Der Vater-Sohn-Konflikt des Kampfsportlers Michael Stahl Geliebt und gehasst

Auf der knarzenden Holztreppe der Bopfinger Wirtschaft Zum Bären. Hier wohnte Michael Stahls Vater Gebhard in Zimmer Nummer 5 – und hier änderte sich alles. Foto: Andreas Reiner

Die Geschichte des 50-jährigen Kampfsportlers und Bodyguards Michael Stahl, den ein schwerer Vater-Sohn-Konflikt geprägt hat.

Reportage: Robin Szuttor (szu)

Bopfingen - Als er an seinem achten Geburtstag aufwacht, ist die Mutter schon aus dem Haus. Sie hat in der Küche den Tisch gedeckt: Butter, Erdbeermarmelade, eine Flasche Milch, die Kabadose, vier Scheiben Weißbrot. Michael wartet lange, bis der Vater endlich aufwacht und aus seinen verquollenen Augen gucken kann. „Babba, was krieg ich für ein Geschenk?“ Sein Gesicht verspricht schon nichts Gutes. Dann speit er dem Sohn ins Gesicht. „Das ist dein Geschenk. Reicht das? Oder willst du noch mehr?“

 

Die Beziehung zu seinem Vater hat Michael Stahls Leben bestimmt. Die Erniedrigungen und Schläge zermarterten ihn als Kind, sie ließen ihn als Jugendlichen an sich selbst verzweifeln, im Beruf fast krankhaft nach Anerkennung gieren. Erst spät konnte er „die Leerstelle füllen“, wie er es ausdrückt, „die ich immer mit mir herumgetragen habe“.

Auf Betteltour mit dem Vater

Michael Stahl kommt 1970 in Bopfingen zur Welt. Seine Familie entstammt den Jenischen, einem fahrenden Volk, das über die Jahrhunderte der Heimatlosigkeit seine eigene Identität und Sprache entwickelte. Dass es nicht „Doofes“ heißt, sondern Gefängnis oder dass man nicht „Moss“ sagt, sondern Freundin, kapiert er erst, als Schulkameraden ihn manchmal gar nicht verstehen.

Das Elternhaus ist eine Ruine. Die Dachschindeln setzen dem Regen nur wenig entgegen. Schimmel und Kellergeruch überall. Bröckelnder Putz zeigt das nackte Mauerwerk. Michael setzt alles daran, dass keiner in der Klasse je erfährt, wo er wohnt. Aber Freunde mitzubringen, hat der Vater ohnehin verboten. „Ich sagte immer, bei uns wird gerade tapeziert. Jahrelang wurde bei uns tapeziert.“

Als Bad dient eine Emailleschüssel im Flur. Die Toilette ist durch eine dünne Wand von der Küche abgetrennt. Mit den Eltern und seinen beiden Schwestern teilt sich Michael das Schlafzimmer. Mit 14 darf er eine Rumpelkammer als Zimmer nutzen. Er hat kein Fahrrad. Keinen Fußball. Als Kind nimmt ihn der Vater auf Betteltouren in die umliegenden Pfarrhäuser und Bauernhöfe mit. Bei den Fußmärschen bläut er ihm gern ein: Aus dir wird nie was werden.

Mit Arbeit hat es der Vater nicht so. Im Alter von 29 hat er es auf 27 Jobs gebracht – und dann ganz damit aufgehört. Sein Tag verläuft so: Gegen halb zehn rüber ins Lamm. Dann kommt er nachmittags wieder, um zu schlafen oder fernzusehen. Manchmal geht er abends noch mal in die Kneipe. Wenn es arg spät wird, schickt die Mutter Michael. Sie ist der Rückhalt der Familie, kümmert sich um alles und ist mit allem überfordert, was den Vater betrifft. Im Lamm bittet Michael dann immer: „Babba, komm heim.“ In welcher Stimmung er den Vater antrifft, ist nicht vorherzusagen. Manchmal unglaublich bösartig, manchmal butterweich. Im schlechten Fall setzt es Schläge und Schimpfe auf dem Weg. Wenn er ihn „Miggi“ nennt, das ist ein gutes Zeichen.

