Der Trend zum Unpolitischen Vom Luxus, einfach wegzuschauen
Ein Drittel der Deutschen bezeichnet sich als „unpolitisch“. Aber kann man in Zeiten von Klimazerstörung, Krieg und Corona überhaupt unpolitisch sein?
Ein Drittel der Deutschen bezeichnet sich als „unpolitisch“. Aber kann man in Zeiten von Klimazerstörung, Krieg und Corona überhaupt unpolitisch sein?
Die Party-Einladung von Bekannten klingt zunächst eher amüsant: „Achtsames Anfassen“ ist das Motto der Veranstaltung, man wolle bei Musik stilvoll zueinanderfinden. Der separate, persönlich übermittelte Hinweis war aber recht verstörend: Man sei dort übrigens „unpolitisch“. Auf die Frage, was damit gemeint ist, heißt es: Von schlechten Nachrichten über das Weltgeschehen halte man sich fern. Das ziehe immer „so runter“.
An sich eine unbedeutende Anekdote, die man eigentlich gleich wieder vergessen könnte. Aber dergleichen hört man nicht nur im eigenen, kleinen Umfeld. Bei der Fußball-WM in Katar wurde die Fifa nicht müde zu erklären, die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer sei „eine unpolitische Veranstaltung“, „One Love“-Symbole für sexuelle Toleranz waren in Katar untersagt, auch T-Shirts mit Aufschriften wie „Menschenrechte für alle“ waren verboten. Gleichzeitig forderte die Fifa aber ungeniert eine Waffenpause in der Ukraine, damit alle in Ruhe dieses Fußballevent genießen könnten. „Unpolitisch zu sein heißt, politisch zu sein, ohne es zu merken“, hat Rosa Luxemburg einmal gesagt.
Wer von sich selbst sagt, er sei unpolitisch, der meint: „Das interessiert mich hier alles nicht.“ Aber geht das? In Zeiten großer Krisen einfach „Ich mach da nicht mit!“ zu sagen? Man könnte es deutlicher sagen: Unpolitisch zu sein heißt schlicht, wegzuschauen bei Hass, Gewalt und Ungerechtigkeit. Denn wer seine eigenen Rechte nie bedroht sah, weiß nicht, was es bedeutet, keine solchen Rechte zu haben. Ein im Internet zirkulierendes Zitat unklarer Herkunft bringt das mit Bezug auf die Proteste im Iran auf den Punkt: „Du bist unpolitisch, bis dein Haus brennt; bis dein Vater im Folterknast verschwindet; bis deine Heimat bombardiert wird; bis deine Sprache verboten wird; bis du zu wenig Geld hast; bis deine Art zu sein täglich mit Gewalt unterdrückt wird. Unpolitisch zu sein ist ein Privileg.“
Wer für sich in Anspruch nimmt, unpolitisch zu sein, ist auch schlicht nicht gewillt, die eigenen Privilegien innerhalb der Dominanzgesellschaft, also eines Systems, das Minderheiten ausgrenzt, zu reflektieren sowie Ungerechtigkeiten, die anderen widerfahren, wahrzunehmen.
Lange ist man in Deutschland damit ja auch ganz gut durchgekommen, sich nicht für Politik interessieren zu müssen. Lange war Deutschland für viele quasi ein Paradies. Eine wohlhabende Gesellschaft mit einem umfangreichen Sozialsystem, welches fast jeden auffängt. Die letzten Jahre haben diese geordnete Welt ins Wanken gebracht: Geflüchtete, Corona, Krieg, Klimazerstörung, Inflation, Energiekrise. Von einer Spaltung der Gesellschaft ist seit Jahren die Rede. Deutlich zeigte sich dies während der Coronapandemie, wo sich Teile der Gesellschaft vom wissenschaftlichen Konsens komplett abgespalten haben. Unter den sogenannten Querdenkern machte sich der Glaube breit, man werde von oben gesteuert, die Pandemie sei nur ein Mittel, um den Bürgerinnen und Bürgern ihre Rechte zu rauben. Ignoriert wurde von vielen Querdenkern, dass die Coronaproteste schnell von Rechten und „Reichsbürgern“ orchestriert wurden.
Wer sich als unpolitisch bezeichnet, der nimmt solche Entwicklungen hin. Oder sieht sie oft gar nicht. Und das tun offensichtlich immer mehr Menschen. Zu dem Ergebnis kam das Reuters Institute an der Universität Oxford. Laut der Studie ignorieren viele Menschen beunruhigende Nachrichten über die Coronapandemie, den Ukraine-Krieg oder die drohende Wirtschaftskrise. Der jährliche Bericht erscheint Ende Januar und basiert auf Online-Umfragen in 46 Ländern. Im April starteten die Meinungsforscher wegen des Ukraine-Kriegs eine weitere Umfrage in fünf Staaten. Insgesamt gaben 38 Prozent der Befragten an, dass sie bewusst Informationen vermeiden. 2017 waren es noch 29 Prozent. In Deutschland stieg der Anteil in diesem Zeitraum von 24 auf 29 Prozent.
