Ein Vormittag im Sommer. Alex Scheffel schlendert durch Botnang. Und grüßt. Zwei Heizungsinstallateure auf dem Weg zum nächsten Termin. Den älteren Herrn am Nebentisch im Café d’Oro. Fünfjährige auf dem Spielplatz – Kitafreundinnen seiner Tochter. Die kennen ihn nicht als DJ 5ter Ton, Teil der stilprägenden Hip-Hop-Kombo Massive Töne, Mitglied der Stuttgarter Kolchose. Sie kennen ihn einfach als Alex, den Papa, der immer zum Abholen an der Kitapforte wartet oder mit ihnen zum Baden ins ASV Botnang geht.
„Schafft der nix?“, würden sich manche fragen, wenn sie ihn nachmittags mit seiner kleinen Tochter auf dem Spielplatz an der Endhaltestelle sehen. Doch, tut er. Aber halt abends und am Wochenende, wenn er zum Auflegen durch ganz Deutschland und das angrenzende Ausland fährt, zwischen Kiel und Konstanz seine DJ-Sets spielt. Heim kommt er dann nach Botnang, dem Stadtbezirk im Stuttgarter Westen, in dem er fast sein ganzes Leben verbracht hat.
Alex Scheffel ist zwei Jahre alt, als er 1975 mit seinen Eltern in eines der neu gebauten Hochhäuser in der Paul-Lincke-Straße zieht. Und vier Jahre alt, als die Eltern sich trennen. Bald lebt er in einer Patchworkfamilie: Sein Vater heiratet neu, auch die neue Frau bringt ein Kind mit in die Ehe, dann bekommt Alex noch zwei weitere Schwestern. Das familiäre Flickwerk funktioniert: „Meine Stiefmutter schabt heute die Spätzle für meine kleine Tochter.“
Kinder der Hochhaussiedlung
Weit weg zieht die Familie nicht, nur ein Stück höher, in die Leharstraße, hinter das damals noch geschäftige Einkaufszentrum Laihle. In der Hochhaussiedlung wimmelt es vor Kindern. Zusammen geht es zum Buberlesweiher, Kaulquappen fangen, Lägerle bauen. Oder zur Jugendfarm. Wer vom Schwingseil fällt, den flickt der Kinderarzt Dr. Sittig wieder zusammen. Ein Schlotzeis und das neuste „Yps“-Heft holt sich Alex beim Edeka. Heute ist der Supermarkt eine Weinhandlung, der Eigentümer ist noch derselbe.
Die Grundschulzeit verbringt Alex Scheffel auf der Kirchhaldenschule. Auch hier grüßt er nach links und rechts, als er nach 40 Jahre später wieder über den Pausenhof schlendert. „Meine Musik“, sagt die Schulsekretärin Sandra Ruf über Alex Scheffels Kopfnicker-Sound. „Das höre ich heute noch.“ Ein Selfie – „als Beweis für daheim“ – muss sein. Als zwei vorwitzige Viertklässlerinnen hören, dass der coole Mann mit den vielen Tattoos und der Glatze „der von Mutterstadt“ ist, ist die Ehrfurcht groß. Klar kennen sie die Stuttgarter Hip-Hop-Hymne, können sogar mitrappen. Bald wird Alex Scheffel wieder häufiger in dem 70er-Jahre-Bau ein- und ausgehen: Seine Tochter wird natürlich auch hier eingeschult. Wo sonst?
Nach der Grundschulzeit fährt Alex mit dem 91er-Bus in die Realschule nach Feuerbach. Nachmittags probiert er seine ersten Breakdance-Moves in den Tiefgaragen der Paul-Lincke-Straße. Den Boden haben er und seine Kumpels mit Pappkartons ausgelegt. Es sind die späten 1980er Jahre, und mit viel Fantasie sehen die Hochhäuser aus wie die Skyscraper in New York oder L.A., von wo der Sound kommt, der die Jungs fasziniert.
Bei der Musiksendung „Formel Eins“ im ZDF erwischt Alex „zwischen Spandau Ballett und Duran Duran“ Musik von Lionel Richie oder Michael Jackson. Und hört zum ersten Mal Elemente des Hip-Hops. Bei der Lerche auf der Königstraße und bei Radio Barth kauft er sich die Platten aus Amerika.
Als das Jugendhaus Botnang geschlossen wird, ziehen Alex Scheffel und seine Kumpel ins Jugendhaus West weiter. Und hier beginnt es so richtig, das Stuttgarter Hip-Hop-Wunder. Im „West“ treffen sie mit ihren Interessen – rappen, scratchen, sprayen, breakdancen – auf empfängliche Sozialpädagogen. „Wir kamen nach der Christiane-F.-Generation. Die waren froh, dass wir was machen wollten“, erinnert sich der heute 50-Jährige. Alex fängt an zu mixen, nimmt Kassetten auf, übt sich auf einem billigen Plattenspieler im Scratchen, legt bald auf den ersten Jams in den Jugendhäusern auf.
