Der Mediziner Hans Kleinschmidt Ein Nazi-Arzt im Kindersolbad

Das ehemalige DRK-Kindersolbad in Bad Dürrheim ist heute eine verlassene Immobilie, die auf einen Investor wartet. Foto: Andreas Reiner/Sichtlichmensch

Von 1956 bis 1973 war Hans Kleinschmidt Chefarzt im DRK-Kindersolbad Bad Dürrheim. Jetzt belegen Archivfunde, dass er 1942 am Euthanasiemord eines kleinen Jungen beteiligt war. Wer war dieser Mann?

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Bad Dürrheim - Hans Kleinschmidt wird seinem späteren Arbeitgeber, dem Badischen Deutschen Roten Kreuz, nicht von Egon M. aus dem fränkischen Ansbach erzählt haben. Im Jahr 1942 war das Kind sein Patient. Ein gutes Jahrzehnt später hatte Kleinschmidt anderes im Sinn. 1955 bewarb sich der damals 50-Jährige um eine prestigeträchtige Stelle. Er wollte Chefarzt im DRK-Kindersolbad Bad Dürrheim, einem der großen Kindererholungsheime, werden. Egon M.s Tod ist ein Kapitel im Lebenslauf des Mediziners, von dem zu seinen Lebzeiten in Bad Dürrheim nie jemand erfahren sollte.

 

Das Leben des Kinderarztes, der Mitte der 1950er Jahre in Bad Dürrheim auftauchte und dessen Spur sich 1973 dort wieder verliert, lässt sich nun durch Archivfunde und Zeitzeuginnenbericht zumindest in Teilen wieder zusammensetzen. Auch deshalb, weil die ehemaligen Verschickungskinder, die Kleinschmidt oder sein Haus erlebt haben, heute als Erwachsene mehr wissen wollen über den Mann im weißen Kittel – und weil sie den Namen ihres Vereins Aufarbeitung Kinderverschickung Baden-Württemberg als Auftrag verstehen und forschen.

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Allmählich wird ihre Ahnung Gewissheit, Kleinschmidt habe eine ihn belastende Vorgeschichte. 70 Publikationen des Kinderarztes, 1905 im bayrisch-fränkischen Fürth geboren, sind nach heutigem Stand überliefert. Darunter findet sich etwa der zweiseitige Strafenkatalog für Kurkinder, den er mit „Sanktionen“ überschrieben hat. In ihm legte der Pädiater fest, wie mit aus seiner Sicht ungezogenen Kindern – er nennt sie „straffällige“ – umgegangen werden solle. Von Schlägen, aber nicht ins Gesicht, Demütigungen und Ausschluss einzelner Kinder aus der Gemeinschaft bis hin zu prangerartiger Bestrafung ist darin die Rede.

Prozess gegen den Klinikleiter

Alles atmet den Geist einer kindermissachtenden, vom Denken der NS-Zeit geprägten Pädagogik. Geschrieben 1956. Dass Kleinschmidt seine Forschungen auch in Bad Dürrheim betrieben hat, belegen Aufsätze, in denen er etwa, wie Recherchen der Stuttgarter Zeitung vom Januar 2021 belegen, von Medikamentenversuchen an den ihm anvertrauten Kurkindern berichtet.

Von dem dreieinhalbjährigen Egon M. findet sich in den vielen wissenschaftlichen Schriften Kleinschmidts kein Wort. Sein Tod wurde 1963/64 im Rahmen eines Prozesses vor dem Landgericht Ansbach gegen den ehemaligen Chefarzt der Universitätskinderklinik Erlangen Albert Viethen öffentlich. Viethen war mittlerweile Chefarzt der Kinderheilstätte und des Kindererholungsheimes Felicitas in Berchtesgaden. Gegen ihn wurde wegen Euthanasieverdacht verhandelt. Eines der Kinder, um dessen Ermordung es ging, ist Egon M.

Sein Tod belegt, dass Hans Kleinschmidt an der Tötung eines Kindes im Rahmen der „Geheimen Reichssache“ Kindereuthanasie beteiligt war. Er war es, der Egon M. sowohl in die Uniklinik als auch in die angegliederte Kinderheilstätte Ansbach eingewiesen hat. In seinem Spruchkammerverfahren vor dem Amtsgerichts Ansbach-Stadt hatte Kleinschmidt stets betont, er habe sich trotz Mitgliedschaft in der Marine SA Leipzig, dem NS-Ärztebund und der NSDAP nie politisch engagiert. Schon gar nicht sei er antisemitisch aufgetreten, wie eine Mutter der Spruchkammer mitgeteilt hatte.

