Der Mordfall Anna B. Ungelöstes Rätsel

Von Kerstin Rech 

Anna B. aus Tamm wurde nur sieben Jahre alt. Am 21. Januar 1993 starb das Mädchen an Arsenvergiftung. Als Täterin wurde zunächst ihre Tante verurteilt, später aber freigesprochen. Der Fall ist bis heute nicht aufgeklärt.

Auf der Anklagebank: Anna B.s Tante Elisabeth F. mit ihren Anwälten Foto: Kaan Karca
Auf der Anklagebank: Anna B.s Tante Elisabeth F. mit ihren Anwälten Foto: Kaan Karca

Tamm - Anna B. wird in der Nacht auf den 21. Januar 1993 von ständigem Brechdurchfall gequält und am Morgen, nachdem sie ohnmächtig zusammengebrochen ist, endlich in ärztliche Obhut gebracht. Gegen Mittag müssen die Ärzte im Ludwigsburger Klinikum den Kampf um Annas Leben aufgeben. Aber woran starb das siebenjährige Mädchen?

Die behandelnden Ärzte wagen zunächst nicht, Genaues zu sagen, doch sie haben eine Vermutung. Auf den Röntgenbildern von Annas Oberkörper sind seltsame feine Verschattungen zu sehen. Dies ist der erste Hinweis, es folgt ein schrecklicher Verdacht, der dann zur Gewissheit wird. Und damit beginnt einer der spektakulärsten Mordfälle Deutschlands, der bis zum heutigen Tag ungeklärt ist.

Drehen wir die Uhr noch vierundzwanzig Stunden zurück. Es ist der 20. Januar, und Anna ist noch am Leben. Die Familie B. aus Tamm-Hohenstange bei Ludwigsburg erwartet den Besuch von Annas Patentante Elisabeth F. aus Königstein. Elisabeth ist die zwei Jahre ältere Schwester von Annas Vater Ernst-Rudolf. Sie ist verheiratet, kinderlos und lebt im Taunus. Elisabeth und Ernst-Rudolf stammen aus einer wohlhabenden Apothekerfamilie. Ihre Eltern waren die Besitzer der Mohrenapotheke in Möhringen. Nach deren Tod 1987 floss den beiden Kindern Elisabeth und Ernst-Rudolf ein beachtliches Erbe zu. Elisabeth hat ihr Kommen angekündigt, da sie am nächsten Morgen einen ihrer Hunde in eine Stuttgarter Tierarztpraxis bringen möchte.

Anna ist sehr aufgeregt, denn wenn Tante Elisabeth kommt, ist es immer ein besonderer Tag für sie. Sie freut sich auf die Tante, die einen weißen Porsche fährt, drei französische Bulldoggen besitzt und so mondän gekleidet und geschminkt ist wie niemand sonst in ihrer Umgebung. Es ist nicht verwunderlich, dass ein Mädchen von sieben Jahren eine Frau wie Elisabeth rückhaltlos bewundert. Ist Elisabeth, die an Lymphdrüsenkrebs erkrankt ist, der Krankheit aber kraftvoll die Stirn bietet, doch das krasse Gegenteil ihrer an Multipler Sklerose erkrankten Mutter Benedikte, die sie streng erzieht und der sie auch im Haushalt helfen muss. Ist doch die bunte Welt, die Elisabeth repräsentiert und die wie eine frische Brise durch den düsteren elterlichen Bungalow weht, ein so großer Gegensatz zu der Welt, in der sie lebt.

Am Nachmittag trifft die Tante mit ihren Hunden ein

Und außerdem freut sich Anna auf das Mitbringsel, das ihr Elisabeth für diesen Tag versprochen hat. Ein Mitbringsel, dem die Polizei später bei ihren Ermittlungen allergrößte Bedeutung beimessen wird.

An diesem 20. Januar frühstückt Anna wie üblich mit ihren Eltern. Dann geht ihr Vater zur Arbeit. Er hat einen hoch bezahlten Posten als Manager. Anna geht wie jeden Tag zur Grundschule in der Ulmer Straße, wo sie die zweite Klasse besucht. Ihre Mutter kümmert sich an diesem Tag um die Wäsche im Bügelzimmer. Mittags kommt Anna nach Hause, isst eine halbe Scheibe gebackenen Fleischkäs und ein Brötchen zum Mittagessen, macht anschließend ihre Hausaufgaben.

Am Nachmittag trifft Elisabeth mit ihren drei Hunden ein. Es ist ein großes, fröhliches Hallo. Und Elisabeth bringt, wie sie es ihrer Nichte versprochen hat, eine Packung Pistazieneis mit, die sie kurz zuvor im nahen Supermarkt gekauft hat.

Annas Eltern kommt es sehr gelegen, dass Elisabeth da ist. So können sie an diesem Abend zu einem religiösen Vortrag ihrer Kirchengemeinde gehen und ihre Tochter gut beaufsichtigt wähnen. Nachdem die Eltern gegangen sind, führt Anna die drei französischen Bulldoggen Gassi und ist stolz darauf, dass Elisabeth ihr das zutraut. Ob sie bei ihrem Spaziergang jemanden trifft, von dem sie vielleicht Süßigkeiten annimmt, lässt sich im Zuge der späteren Ermittlungen nicht feststellen.

Sonderthemen