Der Fall Michael Graff Sexueller Missbrauch – Marbacher Katholiken arbeiten dunkles Kapitel auf

Seelsorger als Täter: Auch viele Jahre nach einem sexuellen Missbrauch brauchen manche Opfer noch Therapien. Foto: imago/Christian Ohde

Der katholische Pfarrer Michael Graff hat in Marbach (Kreis Ludwigsburg) drei Kinder sexuell missbraucht. Graff ist tot – die Kirchengemeinde hat Gesprächsbedarf.

Ludwigsburg: Oliver von Schaewen (ole)

Die katholische Kirchengemeinde Zur Heiligen Familie in Marbach stellt sich einem dunklen Kapitel ihrer Geschichte. In den 1980er Jahren hatte der damalige Pfarrer Michael Graff Kinder sexuell missbraucht – Taten, für die er später auch gerichtlich verurteilt wurde. Obwohl der Fall juristisch längst abgeschlossen ist, wird bis heute viel über ihn gemunkelt. Nun soll offen darüber gesprochen werden.

 

Angestoßen hat den Prozess Pfarrer Stefan Spitznagel, der seit elf Jahren in Marbach tätig ist. Kurz nach seinem Amtsantritt wurde er auf der Straße von einem Gemeindemitglied angesprochen und erstmals mit dem Verhalten des Vorgängers konfrontiert. „Ich wusste bis dahin nichts davon“, sagt Spitznagel.

Der Pfarrer Stefan Spitznagel will das dunkle Kapitel der Kirchengemeinde aufarbeiten. Foto: Simon Granville

Auf Nachfrage beim Bistum Rottenburg-Stuttgart habe er damals lediglich die knappe Auskunft erhalten: „Der Fall ist juristisch abgeschlossen.“ Doch schnell wurde ihm klar, dass das Thema unter der Oberfläche weiterwirkte. „In der Gemeinde leben heute noch Opfer oder sie sind weggezogen und ihre Eltern leben noch hier“, sagt der Pfarrer, der nicht locker ließ.

Versetzungen – um wachsender Aufmerksamkeit zu entgehen?

Michael Graff war von 1981 bis 1986 als Pfarrer in Marbach eingesetzt. Aus dieser Zeit sind der Diözesanleitung drei Missbrauchsfälle bekannt. Auch in anderen Kirchengemeinden, in die Graff versetzt wurde oder sich versetzen ließ, soll es zu Übergriffen gekommen sein. Spitznagel ist überzeugt, dass Wegversetzungen auch dazu dienten, der wachsenden Aufmerksamkeit zu entgehen. Graff, 1949 in Stuttgart geboren, war seit 2010 vom Dienst freigestellt und lebte bis zu seinem Tod im Jahr 2023 in Kempten.

Warum die Aufarbeitung gerade jetzt wichtig ist, obwohl die Taten Jahrzehnte zurückliegen, begründet Spitznagel klar: „Bisher wird nur von wenigen und hinten herum darüber geredet – wir müssen lernen, darüber sprachfähig zu werden.“ Ihn stört zudem, dass in vielen Bistümern Akteneinsicht lange nur auf Nachfrage gewährt wurde. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart habe sich hier positiv entwickelt, finde er, auch wenn sie sich Zeit lasse. Der Fall Graff wäre regulär erst in etwa einem Jahr einsehbar gewesen.

Der Bedarf nach Klärung sei aber schon früher spürbar geworden. „Als Herr Graff starb, überlegten Menschen in unserer Gemeinde, ob sie zur Trauerfeier gehen sollen“, berichtet Spitznagel. Ihm seien auch Stimmen begegnet, die kritisch fragten, warum man die Vorfälle jetzt „wieder hervorhole“, schließlich habe der Mann auch viel Gutes bewirkt. „Das will ich gar nicht anzweifeln“, sagt der Pfarrer, „aber es steht nebeneinander“.

Mit dem Kirchengemeinderat hat Stefan Spitznagel deshalb eine Infoveranstaltung anberaumt. Sie findet am Donnerstag, 29. Januar, um 19 Uhr im Gemeindezentrum der katholischen Kirche Zur Heiligen Familie in der Ziegeleistraße 10 statt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Wie viele Menschen kommen werden, könne er schwer einschätzen, sagt Spitznagel. „Vielleicht interessiert es nur einen kleinen Kreis. Aber wenn viele kommen, können wir notfalls auch in die Kirche gehen.“

Das Bistum entsendet Vertreter zum Info-Abend

An dem Abend wird auch die Diözese Rottenburg-Stuttgart vertreten sein. Ordinariatsrätin Regina Seneca, die mit Domkapitular Holger Winterholer für das pastorale Personal zuständig ist, steht nach Angaben des Bistums in engem Austausch mit der Marbacher Kirchengemeinde. Neben ihr nehmen Mitarbeiter aus der Missbrauchskommission, von Beratungsstellen, der Öffentlichkeitsarbeit sowie eine externe Moderatorin teil. Es soll nicht nur über die bekannten Taten und den Stand der Aufarbeitung informiert, sondern auch über mögliche Formen der Wiedergutmachung gegenüber den Betroffenen gesprochen werden.

Filme über Missbrauch

Beiträge im Netz
Das Thema Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche ist nach Meinung von Pfarrer Stefan Spitznagel in folgenden Internet-Beiträgen dokumentiert worden: YouTube, „Im Namen Gottes – Frauen gegen Missbrauch in der Kirche“ vom 21. März 2019; auch auf YouTube: „Gottes missbrauchte Dienerinnen“ vom 28. Oktober 2021.

TV-Sendungen
Stefan Spitznagel empfiehlt „Schweigen und Vertuschen“ im Bayerischen Rundfunk vom 26. April 2023, den ARD-Tatort „Schweigen“ vom 9. Februar 2025 sowie „Tatort Kirche – Betroffene klagen an“ auf Arte vom 25.Februar 2025.

Weitere Themen