Bopfingen im Ostalbkreis. Eine verschlafene 11 000-Seelen-Gemeinde an der B 29, bekannt wegen des spätmittelalterlichen Flügelaltars der Kirche St. Blasius, diverser Burgruinen im näheren Umfeld und den Berg Ipf, dem frei stehenden Kegel des süddeutschen Jura, der das Landschaftsbild bestimmt. Erstmals in der Jungsteinzeit besiedelt, war er später als keltischer Fürstensitz ein überregionales Machtzentrum.
Von diesem Städtchen nah an der Grenze zu Bayern aus machte sich vor knapp einem Vierteljahrhundert der heranwachsende Christian Jungwirth auf, um Fußballprofi zu werden. Mehrfach die Woche kutschierte ihn sein Vater nach Stuttgart und zurück. Auf dem Weg in die Landeshauptstadt werden noch die Teamkameraden eingesammelt, darunter der spätere Nationalspieler Andreas Beck. Christian ist Torhüter – und in seinen Mannschaften und bei seinen Trainern vor allem ob seines unbändigen Ehrgeizes beliebt. „Eine schöne Zeit war das, so unbeschwert“, erinnert sich Beck an die Mitte der Neunzigerjahre. Stuttgart wird Hip-Hop-Hauptstadt, in den Walkmen der Jungs laufen die Songs der Kolchose. Andreas und Christian verbringen ihre Freizeit auf Skateboards und Fußballplätzen. „Christian war schon immer der etwas wildere Charakter. Aber auch schon immer bereit, sehr viel zu investieren, um weiterzukommen“, so Beck.
Thomas Tuchel trainiert Jungwirth in der U15
In der U15 werden sie von Thomas Tuchel gecoacht, neben Beck ist unter anderem Serdar Tasci Jungwirths Mitspieler, der beim VfB noch groß rauskommen sollte. Jungwirth ist das nicht vergönnt. Verletzungen pflastern seinen Weg. Er kämpft sich immer wieder ran, doch in der U17 ist Schluss. Während Beck und Tasci im Kreise der Juniorennationalmannschaften unterwegs sind, schafft er den Sprung in die nächsthöhere Altersklasse nicht. Er versucht es noch weiter, verdingt sich bei kleineren Clubs wie den Sportfreunden Dorfmerkingen, doch die Verletzungen werden zu viele. Mit 22 Jahren sieht es Jungwirth ein. Der Traum vom Profifußball ist geplatzt. Die Erkenntnis wirft den jungen Mann völlig aus der Bahn. „Ich wollte immer Profisportler werden. Dass es nicht funktionierte, hat mich fertig gemacht. Ich wurde depressiv, habe den Faden und jegliche Motivation verloren und einfach so vor mich hingelebt“, sagt der nun 36-Jährige heute. Partys, Alkohol und Hooliganismus treten in sein Leben.
Denn die Liebe zum VfB Stuttgart, sie blieb. Jungwirth, der zu dieser Zeit regelmäßig die Spiele in der Cannstatter Kurve verfolgte, kam schnell in die entsprechenden Kreise. Jung, unbedarft, durchtrainiert und auf der Suche nach Nervenkitzel geht es für den Club „auf den Acker“, wie es im Kurvenjargon heißt. Rund 20 solcher Auseinandersetzungen, die immer weit abseits der eigentlichen Spiele stattfinden und im Regelfall im Vorfeld ausgemachte Kämpfe sind, macht er mit. Tattoos, darunter eine riesige 1893 als Reminiszenz an „seinen Verein“, pflastern nach und nach seinen Körper. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, jobbt er bei einem Batteriehersteller. Vierschichtbetrieb. Hartes Brot. Auf der Suche nach einer einfacheren Verdienstmöglichkeit versucht er, ein Modegetränk im Eigenvertrieb an den Mann zu bringen. Dieser Versuch verschlägt ihn an eine Tankstelle an der B 29 in der Nähe von Bopfingen. Dort hat eine junge Frau die Leitung, die sein Leben für immer verändern wird.
Frau zügelt den ziellosen Jungwirth
„Als ich ihn kennengelernt habe, war er ziellos. Er war immer nur am Party machen, hat nur Blödsinn im Kopf gehabt“, erinnert sich Cigdem Jungwirth (39), die an ihrem Mann heute die ruhige Art schätzt. „Da muss schon viel passieren, ehe er die Geduld verliert. Er ist sensibel und hat ein großes Herz“, charakterisiert sie ihn. Die junge Frau bändigt ihn – und macht Eindruck auf Jungwirths Mutter Marica, die in Bopfingen das „Bürgerstüble“ betreibt. Einer Hochzeit steht nichts mehr im Wege. Bald kommt Tochter Melina (10) zur Welt. „Er wurde viel ruhiger, kam dann wieder zum Sport. Ohne diese Wendung wäre sein Leben in keine gute Richtung verlaufen, da bin ich mir sehr sicher“, bilanziert Cigdem. Jungwirth, der nun plötzlich eine Familie zu ernähren hat, beginnt zu boxen. Die Regelmäßigkeit bringt Struktur in sein Leben. Mit 30 kommt er erstmals in Kontakt mit dem Kampfsport Mixed Martial Arts (MMA). Ein harter Vollkontakt-Sport, bei dem in einem achteckigen Käfig (Oktagon) Mann gegen Mann gekämpft wird und auch noch im Bodenkampf getreten und geschlagen werden darf. Er fängt sofort Feuer. „Ich habe dann eigentlich erst angefangen, mich so richtig mit der Sportart auseinanderzusetzen“, blickt er zurück.