Er schämt sich für den Vater

Es gibt schöne Momente. Mit dem Schwarz-Weiß-Fernseher schauen sie zusammen „Die Straßen von San Francisco“ oder „Die Profis“. Vater streckt sich auf dem Sofa, Michael sitzt am Fußende auf dem Boden. Besonders toll sind die amerikanischen Boxkämpfe mitten in der Nacht, die er auch mitansehen darf: Muhammad Ali gegen Frazier, Ali gegen Norton, Ali gegen Holmes. Wenn sich der Vater nass rasiert, schaut Michael immer zu und macht es ihm dann heimlich nach. Manchmal geht er zu ihm, wenn er schläft, und prüft die Oberarmmuskeln. Vater ist stark. Sein Held.

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Michael ist schwach. Er muss beim Einkaufen Wertgutscheine vom Sozialamt einlösen. Dafür schämt er sich. In der Schule wird er getriezt, wo es geht. Wegen der Bruchbude, die er Zuhause nennt. Wegen seiner Klamotten, die er von überallher geschenkt bekommt. Wegen Vater. Die Vorstellungsrunden zu Schuljahresbeginn sind fürchterlich: Name? Hobbys? Was macht der Vater beruflich? Meistens geben die anderen schon die Antwort: „Penner“, „Bettler“ oder „Säufer“.

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Einmal ist Luftballonwettbewerb in der Schule. Alle Ballons fliegen, nur der von Michael schwebt zu Boden. Der Vater sagt: „Zu blöd, um einen Luftballon steigen zu lassen.“ Vor Kurzem war auf einer Hochzeitsfeier eine ähnliche Aktion. Wessen Ballon flog nicht? „Es verfolgt mich ein Leben lang“, sagt Michael Stahl.

Michael spielt Fußball. Da kann der Vater auch mal stolz sein. Aber wehe er spielt schlecht. Dann gibt es auf dem Heimweg Arschtritte: „Steht sechs Meter vor dem Tor und kriegt den Ball nicht rein, was soll ich mit so einem Sohn?“

Wie peinlich, wenn der Vater als besoffener Linienrichter einem Zuschauer, der sich nicht korrekt hinter das Geländer stellen will, die Fahne über den Schädel schlägt. Der Sohn verleugnet ihn, als ihn sein Gegenspieler fragt: „Was ist denn das für einer?“ Oder als sich der Vater bei einem Vereinsfest im Suff am Torwandschießen versucht und unter allseitigem Gejohle in den Dreck fällt. „Du tust mir leid, Micha“, sagt sein Trainer.

Wohin flüchten? In der Schule ist es auch nicht weniger schlimm. In die kleine Wallfahrtskirche Maria Heimsuchung geht er oft. Der gegeißelte Jesus, dem fühlt er sich nahe. Dem kann er alles erzählen, der ist wie er. Einmal glaubt er, der Fluchtpunkt ist vielleicht das Gleis, auf dem gleich der Zug vorbeifährt. Er entscheidet sich fürs Weiterleben.

Gott lässt ihn weiterleben

Nach der Hauptschule fängt er eine Lehre beim örtlichen Grosso-Markt an. Einzelhandelskaufmann. 475 Mark netto. Das ist doch was. Mehr, als der Vater vom Amt bekommt. Zweimal hat er eine Freundin. Die will er dann immer gleich heiraten, um sie nicht mehr zu verlieren. Aber die Mädchen (oder deren Eltern) machen schnell Schluss, wenn klar ist, wo er herkommt.

Das Ergebnis der Gesellenprüfung: mangelhaft. Er könnte es in einem halben Jahr noch mal versuchen. Zu Hause glaubt der Vater, er habe Krebs. Eh klar, warum: „Daran bist nur du Schuld.“ Michael kann nicht mehr. Er schmeißt die Lehre und haut ab von daheim. Die fünf Grosso-Tüten mit seinen Habseligkeiten sind noch der leichteste Ballast. „Ich war kaputt, fand keinen Schlaf mehr, ohne Zufluchtsort, ohne Bestätigung.“ Wer ist er? Zu gar nichts fähig? Keinen Deut besser als der Vater? Er will nicht mehr. Aber Gott habe ihn damals weiterleben lassen, sagt er.

