Demokratie-Preis „Württemberger Köpfe“ Cem Özdemir und der erste Auftritt

Cem Özdemir (l.) und Winfried Kretschmann bei der Verleihung des Demokratie-Preises „Württemberger Köpfe“ Foto: Christiana Kunz

Der amtierende Ministerpräsident und sein Wunschnachfolger haben ein kurioses Aufeinandertreffen. Und Joschka Fischer gibt einen ebenso kuriosen Rat.

Politik/ Baden-Württemberg: Christian Gottschalk (cgo)

Winfried Kretschmann hat nie zu denen gehört, die es besonders eilig damit hatten, dass die Grüne Partei einen Kandidaten für seine Nachfolge nominiert. Schließlich ist der Ministerpräsident bis zu den Wahlen im übernächsten Jahr im Amt, und damit auch in Würden. Und mit den Würden kann es ja durchaus so eine Sache sein. Einen Vorgeschmack auf das, was noch kommen mag, gab es jedenfalls schon mal am Mittwochabend in Heilbronn.

 

Demokratiepreis für Joschka Fischer

Die Württemberger Gesellschaft hat in der rappelvoll besetzten Harmonie ihren Demokratie-Preis „Württemberger Köpfe“ verliehen. Empfänger des mit 100 000 Euro dotierten Preises war der ehemalige Außenminister Joschka Fischer, der vor 76 Jahren in Gerabronn geboren wurde. Das sind Luftlinie gerade mal rund 50 Kilometer vom Ort der Feier entfernt. Fischer zieht die Massen an, immer noch. Zahlreiche Honorationen tummelten sich in der Halle, Botschafter, Konsuln, Wirtschaftslenker, Politiker. Natürlich war auch der Ministerpräsident zugegen im Saale. Auf der Bühne aber redete der, der den Job im übernächsten Jahr erst noch gerne übernehmen würde. Es war der erste offizielle Auftritt von Cem Özdemir, nachdem er bekannt gegeben hatte, was jeder im Südwesten schon lange erahnt hatte.

„Keine Rede ohne ein Zitat von Monty Python, Groucho Marx oder Stan & Ollie“. Das hatte Özdemir vor wenigen Tagen der „Zeit“ verraten. In Heilbronn wurde er daran erinnert, noch bevor er die Bühne betrat. Und so ganz offenkundig war es nicht, ob sich Özdemir an seine eigene Regel halten wollte – oder ob er die umfangreiche Zeit der Ehrengästebegrüßung („lieber Winfried, lieber Günther Oettinger) dazu nutzte, parallel zum Gruß im eigenen Hinterstübchen zu kramen. Özdemir ist Profi genug, um dort ein paar Worte von Groucho Marx zu finden – und den ersten Lacher auf seiner Seite zu haben.

Plädoyer für Boris Palmer

Cem sei schon der richtige Mann für diesen Aufgabe, hatte Joschka Fischer schon am Morgen dieser Zeitung erklärt, und noch einen ganz unverbindlichen Vorschlag oben drauf gepackt. Boris Palmer, der Tübinger Oberbürgermeister, das sei ein Mann, den das Land schon gebrauchen könnte, so der ehemalige Außenminister. „Mich würde es freuen, so stur er auch ist.“ Dazu muss man wissen, dass Sturheit auch zu den Attributen zählt, die dem ehemaligen Turnschuhminister zugeschrieben werden. Ob es mit Palmer wirklich so kommen könne, „da müssen Sie natürlich den Cem fragen“, sagt Fischer.

Joschka Fischer hält Cem Özdemir für den richtigen Mann. Foto: dpa/Soeren Stache

Am Abend belässt es Özdemir nicht nur bei Lachern. Er hält eine Vor-Laudatio, bevor der ehemalige luxemburgische Außenminister Jean Asselborn ans Mikrofon tritt. Es ist ein Hallenpublikum, das gerne und wohlwollend nickend zuhört, wenn Özdemir über die Großmachtfantasien des russischen Präsidenten spricht, und dabei immer wieder mit schwäbischem Zungenschlag intoniert. „Angscht“ „düschter“, „bischt“. Wenn er mahnt, dass die liberale Demokratie auf dem Spiel stehe, durch Russland, nach den Wahlen in den USA – und mit AfD und BSW in Deutschland. Es ist ein empfängliches Publikum für diese Töne.

Auf dem richtigen Weg

Daran, dass Cem Özdemir den richtigen Ton trifft, hat auch Rezzo Schlauch keine Zweifel. Der ehemalige Bundestags- und Landtagsabgeordnete hat einen erheblichen Anteil daran, dass Özdemir nicht vor Jahren zur SPD gewechselt ist. Nun sei der Cem auf dem richtigen Weg. Vielleicht müsse er noch lernen, dass er manchmal auch jemandem weh tun müsse, sagt das Grüne Urgestein unserer Zeitung.

Dieser Abend ist aber nicht dazu gemacht, jemandem Schmerzen zuzufügen. Im Foyer drängen sich die Menschen, um mit dem Ministerpräsidentenkandidaten für ein Selfie zu posieren. Der lässt das lächelnd über sich ergehen. Der amtierende Landesvater steht jetzt auch mitten drin, und nicht mehr nur daneben.

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