Die Selbstdarstellung und die Wahrheit

Kleinschmidt fand viele Fürsprecher, die seine Nähe zur Kirche und zur Musik betonten, und wies diesen Vorwurf zurück. Stattdessen verwies er auf die Erfüllung durch seinen Arztberuf. Die Medizin war für ihn offenbar ein unverdächtiges und unschuldiges Betätigungsfeld. Er schreibt: „Ich kann nur immer wieder versichern, dass ich mein Leben dem kranken Kind opfere und dass ich es als schönste und edelste Aufgabe meines Lebens betrachte, ein guter und anständiger Arzt für meine kleinen Patienten zu sein.“ Und an anderer Stelle: „Ich habe doch keinem Menschen etwas zu Leide getan.“

Die Akten mit den Details zu Egon M.s Ermordung strafen Kleinschmidt jedoch Lügen. Der Junge kam am 22. Mai 1939 als zartes und oft kränkelndes Achtmonatskind mittels Zangengeburt zur Welt. Seine Mutter lebte mit ihren beiden Kindern in einer Notwohnung im fränkischen Heilsbronn nahe Ansbach. In Ansbach war Hans Kleinschmidt nach seiner Assistenzarztzeit in Leipzig seit 1937 als niedergelassener Kinderarzt tätig.

Die Stationen des kurzen Lebens von Egon M. sind in der Krankenakte der Universitätsklinik Erlangen und der Personalakte und Krankengeschichte der Heil- und Pflegeanstalt Ansbach festgehalten. Die Historikerin Dagmar Bussiek hat die Dokumente für eine Arbeit zur Geschichte der Universitätskinderklinik Erlangen ausgewertet. Egon M. ist eines von 156 Kindern, die in der der Uniklinik nahe gelegenen Kinderfachabteilung der Heil- und Pflegeanstalt Ansbach im Rahmen der sogenannten Kindereuthanasie ermordet wurden. Er starb am 16. Dezember 1942 an den Folgen einer Lungenentzündung. Die Todesursache ist ein untrüglicher Hinweis auf die in der Kindereuthanasie üblichen Gabe des Medikaments Luminal, in dessen Folge die Kinder an Lungen- und Atemproblemen verstarben.

„Besserung wohl kaum zu erwarten“

Weil ihr Sohn Egon wohl als Folge einer Hirnhautentzündung im Säuglingsalter mit zweieinhalb Jahren weder sitzen noch stehen konnte, war seine Mutter Ende 1941 in Kleinschmidts Sprechstunde nach Ansbach gekommen. Der überwies das Kind an die Universitätsklinik Erlangen und schrieb an den Klinikleiter Albert Viethen: „Sehr geehrter Herr Professor! Ich bitte um Aufnahme des Kindes Egon M. Mit ½ Jahr ausgeheilte Meningitis, seitdem geistige Entwicklung stehengeblieben. Im Allgemeinen sehr ruhig, während Krankheiten auffallend unruhig. Ich bitte um Beobachtung und Beurteilung des Krankheitsbildes. “

Der kleine Egon blieb im November 1941 zehn Tag in der Kinderklinik. Danach wurde er mit der Diagnose „Macht einen vollkommenen idiotischen Eindruck. Schielt. Dicke Zunge. Schnorchelnde Atmung. Blöder Gesichtsausdruck.“ und dem Resümee „Besserung wohl kaum zu erwarten“ nach Hause zu seiner Mutter entlassen.

Egons letzte Monate

Am 13. Juli 1942 brachte die 26-Jährige ihren Sohn in die Heil- und Pflegeanstalt Ansbach, wohin sonst die Universitätskinderklinik Erlangen Kinder wie Egon M. überwies. In Egon M.s Fall attestiert der behandelnde Kinderarzt Kleinschmidt die Notwendigkeit der Anstaltsunterbringung. Es besteht kein Zweifel darüber, dass er um die Konsequenzen seines Tuns wusste – und damit Egon M.s Todesurteil unterschrieb.