Bodyguard für Muhammad Ali, Falco und Modern Talking

Wenigstens ein neuer Job. Michael Stahl fängt in der Lederfabrik an, taucht Tierhäute in Beizbottiche. Und danach geht er in die Kung-Fu-Schule. Fast jeden Abend. Am Wochenende nimmt er zusätzlich Privatstunden. Er versäumt keinen Lehrgang. Mit jedem Sparringpartner, von dem er sich nicht unterkriegen lässt, wächst sein Selbstvertrauen. Er kämpft gegen Holzpuppen, bis er seine zerschlagenen Hände nicht mehr bewegen kann. Ob er vielleicht sogar anderen etwas beibringen kann?

Die Wirtin vom Grünen Baum überlässt ihm freitags den Kneipensaal für seinen Kurs. Zum ersten Mal schlüpft er in die Rolle eines Lehrers. Und so beginnt seine rastlose Karussellexistenz, wie er heute sagt. Er heiratet, sein Sohn kommt zur Welt. Stahl soll Türsteher in der Großdisco werden. So viel Vertrauen setzt man in ihn. Er eröffnet seine eigene Sportschule. Der Vater ist dabei: „Du Narr, das wird doch nichts.“ Dann das Angebot als Personenschützer für Promis, Konzerte, Boxkämpfe. Ein Job wie eine Droge. Ein Highlight jagt das andere. Nena, Falco, Modern Talking, Fürstin Gloria, Don King. „Wenn Vater mich so sehen könnte im schwarzen Anzug, mit schwarzen Schuhen, Krawatte und Headset“, denkt er. Er nimmt jeden Auftrag an, schluckt Koffeintabletten in Krankenhausmengen. Die Ehe geht in die Brüche, er ist ja nie da. Seinen Sohn sieht er nur, um ihm wieder neue Autogrammkarten zu schenken: Hans Meiser, Henry Maske, Muhammad Ali. Auch Ali darf er beschützen. Als Kind hat er seine Boxkämpfe geguckt, jetzt ist er mit ihm im Hotelzimmer. Ali verdreht die Augen und sinkt besinnungslos in seine Arme. Michael Stahl schreit nach den Leuten von der Crew. Als sie ins Zimmer stürmen, sagt er: „Ich hab nichts gemacht.“ Der Manager lacht: „Den Spaß macht er öfters.“

Selbstbehauptung für Jugendliche

Heute kommen zu den Lehrgängen in Stahls Sportschule Teilnehmer von weither angereist. Armen Kindern gibt er kostenlos Unterricht. Denn er konnte als Zwölfjähriger nicht in den Judoverein, weil das Geld fehlte. Stahl bringt ihnen das Essenzielle bei: Selbstbehauptung. Körperspannung. „Viele sind Cracks am Computer, aber kriegen keinen anständigen Purzelbaum hin.“ In die Augen schauen ist wichtig, aber nicht dauernd, weil das bedeutet Krieg. Oder: Wie gibt man einem die Hand? Er arbeitet ehrenamtlich in Gefängnissen und mit Jugendgangs. Schwere Jungs liegen ihm. In seinem Studio stehen viele Pokale, eine Urkunde weist ihn als Großmeister der asiatischen Kampfsportarten aus. „Aber ich brauch das alles nicht mehr“, sagt er. Dazu verhalf ihm der Vater.

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Der wohnt irgendwann im Wirtshaus Bären, weil die Mutter ihn rausgeworfen hat. Nur 150 Meter weg von der Sportschule. Aber wenn er ihn von Weitem sieht, biegt der Sohn in eine Seitenstraße. Zur zweiten Hochzeit, zur Taufe der Tochter lädt er ihn nicht ein. Es sollen schöne Feiern werden.

