Der Geislinger Verleger Matthias Grüb Die Heimat im Blick

Matthias Grüb in seinem Verlagsräumen Foto: Daniel Schoenen

Der Augenarzt Matthias Grüb aus Geislingen an der Steige hat im Schwarzwald einen kleinen, feinen Verlag für Literatur aus dem Südwesten gegründet.

Zu Beginn gleich die große Frage: „Was ist für Sie Heimat?“ Matthias Grüb zögert. „Schwierig“, sagt der 52-Jährige schließlich. „Der Begriff selber ist schwierig, da er schon vielfältig genutzt wurde mit Konnotationen, die ich nicht mag.“ Heimat sei für ihn kein exakt zu definierender Ort. „Heimat, das ist eher Gefühl, das ausdrückt, wo ich mich wohlfühle. Wo ich Landschaft, Menschen, Lebensart, Kultur als ein Zuhause empfinde. Als etwas, was mich prägt.“

 

Grüb ist Augenarzt, seit drei Jahren zudem Verleger. Er wuchs auf in Geislingen an der Steige, studierte in Leipzig, Tübingen und Wien. Seit fast zwei Jahrzehnten lebt er in Südbaden. Zunächst am Kaiserstuhl, seine Praxis ist im nahen Breisach am Rhein. Seit 2018 lebt der laut Eigenbezeichnung „verkrachte Germanist“ nun in Freiburg-Herdern oben am Berg, mit Blick über die Stadt, den Münsterturm und ins Elsass. Es gibt unschönere Orte auf dieser Welt. Oben im Haus toben die beiden Töchter, acht und zehn Jahre alt. Seit 21 Jahren ist er, wie er sagt, glücklich verheiratet.

Im Souterrain ist der kleine Verlag. Repräsentativ geht anders. Weiße USM-Regale, ein Flipchart mit kleinen Zetteln, auf denen mögliche Bücherthemen wie „Schwimmen“, „Kleine Weingeschichte“, „Dorfurlaub“ oder „Schwarzwaldhöfe“ stehen.

Der Verlagsname hat mit dem achten Längengrad zu tun

In der Ecke hängen Druckbögen des ersten Buches aus seinem Verlag an der Wand: „Hemingway im Schwarzwald“ heißt das Werk des Berliner Autors Thomas Fuchs vom Oktober 2022. Es handelt vom Angelausflug Hemingways im Jahr 1922 nach Triberg und ins Elztal. Und von der Großspurigkeit dieses jungen Schreibers. Alles schon oft erzählt. Doch das Buch versucht auch die Frage zu beantworten: Was bedeutete der Aufenthalt für die spätere Karriere Hemingways?

Zweieinhalb Jahre ist es nun her, dass Grüb und sein kleines Team – sie alle arbeiten von unterschiedlichen Orten in der Welt aus (eine Kollegin sogar in Südamerika) und kommen nur zu wichtigen Sitzungen ins Verlegerbüro – ihr Projekt im Historischen Kaufhaus in Freiburg vorgestellt haben: den 8grad Verlag. Der Verlagsname hat mit dem achten Längengrad zu tun, der sich durch den Südwesten Deutschlands zieht. Dort sind die Bücher thematisch verortet.

Heimatliteratur? Wenn man so will. Aber das Heimatduselige, dieses aufgesetzte und mit zahlreichen Klischees garnierte Heimatgefühl, das in etlichen Regio-Krimis durchsuppt, das mögen Grüb und die seinen nicht. Knapp 30 Bücher sind inzwischen erschienen. So hat Thomas Fuchs nachgelegt und über „Mark Twain am Neckar“ geschrieben, Andrea Hahn tat dies über „Goethe in Schwaben“. Es gibt einen Roman über die Menschenkette im Südwesten, die in den 1980ern die Stationierung von Atomraketen verhindern sollte. Es gibt ein Buch über Streuobst, eine Kulturgeschichte des Schlagers im Südwesten, eines über russische Literaten in Baden-Baden. Im Herbstprogramm 2024 hat der Baiersbronner Hannes Finkbeiner, nicht verwandt mit der Gourmetdynastie im Tonbachtal, „Schwarzwald. Meine kulinarische Heimat“ vorgelegt.

Das Buch soll im Vordergrund stehen

Im März soll „George Orwell in Stuttgart. Kriegsreporter im Zeichen von 1984“ von Geoffrey Rodoreda erscheinen. Er beschreibt, wie der britische Autor das Chaos der ersten Stunden nach dem Ende der Naziherrschaft dokumentierte. Zeitgleich kommt „Stuttgarts verborgene Geschichten. Von Drachen und anderen Rätseln“ heraus – eine poetische Tour durch die Landeshauptstadt aus der Feder von Nina Blazon.

Manchmal ist Matthias Grüb auch mittendrin statt nur im Hintergrund. Ende Januar, die Befreiung des Nazi-Vernichtungslagers Auschwitz jährt sich zum 80. Mal. Die altehrwürdige Freiburger Buchhandlung „Zum Wetzstein“ veranstaltet eine jüdische Literaturwoche. Es geht an diesem bitterkalten Abend um die Neuauflage von „Ein kleiner Händler, der mein Vater war“ der jüdischen, in Freiburg geborenen Schriftstellerin Lotte Paepcke. Ihr Buch ist erschienen im 8grad-Verlag. Grüb nimmt in einer der hinteren Reihen Platz. Das Buch und die Lesung sollen im Vordergrund stehen.