Über einen Freund kommt er zu Oliver Maier (52), der in Fellbach das „Kongs Gym“ betreibt. „Er war davor in der gewaltbereiten Fußballszene unterwegs und dachte, er sei kampferprobt. Bis er dann hier von einem 15-Jährigen komplett zerlegt wurde“, erinnert sich der erfahrene Kampfsportler, der seit Jahren MMA-Kämpfer ausbildet und in Fellbach über 600 Menschen den Kampfsport näherbringt. Die Lehrstunde gegen einen Teenager „hat ihn angefixt. Diese Faszination Vollkontakt-Kampfsport, die vor allem anderen zuerst Charakterbildung ist, hat ihn gepackt. Daraus hat sich sein Bedürfnis entwickelt, es zu lernen – um es irgendwann zu können“, so Maier. Jungwirth beginnt zu trainieren wie ein Verrückter. Drei Einheiten pro Woche in Fellbach. Mindestens. Morgens bringt er die Tochter zur Kita, fährt rund 90 Minuten zum Training. Von dort geht es nach Ellwangen zur Spätschicht, kurzes Nickerchen auf dem Parkplatz, abends noch eine weitere Einheit. Ein kräftezehrendes Leben, das auch den Geldbeutel strapaziert. Jungwirth ordnet dem Kampfsport alles unter. „Disziplin, Ehrgeiz und Willen hatte ich beim Fußball auch schon. Als Torhüter war ich fitter als viele Feldspieler. Durch den Kampfsport habe ich dann gemerkt, dass die Flamme wieder brennt. Lichterloh.“
Christian Jungwirth kann von MMA leben
Erste Erfolge und Sponsoren stellen sich ein. Er kann im Job erst auf 80 Prozent reduzieren, mittlerweile lässt es sich von MMA leben. Über zehn Trainingseinheiten pro Woche, eine Mentaltrainerin, viel Schlaf, gezielte Ernährung und Vitamin-Infusionen bestimmen seinen Tagesablauf. „Es ist Profisport. Man darf nichts dem Zufall überlassen“, sagt Jungwirth, der wie früher von seinem unbändigen Willen lebt. Eine Szene aus einem Kampf im letzten Jahr verdeutlicht das gut. Jungwirth, der den Kampf später noch verlieren sollte, wurde von Bojan Velickovic in den sogenannten „Rear Naked Choke“ gezwungen. Dabei umklammert ein Kämpfer den anderen und hat einen Unterarm unter dessen Kinn platziert, um Luft- und Blutzufuhr zu erschweren und den Kontrahenten zur Aufgabe zu zwingen. Normalerweise geben Kämpfer in einer solchen Situation nach wenigen Sekunden auf. Sie „tappen“ auf den Ringboden, der Schiedsrichter bricht ab, der Kampf ist entschieden. Nicht so Jungwirth. Er schafft es sogar, mit Velickovic auf seinem Rücken aufzustehen, bis dem Serben die Kraft ausgeht und er von Jungwirth ablassen muss. „Für die Karriere gebe ich alles – und bin bereit, über Grenzen zu gehen. Ich will das unbedingt. Mehr als alles andere“, beschreibt er die Situation.
Die Szene vom Kampf in Oberhausen geht viral. Jungwirth, bis dato durchaus bekannt und beliebt bei den Fans des Kampfsports, wird zum Star. „MMA erfährt eine immer größere Aufmerksamkeit in Deutschland. Christian ist der perfekte Botschafter, schon durch seine Vita“, sagt sein alter Weggefährte Beck, der heute wieder eine enge Bindung zu Jungwirth hat. „Er ist ein gutes Beispiel, wie weit man es mit Disziplin und eisernem Willen bringen kann“, sagt der Ex-Profi, der seinem Kumpel ein kleines Buch geschenkt hat, das dieser jeden Tag bei sich trägt. Eine im Eigenverlag rausgebrachte Sammlung an Aphorismen und Motivationssprüchen, die helfen sollen, Höchstleistung zu bringen.