Fast ein Drittel der Deutschen setzt sich mit dem aktuellen Geschehen überhaupt nicht mehr auseinander. Auch die Shell-Jugendstudie kam 2019 zu einem ähnlich erschreckenden Ergebnis: Nur acht Prozent der befragten Jugendlichen interessieren sich stark für Politik. Weitere 33 Prozent beschreiben sich als interessiert. Weniger als die Hälfte der jungen Menschen in Deutschland zeigen aktives Interesse für Politik.
Nun gibt es viele Gründe, warum Menschen Nachrichten nicht wahrnehmen. Irritierend ist aber ein Punkt: 36 Prozent gaben an, Nachrichten zu ignorieren, weil sie ihnen aufs Gemüt schlagen. Vor allem der Ukraine-Krieg belastet viele Menschen. In der Ukraine sterben täglich Menschen durch den russischen Angriff, viele Betroffene sind auf der Flucht und haben ihr gesamtes Hab und Gut verloren. Die Ukrainerinnen und Ukrainer müssen das aushalten – es bleibt ihnen keine Wahl. Kann man also hierzulande einfach sagen: „Oh das schlägt mir aufs Gemüt“, und wegklicken oder wegschauen?
Nein, kann man nicht. Man muss lernen, das auszuhalten. Daraus erwächst keine Verpflichtung, sich diesem Schrecken 24 Stunden lang auszusetzen. Nur: Wer das alles komplett ignoriert, macht es sich zu leicht.
Eine zumindest moralische Unterstützung für ein Land, dass auch die Freiheit Europas verteidigt, ist mehr als angebracht. Wer schlimme Bilder nicht aushalten kann, sollte gelegentlich kurz innehalten und sich daran erinnern, dass wir trotz allem nur Zuschauer, nicht Betroffene, sind. Das Mindeste, was man als Zuschauer also einbringen kann, ist Empathie und Solidarität.
Viele Menschen sehen es aber als völlig gerechtfertigt an, sich mit schlechten Nachrichten nicht auseinanderzusetzen. Schließlich geht das eigene Wohlbefinden vor. Das ist en vogue im Zeitalter der hypersensiblen Konzentration auf die eigenen Gefühle. In Gruppierungen, die nach stetiger Harmonie streben, ist das Kreisen um das eigene Wohlbefinden längst zu einer Art Ersatzreligion hochstilisiert worden. Die Selbstoptimierung und die Perfektionierung des eigenen Ichs ist das oberste Lebensziel.
Natürlich könnte man einfach lapidar sagen: Wer sich nicht für Politik interessiert, schadet wenigstens niemandem. Aber reicht das wirklich? Eine Demokratie basiert auf Partizipation und Teilhabe aller an der politischen Willensbildung. Und eine Demokratie ist kein Selbstläufer. Das zeigte sich in vielen Ländern dieser Welt in den vergangenen Jahren – Länder, in denen freiheitlich-demokratische Systeme ins Wanken kamen. Selbst in der ältesten Demokratie der Welt, den USA, ist der demokratische Rechtsstaat keine Selbstverständlichkeit mehr – zu oft ist dieses System in den letzten Jahren durch reaktionäre Kräfte bedroht worden.
Dass einmal erkämpfte Rechte keine Selbstverständlichkeit sind, zeigte kürzlich der amerikanische Supreme Court, als er das Urteil „Roe vs. Wade“ kippte, welches Frauen in den Vereinigten Staaten das Recht auf Abtreibung garantierte. Es zeigt: Frauenrechte sind noch immer keine dauerhafte Selbstverständlichkeit.
Zu tief sind überall noch die alten patriarchalen Strukturen verankert, die danach trachten, den Frauen die einst erkämpften Rechte wieder zu entreißen. Die US-Schauspielerin Jennifer Lawrence sagte kürzlich der Zeitschrift „Vogue“: „Ich komme nicht mit Leuten klar, die nicht politisch sind. Du lebst in den Vereinigten Staaten von Amerika. Du musst politisch sein. Es ist schlimm. Die Politik bringt Menschen um.“
Eine Demokratie verheißt viele Freiheiten. Die Rechte der Bürgerinnen und Bürger zu schützen und zu gewähren ist ein hohes Gut. Aber – und dies vergessen jene Zeitgenossen, die ihr Desinteresse öffentlich pflegen –, diese Rechte sind nicht in Stein gemeißelt. Sie sind eine Errungenschaft, die vorherige Generationen hart erkämpft haben und die immer wieder auf dem Spiel stehen. Und deshalb verbinden sich mit diesen Rechten und Freiheiten auch Pflichten.