Dessen letzte Monate sind genau dokumentiert. Für den 14. Juli 1942 ist zu lesen: „Das Kind hat sich bisher ruhig verhalten. Muss mit allem versorgt werden.“ Am 28. August hat jemand notiert: „Meist ruhig und freundlich, liegt auf dem Bauch und lacht gern, wenn man mit ihm spielt.“ Am 10. September heißt es: „Unverändert. Ist der Liebling der ganzen Station. Reagiert nicht auf seinen Namen.“

Das Ende eines kurzen Lebens

Zwei Monate später bekam Egon M. noch einmal Besuch von seiner Mutter und seinem zweijährigen Bruder, „einem sehr gut entwickelten und netten Kind“. Letzteres ist in der Krankenakte ebenso vermerkt wie die Bekundung der Mutter, „sie wolle gerne fünf weitere Kinder zur Welt bringen, wenn dies Kindchen nicht lange leben müsste“. Der Eintrag vom 16. Dezember 1942 hält Egon M.s Tod fest: „Vor einigen Tagen plötzlich fieberhaft erkrankt. Die Untersuchung ergab Lungenentzündung, an welcher er heute verschieden ist.“ Das Leichenschauprotokoll belegt, dass Egon M.s Gehirn zur Selektion entnommen wurde.

Doch auch der Inhalt eines weiteren Schriftstücks wirft einen Schatten auf die Person des späteren Bad Dürrheimer Chefarztes. In seiner Spruchkammerakte, die sein Entnazifizierungsverfahren dokumentiert, findet sich eine Bescheinigung, die ihn entlasten soll. Er habe nie bemerkt, dass Kleinschmidt sich irgendwie politisch betätigt habe, „vielmehr lebte er damals ausschließlich seine ärztlichen und wissenschaftlichen Aufgaben“. Der Persilschein ist unterschrieben von Werner Catel. Ausgerechnet Catel, der zu diesem Zeitpunkt in der Landes-Kinderheilstätte Mammolshausen im Taunus Chefarzt ist. Catel war Gutachter des sogenannten Reichsausschusses im NS-Euthanasieprogramm und tötete selbst Kinder mit geistigen oder körperlichen Behinderungen. Als Ordinarius für Kinderheilkunde der Uni Leipzig ermutigte er 1938 oder 1939 die Eltern eines schwerbeschädigten Säuglings, durch ein Gesuch an Adolf Hitler die Tötung ihres Sohnes zu erwirken. Nach 1945 führte Catel weiter unerlaubte Medikamentenversuche auf der Mammolshöhe durch.

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Er war nicht der einzige Arzt, der sich nach Kriegsende in einer Kinderheilstätte eine neue Existenz aufbaute. Catels Reinwaschung Kleinschmidts liest sich aus heutiger Sicht wie der Beweis des Gegenteils. Als ihn ein befreundeter Arzt darauf hinweist, dass Catel jegliche Mitgliedschaft bei NS-Vereinigungen kleinrede und kein guter Leumund war, zog Kleinschmidt Ende 1947 seinen Widerspruch gegen den Spruchkammerbescheid zurück. Er wurde schließlich als Mitläufer eingestuft.

Einschüchternde Autorität

1956 trat der promovierte Kinderarzt von all dem unbelastet seine Stelle in einem der größten Kindererholungsheime Deutschlands in Bad Dürrheim an. Die neue Wirkungsstätte war für ihn wohl auch deshalb attraktiv, weil sie gleichzeitig Kinderkurheim und Forschungsstätte war, „in der auf Grund der weitgehenden Möglichkeiten immer wieder neue Erkenntnisse auf dem Gebiet der Kinderheilkunde gewonnen werden können und müssen“. So heißt es in einer Festschrift aus dem Jahr 1956.

Kleinschmidt fand in Bad Dürrheim reichlich Kinder als Probanden. Zeitzeuginnen, die ihm im DRK-Kindersolbad während ihres Freiwilligen Sozialen Jahrs im Jahr 1968 begegneten, beschreiben ihn als Mann, von dem eine natürliche, aber auch einschüchternde Autorität ausging. Er wohnte, so die Erinnerung der heute 70-jährigen FSJlerin Brigitte, mit seiner deutlich jüngeren Frau und seinen fünf Kindern in einem separaten Haus auf dem Areal des Kindersolbades. Er blieb 16 Jahre.

1973, mit 68 Jahren beendete Kleinschmidt seinen Dienst. Für den Tod Egon M.s musste er sich nie vor Gericht verantworten.

Forschung und Hilfe

DRK-Kindersolbad
Das Haus in Bad Dürrheim, eines von mindestens 13 am Ort, war eines der großen Kinderkurheime in Deutschland. 1982 wurde es in ein Mutter-Kind-Kurheim umgewandelt. Zurzeit steht das Gebäude leer und verfällt.

Aufarbeitung
 Der Verein Aufarbeitung Kinderverschickung Baden-Württemberg ist Anlaufstelle für Betroffene. Der Verein hat sich aber auch die Aufarbeitung des Geschehens und der Verantwortlichkeiten in den Kurheimen zur Aufgabe gemacht. www.verschickungsheime-bw.de

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