Kampf vor ausverkauftem Haus in Stuttgart
Eine Entwicklung, die nun zu einer nahezu ausverkauften Hanns-Martin-Schleyerhalle führt. Am Samstag, 23. März, kämpft der Bopfinger, Kampfname „The Kelt“, vor rund 12000 Zuschauern als Headliner des Abends gegen den Slowaken Robert Pukac. „Immer vor meinen Kämpfen gehe ich auf den Ipf. So hole ich mir die spirituelle Kraft der alten Kelten“, sagt Jungwirth, der seine Herkunft akzentuiert: „Ich werde nie vergessen, wo ich herkomme. Ich bin der letzte lebende Kelte – das passt wie die Faust aufs Auge.“ Die Vorfreude auf den Kampf ist groß, seit Jahresbeginn bereitet sich der Familienvater darauf vor. Täglich bis zu drei Einheiten, ein 14-tägiges Trainingslager in Thailand wurde absolviert, seit einiger Zeit wird Gewicht gemacht, um bei dem Kampf im Weltergewicht nicht zu schwer zu sein. Seine Frau blickt dem Kampf mit gemischten Gefühlen entgegen. „Man denkt ja eigentlich, dass man sich daran gewöhnt, wenn der Mann in einem Käfig kämpft. Aber das ist nicht so. Es wird immer schlimmer. Ich bin jedes Mal froh, wenn es vorbei ist“, sagt Cigdem.
Ihr Mann hat dagegen nur noch eines im Sinn. Den Sieg, dem möglichst noch weitere folgen sollen. „In so einer kurzen Zeit so einen Weg zu gehen, das ist schon krass. Darauf bin ich stolz. Und er ist noch nicht zu Ende!“, sagt Jungwirth. Noch zehn Jahre will er auf höchstem Niveau kämpfen – wie sein Vorbild Yoel Romero. Der Kubaner, früherer Olympionike (2000 Silbermedaille im Ringen) und mittlerweile 46, ist einer der ganz großen Stars der Szene. Bis es vielleicht einmal so weit ist, lebt Jungwirth weiter seinen Kindheitstraum: „Eigentlich habe ich ja nur die Handschuhe getauscht.“
Über Mixed Martial Arts
Mixed Martial Arts („Gemischte Kampfkünste“; kurz MMA) ist eine Vollkontakt-Kampfsportart. Populär geworden ist MMA Anfang der 1990er Jahre durch die Organisation Ultimate Fighting Championship (UFC), dem weltweit größten Veranstalter dieser Art von Turnieren und von deren Übertragung im Fernsehen. In Europa gibt es mehrere Veranstalter, darunter „We Love MMA“ (Deutschland) oder Oktagon MMA (Italien).
Bei MMA bedienen sich die Kämpfer den Schlag- und Tritttechniken (Striking) des Boxens, Kickboxens, Taekwondo, Muay Thai und Karate als auch der Bodenkampf- und Ringtechniken (Grappling) des Brazilian Jiu-Jitsu, Ringens, Judo und Sambo. Auch Techniken aus anderen Kampfkunstarten werden benutzt. „MMA ist der Zehnkampf des Kampfsports. Kondition, Kraft, Kraftausdauer, Technik. Athleten müssen zehn Jahre oder länger trainieren, um auf hohem Level konkurrenzfähig sein“, sagt Experte und Ausbilder Oliver Maier (Kongs Gym Fellbach). Dass auch im Bodenkampf geschlagen und zum Teil getreten werden darf, ist das Hauptunterscheidungsmerkmal zu anderen Vollkontaktsportarten.
Kritik an teils blutigen Kämpfen
Die Sportart ist weltweit populär, besonders groß ist der Markt in Osteuropa, Großbritannien und den USA, wo ein Millionenpublikum die Kämpfe im Pay-TV verfolgt, ähnlich wie im Boxen. Es gibt ein klares Regelwerk und auch Schiedsrichter, die die Kämpfe leiten. „MMA ist die sportliche Auseinandersetzung unter einem Regelwerk, das maximalen Freikampf zulässt aber eben auch maximale Sicherheit für den Athleten gewährleistet“, sagt Maier. Gekämpft wird in einem achteckigen Käfig, dem Oktagon, auf Mattenboden. Nichtsdestotrotz ist die Sportart gefährlich und steht aufgrund der teils blutigen Kämpfe in der Kritik. Zwischen 2007 und 2017 kam es zu insgesamt sechs Todesfällen in Zusammenhang mit Kämpfen.
Kritik gibt es auch, weil insbesondere die rechte Szene immer wieder versucht, den Kampfsport zu instrumentalisieren. Wie etwa durch das Event „Kampf der Nibelungen“, eine rechtsextreme Kampfsportveranstaltung in Ostritz. 2018 war der „Kampf der Nibelungen“ erstmals eine angemeldete Veranstaltung. Unter Polizeischutz kamen 700 Zuschauer. Die Initiative „Runter von der Matte“, die sich gegen eine rechte Vereinnahmung von Kampfsport zur Wehr setzt, dokumentiert auf ihrer Internetseite die Zugehörigkeit Dutzender Besucher und Kämpfer zur gewaltbereiten rechtsextremen Szene.