Der Stuttgarter Florian Gassmann erzählt Der weite Weg aus der Sucht

Alles im Lot: Florian Gassmann ist verheiratet, Vater einer Tochter und arbeitet ehrenamtlich in der Suchtberatung. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Florian Gassmann hat ein Leben voller Schlaglöcher hinter sich. Jahrzehntelang hat er getrunken und Heroin gespritzt. Erst mit Ende 30 schaffte er den Absprung.

Seinen ersten Rausch hatte Florian Gassmann mit zwölf Jahren. Während der Vater mit einem Arbeitskollegen Geburtstag feierte, zapften Gassmann und der Sohn der Familie heimlich ein Bierfass an. Goldglänzend, drei Liter Warsteiner. An den Geschmack kann sich Gassmann nicht mehr erinnern, aber er weiß noch genau, wie leicht er sich plötzlich fühlte: „Ich lief die Treppe vom Kellerzimmer des Freundes hoch und dachte, ich würde schweben.“ Es war ein Gefühl, das er die folgenden Jahre immer wieder heraufzubeschwören versuchte.

 

Heute ist Gassmann 55 Jahre alt, ein Mann mit Vollbart und offenem Lächeln, Typ Sozialarbeiter. Er ist verheiratet, Vater einer Teenagertochter und kümmert sich beruflich um den Arbeitsschutz auf Baustellen. Wer vor ihm steht, kann schwer glauben, dass er alles andere als ein bürgerliches Leben hinter sich hat. Seine Familie bestand jahrelang aus Alkohol und Heroin.

Jagd nach dem Glück

„Wer Drogen nimmt, jagt dem Glücksbotenstoff Dopamin hinterher“, sagte der Psychologe Harvey Milkman kürzlich im „Spiegel“. Gassmann will von seiner persönlichen Glücksjagd erzählen – und von seiner Krankheit. Denn nichts anderes ist eine Sucht.

An einem Montagmorgen geht Gassmann durch den Flur der Stuttgarter Drogenberatungsstelle Release. Die Wände hier zieren großformatige Bilder, was kein Zufall ist: Der Verein finanziert seine Arbeit zum Teil durch den Verkauf von Kunstwerken. Im Seminarraum krempelt Gassmann einen Ärmel hoch. Er legt den linken Unterarm mit der Handfläche nach oben auf den Tisch. Wer genau hinsieht, erkennt die feinen Narben auf der Haut, Spuren der Abhängigkeit. Beim Blutabnehmen, sagt er, hätten die Ärzte heute Probleme, eine Vene zu finden.

Der erste Cannabisrausch

Gassmann wuchs behütet in Stuttgart auf. Der Vater war Architekt, die Mutter Hausfrau. Beide sorgten gut für Gassmann und seine Schwester. Seine Geschichte zeigt auch, dass Sucht auf keine sozialen Schichten beschränkt ist. Auf dem Gymnasium schloss sich Gassmann einer Rollschuhclique an. Die Jugendlichen hingen oft beim Jugendhaus West ab. Dort, auf dem Dach einer Sporthalle, geschützt von den Blicken der Betreuer, hatte Gassmann seinen ersten Cannabisrausch. Da war er 14. „Zwei Stunden lang hatte ich einen Lachflash“, erinnert er sich. Die Leichtigkeit war zurück. „Ich war kein sehr selbstbewusster Junge. Ich wollte unbedingt dazugehören, vielleicht hätte ich sonst leichter Nein sagen können.“

Nicht lange und er kiffte täglich, schwänzte die Schule, schrieb schlechte Noten. Als er die achte Klasse zum zweiten Mal nicht schaffte, musste er runter vom Gymnasium. Damals juckte ihn das nicht. Die Eltern schleppten ihn zur Jugendberatung. Besser wurde nichts. Es war die Zeit von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Gassmann identifizierte sich mit der Hauptfigur Christiane F. Abgeschreckt war er nicht, im Gegenteil: „Ich dachte, ja genau, das ist mein Weg.“

Den Hauptschulabschluss holte er an der Volkshochschule nach. Mit 16 begann er eine Lehre als Kaufmann in der Grundstück- und Wohnungswirtschaft, heute würde man Immobilienkaufmann sagen. Er sei, erzählt er, allein mit seinem Aussehen angeeckt, trug Cowboystiefel, Jeans und die Haare lang. Er kiffte weiter, machte Party, trank, bis kein Geld mehr da war. Mehrmals wollte er alles hinschmeißen, aber seine Eltern zogen ihn weiter. Mit Ach und Krach schaffte er die Ausbildung. Der Vater holte ihn zu sich in die Firma. Dann kam die Bundeswehr.