Vor allem die Pflicht, diese Rechte zu verteidigen. Eine offene Gesellschaft braucht Menschen, die sie zusammenhält. Wer sich nicht beteiligt, der wird zum gesellschaftlichen Trittbrettfahrer. Er profitiert von Rechten, Freiheiten und Errungenschaften, die andere für ihn aufrechthalten. Soziales Faulenzen nennt es die Sozialpsychologie, wenn sich ein Teil der Gruppe einfach heraushält und die anderen machen lässt, aber am Ende ebenfalls vom Ergebnis profitiert.
Wir erleben derzeit einen der größten gesellschaftlichen Umbrüche seit Ende des Zweiten Weltkrieges – gesellschaftlich und sozial. Und der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier stimmte das Land in seiner Rede im Oktober auch auf „raue Jahre“ in wirtschaftlicher Hinsicht ein. Natürlich würden die staatlichen Institutionen die Menschen in Deutschland nicht alleine lassen, betonte er. Aber Steinmeier richtete auch einen Appell an die Menschen: „Es braucht auch jeden Einzelnen und jede Einzelne. Deutschland, unser Land, braucht Ihren Willen zur Veränderung, braucht Ihren Einsatz für unser Gemeinwesen, damit wir dort ankommen, wo wir hinwollen.“
Es ist mitnichten so, dass die aktuellen und anstehenden Krisen nicht bewältigt werden könnten. Viele Ressourcen dafür sind da. Aber es erfordert eine große gesamtgesellschaftliche Anstrengung. Viele ruhen sich aber noch immer auf den ruhigen, wohlhabenden Zeiten aus, die in Deutschland lange Jahre geherrscht haben. Wer sich mit den nötigen Veränderungen nicht beschäftigt, verschließt die Augen vor dem, was kommt. Das gleicht einer Verweigerung der Auseinandersetzung mit der potenziellen Zerstörung unserer westeuropäischen, demokratischen Gesellschaftssysteme – und unseres Lebensraumes.
Frauen, aber vor allem Randgruppen wie Geflüchtete, Ausländer oder Angehörige der LGBTQI-Gruppen (Menschen, die von der heterosexuellen Norm abweichen), können ein Lied davon singen, in einem demokratischen Land zu leben – und dennoch jeden Tag um seine Rechte kämpfen und sich gegen Diskriminierung und Gewalt wehren zu müssen. Aber der unpolitische Mensch hört ihnen nicht zu. Er ist mit sich beschäftigt. Entrechtung und Diskriminierung entsteht auch dadurch, dass Menschen wegschauen, sich nicht einmischen.
Der unpolitische Mensch erwartet, dass andere sich für seine Privilegien einsetzen. „Die Weltgeschichte ist nicht nur eine Geschichte des menschlichen Mutes, sondern auch eine Geschichte der menschlichen Feigheit“, schrieb der jüdisch-österreichische Schriftsteller Stefan Zweig im Jahr 1929. Ein unpolitisches Leben – es ist also gar nicht möglich. Man handelt immer politisch – auch wenn man einfach geschehen lässt. Aber man wählt die feige Variante.
Viele ziehen sich wieder ins Private zurück – immer wieder wird von der Rückkehr der „Biedermeier“-Epoche gesprochen. Damals zogen sich die Deutschen vornehmlich ins private Idyll zurück und wollten von den Problemen der Welt nichts wissen.
Ein Rückzug ins Private, weil „die Nachrichten nicht zu ertragen sind“, ist kein wirklicher Rückzug. „Das Private ist politisch“, hat Hannah Arendt einst geschrieben. Politik trifft jeden, jeden Tag. Arendt sagte auch: „Der Sinn von Politik ist Freiheit. Aber Freiheit ist nicht kostenlos. Wir müssen jeden Tag dafür bezahlen: mit unserer Aufmerksamkeit, mit unserem Engagement, mit unserer Solidarität, mit unserer Wachsamkeit.“ In Krisenzeiten ist Politik schwer auszuhalten. Und ja, deshalb ist es wichtig, sich in Krisenzeiten gut um sich selbst zu kümmern, resilient zu werden. Aber man darf nicht bei sich selbst aufhören.
Anm. d. Red.: In einer früheren Version hieß es, die Coronaproteste seien „von Beginn an“ von Rechten und „Reichsbürgern“ orchestriert worden. Mit der Formulierung „von Beginn an“ war nicht notwendig die erste Coronaprotestveranstaltung gemeint, sondern der Zeitraum der ersten Wochen nach Aufnahme dieser Proteste.