Angereist ist die Enkelin Ursula Paepcke, sie liest aus dem Buch, es wird ein bewegender Abend. „Es sollte nie eine Biographie des Vaters, also meines Urgroßvaters, werden. Sondern ein Gleichnis. Eine Geschichte jüdischen Lebens“, sagt sie. Lotte Paepckes Vater Max Mayer hatte eine Lederhandlung in der Schusterstraße, ums Eck von der Buchhandlung. Er war SPD-Stadtrat, geschätzt, kam 1938 nach der Pogromnacht zwischenzeitlich ins KZ und konnte mit seiner Frau kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs über die Schweiz in die USA emigrieren. Nach dem Krieg holte ihn die Tochter wieder nach Freiburg, wo er 1962 starb.

Neuauflage von Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“

Wie geht man mit der Shoa, mit der Scham des Überlebens, um? Was macht das mit den Nachgeborenen? Und wie lebt es sich derzeit als Frau mit einer jüdischen Geschichte in Deutschland? Matthias Grüb muss sich in der anschließenden Diskussion dann doch zu Wort melden. Warum er sich entschieden habe, das Buch von Lotte Paepcke zu verlegen? „Als Verlag suchen wir immer starke Stimmen“, sagt er. „Und gerade jetzt ist das Erinnern so wichtig, die Weitergabe an die junge Generation.“

Nach der Lesung: anregende Gespräche, Gutedelwein aus dem Markgräfler Land und immer ein Blick in die Regale der Buchhandlung. Da ist ein halber Regalmeter des Österreichers Thomas Bernhard, den mag Matthias Grüb. Er zieht einen schmalen Band heraus: „Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen“, lautet der Titel. „Das müssen Sie unbedingt lesen“, sagt er. Und zum Buchhändler Björn Siller gewandt: „Ach, Sie könnten mich gerne über Nacht hier einschließen. Zu lesen und zu trinken hätte ich ja genug.“

An einem anderen Tag sitzt Matthias Grüb am Besprechungstisch, neben ihm der Bücherstapel. Versonnen nimmt er das eine oder andere Buch heraus. Er hat alle begleitet, er hat alle gelesen. Da ist etwa die Neuauflage von Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“, gebunden mit 26 Zickzackfalzbögen und aufwendig illustriert von Christian Sobeck. Alle Werke hier haben eine Fadenheftung und ein Lesebändchen. „Bücher müssen schön sein“, sagt Grüb. „Das gilt für den Inhalt wie für die Gestaltung.“ Und wenn man es gescheit machen wolle, koste das eben auch Geld in der Herstellung. Das ist es ihm wert. In einem Jahr, dann ist der Schritt von der ersten Idee an einem Sommerabend im Kaiserstuhl zum heutigen Verlag vier Jahre her, will Grüb eine schwarze Null schreiben. Er ist überzeugt, dass es klappt.

Der Wunsch, noch einmal etwas anderes zu machen

Denn der Verlag, das ist ihm wichtig, war nie als reines Hobby gedacht – wenn auch aus einer Laune heraus entstanden. „War es eine Midlife-Crisis? Ich kann es nicht sagen. Es war der Wunsch, noch einmal etwas anderes zu machen. Zum Golfspielen hat es nicht gereicht“, sagt Matthais Grüb.

Als dann der alte Schulfreund an jenem Sommerabend, wohl wissend um Grübs Faible für gute Literatur, schöne Bücher und Kulinarik, flapsig sagte: „Gründe doch einfach einen Verlag“, da begann die andere Karriere des Augenarztes. „Wie man das als Akademiker halt macht: Wenn einen etwas interessiert, kauft man sich erst einmal ein Buch, in meinem Fall eines über Verlagsgründungen“, erzählt Grüb.

Er arbeitete sich ein. Kontaktierte Lektoren und Autoren. Las Manuskripte und besuchte Druckereien. Viel Arbeit, bis heute. „Vier bis fünf Tage bin ich in der Praxis, zwei bis drei Tage widme ich dem Verlag.“

Zurzeit liest er „The Big Sleep“ von Raymond Chandler

In Breisach, da hat er sein anderes Leben. Dort steht am Klingelschild: „Prof. Dr. med. Matthias Grüb & Kollegen“. Eine beeindruckende Jugendstilvilla gegenüber dem Bahnhof. Die Gleise enden hier, die Zugstrecke und die Brücke hinüber nach Frankreich sind im Zweiten Weltkrieg zerstört worden, über die Wiederinbetriebnahme der Strecke nach Colmar wird seit Jahren diskutiert.

Matthias Grüb arbeitet mit zwei Ärztinnen und zehn weiteren Kolleginnen zusammen. „Der Tag ist schön gefüllt, und abends bin ich müde.“ An diesem Abend gibt es vor dem Schlafen wohl noch ein paar Seiten aus „The Big Sleep“ von Raymond Chandler, „dabei bin ich eigentlich gar kein Krimi-Fan“.

Hatte er verlegerische Vorbilder? Matthias Grüb selbst ist mit den Büchern des Suhrkamp-Verlages groß geworden, mit Dürrenmatt, Max Frisch, Ewald Ahrenz und eben mit Hemingway, einem seiner Lieblingsautoren. Den Hamburger Mare-Verlag liebt er, dessen hübsche Bücher alle irgendwie mit dem Meer zu tun haben. Aber das nächste ist ziemlich weit weg vom Schwarzwald.

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