimatschriftsteller ist das Vorbild für die Regers und Minettis und wie die einsamen philosophierenden Geistesmenschen und Übertreibungsvirtuosen in den Stücken und der Prosa alle heißen. Mit der 35 Jahre älteren großbürgerlichen Witwe Hedwig Stavianicek verband Bernhard eine so merkwürdige wie innige Seelenfreundschaft. Bei Mahler begegnet man der Gönnerin wieder als Nebelkrähe, weil ihr markerschütternder Ruf „Thoooomas“ immer wieder durch die Künstlerkommune gehallt sei, in der Bernhard vorübergehend Unterschlupf gefunden hat.
Strafgericht aus dem Ohrensessel
Es sind jene Kreise, über die der Icherzähler des Romans „Holzfällen“ später vom Ohrensessel aus sein Strafgericht halten wird. „Was für lächerliche und gemeine Menschen, dachte ich auf dem Ohrensessel sitzend, und gleich darauf, was für ein gemeiner und lächerlicher Mensch ich selbst bin.“
Während Fabian die Realien sauber einteilt in Haupt- und Nebenpersonen, in Krankenberichte, Auflistungen aller Art, geht Mahler zum Distanzkünstler auf produktive Distanz. In sein gezeichnetes Best-of der schönsten Bernhard-Momente schmuggelt er manche bizarre Fantasie im Geiste des Schriftstellers.
In wechselseitiger Erhellung der beiden Linien der Bernhard-Pflege tritt der große Hassende als großer missverstandener Liebender ins Licht. Bei Mahler ragt am Schluss die gewaltige Dichternase aus dem Ohrensessel hervor: „Alles armselig und führt zu nichts als zum Ende. Da können S’daheim sitzen, können S’Ihre Büchlein aufstellen, und wenn S’ die dann anschau’n, denken Sie sich: Traurig.“ Wer könnte sich dem entziehen?
Info
Autor Thomas Bernhard wuchs auf dem Land zwischen Salzburg und Südbayern auf, verließ mit sechzehn das Gymnasium, begann eine Kaufmannslehre und studierte schließlich am Salzburger Mozarteum Dramaturgie und Schauspiel.
Werk Sein Durchbruch gelang ihm mit dem Roman „Frost“ (1963). In rascher Abfolge entstanden Erzählungen und Romane, von denen heute „Der Untergeher“ (1983), „Holzfällen. Eine Erregung“ (1984), „Alte Meister“ (1985) und „Auslöschung. Ein Zerfall“ (1986) zu den bekanntesten zählen. In den 70er und 80er Jahren schrieb Bernhard die Theaterstücke, die unter der Regie von Claus Peymann seinen Ruf als Zeitkritiker begründeten. Die Uraufführung des Stücks „Heldenplatz“ über den „Anschluss“ Österreichs an Deutschland löste 1988 einen Skandal aus. Thomas Bernhard starb am 12. Februar 1989.
Neuerscheinungen Peter Fabjan: Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard. Suhrkamp. 195 Seiten, 24 Euro. Nicolas Mahler: Thomas Bernhard. Die unkorrekte Biografie. Suhrkamp. 126 Seiten, 16 Euro.