„Am Ende mögen wir doch alle unsere Brezel“
In der Bebelstraße treffen sich alle, die was mit Hip-Hop am Hut haben. Schowi (Jean-Christoph Ritter) und Ju (João dos Santos) rappen im „West“. Später kommt im Jugendhaus Mitte auch Max Herre dazu, der im Musikbüro Cumulus seinen Zivildienst ableistet. Und dann zieht Alex Scheffel 1989 nach Weilimdorf, in den Pfaffenäcker – das ist bei Schowi und Afrob (Robert Zemichiel) direkt um die Ecke. „Plötzlich hat in jeder Straße einer gewohnt, mit dem man losziehen und was machen konnte.“
Schowi und Ju tun sich 1991 zusammen, später kommt noch Wasi (Wasilios Ntuanoglu) dazu. Ein Bandname ist schnell gefunden: Massive Töne. Aber einen DJ haben sie nicht. Wasi fragt Alex. Der wird der fünfte Ton. Fünf? Am Anfang mischt noch Adone Corradi mit, steigt aber aus, bevor die Massiven richtig an Fahrt aufnehmen.
Als plötzlich der Fantastische-Vier-Song „Die da“ aus jedem Radio tönt, reagiert man verschnupft. „Die Fantas waren vier, fünf Jahre älter als wir, kamen aus Gerlingen und Ditzingen. Wir kannten die nicht, und plötzlich sind die überall?“ Hip-Hop aus Stuttgart – das sind doch sie, die Massiven, Freundeskreis, Afrob, Die Krähen, kurz die Kolchose, die sich 1992 gründet. Inzwischen ist die anfängliche Animosität nur noch eine Erinnerung, ein Kolchose-Gründungsmythos. „Am Ende mögen wir doch alle unsre Brezel.“ Der Kessel ist zu eng für Feindschaften.
Alex Scheffel lernt Karosseriebauer, seinen Zivildienst macht er im Botnanger Altenheim. Viel lieber als an Autos schraubt er aber am Mischpult der Massiven. Für die Compilations „Klasse von 94“ und „Klasse von 95“ steuern Massive Töne Tracks bei, 1995 kommt „dichter in stuttgart“ raus. 1996 dann das bis heute stilbildende „Kopfnicker“-Album mit dem typischen entschleunigten Beat. Da ist der 5te Ton übrigens längst zurück in Botnang. In der Wohnung seiner verstorbenen Oma über der damaligen Bäckerei Dengler gründet er eine WG. Jahre später finden die Nachmieter hier noch Kisten voll mit Massive-Töne-Merchandise im Keller.
2003 bringen die Massiven, jetzt nur noch zu dritt, ihr erfolgreichstes Album heraus – „MT3“. 2005 dann das bislang letzte Massive-Töne-Album: „Zurück in die Zukunft“. Ju lebt heute in Portugal, Schowi in Berlin. Offiziell aufgelöst haben sie sich aber nicht, betont der 5te Ton. „Uns hat einfach das Leben an verschiedene Punkte geführt.“ Die drei verbliebenen Massiven verstehen sich immer noch gut. „Wenn Schowi und Ju in Stuttgart sind, kommen sie zum Essen, für meine Kleine sind die Zwei die coolen Onkel, die rappen können.“ Und immer mal wieder macht man auch ein Projekt zusammen: 2020 zum Beispiel drehten sie für die Stuttgarter S-Bahn ein Video – mit einer Neuauflage ihres Megahits „Cruisen“.
Feuerbach und Botnang statt New York und Los Angeles
Wie ist das, wenn alle gehen und man selber bleibt? „Gar nicht so einschneidend, wie man denken könnte. Ich bin ja selbst so viel weg.“ Das beste Gefühl ist für Alex Scheffel, nach einem Gig heimzukommen. Daheim ist Botnang, bei seiner Frau und seiner Tochter.
„Es ist nicht, wo du bist, es ist, was du machst.“ Für Alex Scheffel ist beides wichtig. Was für die Beastie Boys oder Ice Cube markante Punkte in New York oder Los Angeles waren, „das waren für uns eben Feuerbach, Weilimdorf oder Botnang.“ Auf seinem Arm trägt der 50-Jährige ein Kuckuckstattoo – das Botnanger Wahrzeichen. Damit er nie vergisst, wo alles angefangen hat.