Einmal wacht er in der Nacht auf. Er hat geträumt, sein Vater ist tot. Was, wenn er ihn nie wieder sehen kann? Den kommenden Tag erlebt Stahl wie fremdgesteuert. Gleich am Morgen fährt er ziellos durch Bopfingen in der Hoffnung, irgendwo den Vater zu entdecken. Da steht er tatsächlich und lebt. Er lässt die Autoscheibe runter, schreit auf die andere Straßenseite: „Vater, ich mag dich schon.“ – „Was?“ – „Ich mag dich schon.“ Sie glotzen sich an. Der hinter ihm hupt. Er fährt weiter. Am Mittag startet er den nächsten Versuch. Er geht in den Bären, die Holztreppe hoch, zum Zimmer 5: „Ich muss dir was sagen, Babba.“ Er sagt „Babba“, wie zum letzten Mal mit zwölf Jahren. „Ich will dir sagen, dass ich dich lieb hab. Und es tut mir leid, dass ich immer wollte, du wärst anders.“ Eine Weile Stille und Starre. Dann packt ihn der Vater am Oberarm. „Es war die innigste Umarmung, die ich je gekriegt habe“, sagt Michael Stahl.

Das geklaute Geburtstagsgeschenk

Von diesem Tag an ändert sich ihre Beziehung. „Als hätte sich ein Sturm gelegt, der so lange tobte.“ Der Vater trinkt weniger, besucht sie jetzt öfter. Nur einmal gibt es noch Streit, weil er sich ausgelacht fühlt. Der Sohn hört auf mit dem Security-Job. „In der Starwelt hat nie einer über Schwäche geredet.“

Der Alte nimmt seine Enkelin so gern auf den Arm. Einmal schenkt er ihr zum Geburtstag eine Hose. Er, der nie Geschenke machte. „Gefällt sie dir, ja?“, will er immer wieder wissen. „Ja Opa.“ Ein paar Tage später kommt er mit der gleichen Hose in einer anderen Farbe. „Beide hat er mit großer Wahrscheinlichkeit geklaut. Aber sie kamen von Herzen“, sagt sein Sohn. „Er war ein verwandelter Mensch. Und ich auch.“ Für ihn war es Gott, der ihm damals den Anstoß gab und damit alles zum Guten gewendet hat.

Vor elf Jahren ist Gebhard Stahl gestorben. Sein Sohn verbrachte eine Stunde mit ihm in der Leichenhalle. „Du hast schöne Haare“, sagte er ihm. Das war ihm nie aufgefallen. Er fasste seine Muskeln noch einmal an. „Ich vermisse ihn.“

Er hat die Mütze des Vaters geerbt. Die holt er immer wieder hervor. Sie riecht noch nach ihm. Er hat sich auch mit seiner Geschichte beschäftigt. Mit dem Vater seines Vaters, der nach dem Krieg aus der Gefangenschaft heimkam, ohne Traumatherapie. Der seinen Sohn nie in den Arm nehmen, aber lauthals Seemannslieder singen konnte.

In Schulen engagiert sich Stahl gegen Mobbing, erzählt von seiner früheren Arbeit als Bodyguard – und auch von seinem Vater, der hat es ihm erlaubt. „Eigentlich hatte ich keine Lebensfreude bis zur Versöhnung“, sagt er dann. Noch immer sind da Ängste und Selbstzweifel, gegen die er ankämpft. Ob sie je ganz weggehen? Ohne Schutzrüstung steht man im Hemd da. Und unterm Nachthemd, so heißt es, kommt gleich der Charakter.

Michael Stahl geht den Weg noch einmal für das Foto. Die alte Holztreppe hinauf in den ersten Stock des Bopfinger Bären. Bei dem Geknarre läuft es ihm wieder kalt den Buckel runter. Er steht vor Zimmer Nummer 5. Das war sein schwerster Gang. Aber dann war alles ganz leicht.

Buchtipp: Martin Schmiedel, Michael Stahl: „Kein Herz aus Stahl“ (204 Seiten, 15 Euro) erschienen im Brunnen-Verlag, Gießen

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