Erstmals war der „Tag für Demokratiebildung“ für angehende Gymnasiallehrerinnen und -lehrer verpflichtend. Ausdruck dessen, dass Demokratiebildung wichtiger wird.
Sie sollen nur mal schnell die Welt retten: die 250 jungen Menschen, alles angehende Gymnasiallehrerinnen und -lehrer, die im September zum ersten Mal vor Schulklassen stehen werden. Nein, nicht die ganze Welt, aber immerhin doch die Demokratie in Deutschland, die einen kontinuierlichen Einsatz erfordert. Und sie sollen sie auch nicht alleine retten müssen. Aber sie sind doch ganz wesentlich gefordert, weil sie sich für „wichtigsten Beruf“ entschieden haben, wie ihnen der Präsident des Zentrums für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) Thomas Riecke-Baulecke, auseinandersetzt. „Lehrer sind Akteure der Demokratie“, lässt er sein Publikum wissen. Sie sollen die Schüler „zur Demokratie erziehen“.
„An ihnen, den Lehrern, orientieren sich viele“, betont wenig später weniger forsch Michael Blume, der Antisemitismusbeauftragte der Landesregierung, nachdem Karin Winkler, die Direktorin des Lehrerseminars, eingangs erklärt hat, dass es Aufgabe der Lehrerinnen und Lehrer sei, entsprechend ihrem Amtseid „den demokratischen Schutz in den Schulalltag zu tragen“.
Es sind große Worte, große Erwartungen und große Hoffnungen, die den 250 jungen Menschen am Donnerstag im Hospitalhof begegnen. Anlass des Treffens ist der „Tag für Demokratiebildung“ des Lehrerseminars gemeinsam mit vielen Partnern wie der Landeszentrale für politische Bildung, der für die Referendare in diesem Jahr erstmals verpflichtend ist. „Die Feinde der Demokratie haben besonders auf junge Menschen ein Auge geworfen haben“, warnt Karin Winkler. Deshalb würden Demokratiebildung und -erziehung immer wichtiger werden und durch G9 noch mehr Raum erhalten . „Es sind schlechte Zeiten für die beste aller Staatsformen“, sagt sie und zitiert den Demokratie-Index der Universität Göteborg, die die demokratische Entwicklung weltweit untersucht. Danach belegt Deutschland aktuell nur noch Platz zwölf – der schlechteste Wert seit mehr als 35 Jahren. Ernüchternd auch der Blick in die Welt. Laut der Studie gibt es erstmals seit 20 Jahren weltweit mehr geschlossene Autokratien als liberale Demokratien. Demnach lebt heute nur noch rund ein Viertel der Menschheit in einer Demokratie. Der Demokratiefortschritt der vergangenen Jahre sei „zunichte gemacht worden“, sagt Winkler. Allein im vergangenen Jahr hätte sich die Zahl der Autokratien um 42 Länder erhöht. Der demokratische Fortschrittsglaube scheint in der Tat heftig erschüttert, und auch für Michael Blume ist es „nicht mehr zu 100 Prozent sicher“, ob es hierzulande gelingt, die Demokratie zu erhalten.
Ein Befund, den der ZSL-Präsident vor den Jung-Lehrern aufzuhellen versucht, in dem er herausstreicht, was die Gymnasien zur Integration von Zugewanderten seit Jahren beitragen würden. Er verneint die „pädagogische Freiheit“ und unterstreicht die „Erziehungsaufgabe“, der die Lehrer nachkommen müssten. Dazu gehöre es, an den Schulen ein „diskriminierungsfreies Klima“ herzustellen und die Schüler „zum Sprechen und Diskutieren“ zu bringen. „Höchste Aufgabe“ der Lehrerinnen und Lehrer sei es, ihnen zu helfen „ihre eigene Stärke zu erkennen, um erfolgreich lernen zu können“. „Starke Schüler“ sind für Riecke-Baulecke eine Voraussetzung, um im wirtschaftlichen Wettbewerb erfolgreich sein zu können: „Von der Leistungsfähigkeit unserer jungen Generation hängt es ab, ob unsere Demokratie im Wettbewerb mit autokratischen Systemen bestehen wird“, meint er. Deshalb brauche es ein leistungsfähiges Schulsystem und hochwertige Bildung.
Michael Blume: „Demokratiebildung ist heute Medienbildung“
Auch Karin Winkler und Michael Blume sehen – mit anderem Akzent – in der Stärkung der Heranwachsenden einen Schlüssel für eine vitale Demokratie. Das sei umso wichtiger, als Kinder und Jugendliche in einer Zeit aufwachsen würden, die vom Dualismus von „Gut und Böse“ geprägt sei. Diesen Dualismus gelte es zu überwinden und eine vermittelnde Rolle einzunehmen. Der Umgang mit Medien spielt für Blume angesichts der „Medienrevolution“ die entscheidende Rolle: „Demokratiebildung ist heute im Wesentlichen Medienbildung“, sagt er.
Dabei setzt er gezielt auch auf die Kompetenzen der Jungen: „Bildung bedeutet, in jedem Menschen das Potenzial zu sehen und niemanden aufzugegeben.“ Gemeinsam müsse man „durch diese Zeiten gehen“. Alles in allem reichlich Stoff für das anschließende „Bar-Camp“, in dem sich die 250 Jung-Pädagogen in kleinen Gruppen über das Gehörte und ihre Rolle austauschen – weniger als Weltenretter, aber doch als selbstbewusste „demokratische Stützen“.