Rückkehr ins Elend

Gassmann ging zu den Gebirgsjägern ins oberbayerische Mittenwald. Der Wehrdienst dauerte damals 15 Monate. In der zweiten Frühstückspause, Nato-Pause genannt, durften die Soldaten ein Bier trinken. Nach Dienstschluss wurde weitergebechert. Irgendwann merkte Gassmann, dass er abends schweißgebadet im Bett lag und morgens erst nach dem Frühstücksbier wieder funktionierte. Einmal wurde er beim Kiffen erwischt, was ihm ein Disziplinarverfahren einbrockte. Aber lassen konnte er weder von Joint noch Flasche. „Ich hatte total Schiss, wieder nach Hause zu kommen“, sagt er. „Allein der Gedanke, mich irgendwo für einen Job vorstellen zu müssen, war schrecklich.“

Drogen waren für Florian Gassmann immer ein Ausweg, keine Verantwortung für sich und sein Leben übernehmen zu müssen. Das hat er heute erkannt: „Es war leichter, im Rausch zu leben, als sich dem nüchternen, cleanen Leben zu stellen.“

Als er 1991 zurück nach Stuttgart kam, gab ihm sein Vater erneut einen Job. Das hätte der Moment sein können, in dem Gassmann sein Leben wieder in den Griff bekam. Stattdessen begann das Elend erst richtig.

Heute will er ein Vorbild sein

Florian Gassmann arbeitete damals auf einer Baustelle am Berliner Platz. Auf seinem täglichen Arbeitsweg passierte er die Rotebühlpassage. Dort traf er eines Tages einen Freund aus der alten Rollschuhclique wieder, der bereits „voll drauf“ war. Auf einer Toilette im Alten Schloss zog Gassmann mit ihm die erste Nase Heroin. Ein bittererer Geschmack, er musste kotzen. Gleichzeitig fühlte er sich wie in Watte gepackt. „Es hat peng gemacht im Kopf, und ich wusste, das ist meine Droge.“ Auf dem Weg zur Arbeit kaufte er nun regelmäßig Heroin. Später begann er, den Stoff zu spritzen. Im Job bekam er immer weniger auf die Reihe. „Wenn man Drogen nimmt, hört schlagartig die innere Entwicklung auf“, sagt Gassmann. Irgendwann sei er Mitte 30 gewesen, habe sich aber immer gefühlt wie 14.

Bis heute geht er einmal die Woche zu einem Treffen der Narcotics Anonymous, einer Selbsthilfegruppe für Drogensüchtige, obwohl er seit Jahren keinen Stoff mehr angerührt hat. Die Treffen sind für ihn wie Medizin. Die Gruppe arbeitet nach einem Zwölf-Schritte-Programm, ein Schritt heißt Wiedergutmachung. „Ich habe in meinem Leben ziemlich viel Scheiße gebaut“, sagt Florian Gassmann. Nun wolle er der Gesellschaft etwas zurückgeben.

Seit mehr als 15 Jahren engagiert er sich ehrenamtlich in der Präventionsarbeit der Stuttgarter Suchtberatung Release. Er sitzt dann vor Jugendlichen und erzählt ihnen aus seinem Leben. Dabei will er nichts beschönigen, nichts glorifizieren, will für sie nicht sein, was Christiane F. für ihn war. „Die Wahrheit ist, ich bin froh, nichts mehr nehmen zu müssen“, sagt Florian Gassmann. „Bewusstseinsveränderte Substanzen sind nur beim ersten Mal geil, danach versucht man, diesen Zustand wieder zu erreichen – schafft es aber nie.“

Seine Eltern retten ihn

Der Release-Vorstand Bernd Klenk findet es wichtig, dass Jugendliche solche Lebensgeschichten hören: „Das hinterlässt bei den meisten einen tiefen Eindruck, da man selten mit einem direkt Betroffenen sprechen kann und ehrliche Antworten bekommt.“ Er sieht Gassmanns Erzählung als gute Ergänzung zu den anderen Inhalten, die der Verein vermittelt. Die Suchtberatung kennt wenig Erfolgsstorys, oder zumindest wird Erfolg hier anders gemessen. „Die Frage ist, was das Ziel sein soll“, sagt Klenk. „Auch wer lange clean ist, kann wieder rückfällig werden oder er weicht auf andere Suchtmittel aus.“ Manchmal verbuchen sie es hier schon als Erfolg, wenn Menschen nicht sterben.

Auch Florian Gassmann hat den Drogen immer wieder abgeschworen – um dann doch wieder rückfällig zu werden. Ein Schlagloch im Leben tiefer als das andere. Um weg vom Heroin zu kommen, ließ er sich substituieren, bekam also von einem Arzt Ersatzmittel verabreicht. Seine erste Therapie machte er 1993 im Sauerland, vermittelt von Release. Er blieb in der Gegend und begann eine zweite Lehre als Schieferdachdecker. Doch noch während der Ausbildung lernte er eine drogenabhängige Frau kennen, die Schwester eines anderen Berufsschülers. Gassmann wollte sie aus der Drogensucht retten. Keine drei Wochen später war er selbst wieder drauf. Schließlich verlor er seine Wohnung, die Eltern holten ihn zurück nach Stuttgart. Kurzzeittherapie.

Im Laufe seines Lebens trank Gassmann Unmengen Alkohol, nahm Heroin, LSD, Kokain, Haschisch, Pilze, Speed, Ecstasy. Eben alles, was „geturnt“ hat und gerade verfügbar war. Manchmal gaben ihm die Eltern Geld, damit er nicht stehlen ging, manchmal beklaute er sie trotzdem. Irgendwann hätten sie ihn „in Liebe losgelassen“, so nennt Gassmann das. Die Eltern hatten keine Kraft mehr. Sie brachen den Kontakt ab.

In der Natur erholt er sich

Vier Jahre lang hauste er mehr, als dass er lebte. Oft hing er an der Stuttgarter Paulinenbrücke ab. Dann 2003, meldeten sich die Eltern wieder. Ihr Therapeut hatte sie überredet, ihren Sohn mit an den Tisch zu holen. Es sollte der Beginn seiner Rettung sein.

Wieder mal machte Gassmann einen Entzug. Er zog in das Ferienhäuschen der Eltern auf der Schwäbischen Alb. Dort, in der Natur, erholte er sich langsam. Er hütete Schafe, arbeitete in einer Baumschule. Er lernte eine nette Frau kennen, eine ohne Drogenvorgeschichte diesmal. In dieser Zeit kam Gassmann an den Punkt, an dem er wusste, er musste sich entscheiden. Nach einem schweren Alkoholrückfall wies er sich in eine Klinik in Oberstdorf ein. Seit dem 10. Dezember 2005 hat er nichts mehr angerührt. Es ist ein Datum wichtiger als der Geburtstag.

Vielleicht hat Gassmann am Ende das Glück gefunden, dem er so lange vergeblich nachjagte. Er liebt seine Familie, meditiert viel. Die Selbstvergessenheit, die ihm die Drogen beschert haben, sucht er jetzt bei Spaziergängen in der Natur. Äußerlich haben die vielen Jahre der Sucht kaum Spuren hinterlassen. Aber das Kurzzeitgedächtnis hat gelitten, er muss sich vieles aufschreiben. Vielen Weggefährten erging es schlechter, sie sind tot. Seit 18 Jahren ist Florian Gassmann clean, geheilt ist er nicht. „Die Krankheit Sucht kann man nur zum Stillstand bringen“, sagt er. „Da sitzt ein kleines Teufelchen auf meiner Schulter und wartet, dass ich unvorsichtig werde.“

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Reportage Drogen Sucht