Thomas Sowa macht zweimal die Woche Zahnbehandlungen im Stuttgarter Hochsicherheitsgefängnis. Foto: Gottfried Stoppel
Zahnarzt Thomas Sowa kümmert sich seit 30 Jahren neben seiner Praxis auch um Gefangene der JVA Stammheim. Dort muss der 73-Jährige ziemlich oft zur Zange greifen. Lange Drogenkarrieren haben die Zähne der Insassen marode werden lassen.
Dennis ist das Coolste, was die Justizvollzugsanstalt Stammheim aktuell so zu bieten hat. Zumindest ist er davon überzeugt, als er mit großen Schritten das Behandlungszimmer betritt. „Ich bin der beste Häftling hier“, ruft der 30-Jährige gut gelaunt und nimmt auf dem Zahnarztstuhl Platz. In der JVA mit seinen insgesamt 882 Insassen kennt nicht jeder Mitarbeiter jeden Inhaftierten. Aber Dennis (alle Namen der Häftlinge geändert), der wegen Körperverletzung in Stammheim auf seine Verhandlung wartet, den kennt man.
Rund 20 Minuten später wird sein entzündeter Zahn draußen sein und Dennis die Schnauze gestrichen voll haben. Weitaus weniger gut gelaunt und ohne coolen Spruch auf den Lippen, dafür mit einem Kühlpad in der Hand, schaut er nur noch, dass er so schnell wie möglich wegkommt.
Dennis muss ein Zahn gezogen werden
Kein Wunder, bis der kranke Zahn vollständig draußen ist, muss Dennis ganz schön lange ziemlich verkrampft auf dem Zahnarztstuhl sitzen, während Thomas Sowa, 73, mit der Zange und anderen Instrumenten zugange ist. Als der Zahn abbricht und die Wurzel festhängt, wird es blutig. Sowa muss unter anderem mit der Fräse und einem scharfen Löffel nachhelfen, um alles rauszubekommen. Als hätte er es geahnt, fragte Dennis schon, als die erste Betäubungsspritze noch gar nicht richtig wirkte, ob nicht noch mal nachgespritzt werden könnte. Die Angst vor Zange und Bohrer scheint auch vor schweren Jungs nicht Halt zu machen.
Der Zahnarzt Thomas Sowa und die zahnmedizinische Fachassistentin Sandra Seeber beruhigen den Inhaftierten ständig während der Behandlung, erklären immer, was sie jetzt gerade machen – freundlich und anscheinend ohne Wertung. Schläger, Drogenhändler, Vergewaltiger, Mörder – der Zahnarzt und seine Mitarbeiterinnen wissen nicht, was den Männern vorgeworfen wird, die vor ihnen den Mund weit aufmachen.
Süßes Maskottchen neben vergitterten Fenstern. Foto: Stoppel
Der Andrang ist meist groß. Viele der Häftlinge haben eine lange Drogenkarriere hinter sich und dadurch massive Probleme mit maroden Zähnen. Was sie sich zu Schulden kommen ließen, tut dabei nichts zur Sache. „Das will ich gar nicht wissen, es geht nur darum, sie zu behandeln“, sagt Sowa, der mit kurzen Pausen seit Anfang der 90er Jahre die Inhaftierten des Hochsicherheits-Gefängnisses im Stuttgarter Norden behandelt. In der Regel kommen die Häftlinge ohne Begleitung zu ihm ins Zimmer. Ein Mitarbeiter der JVA – wenn auch nicht in Uniform – ist trotzdem immer in der Nähe. Nennenswerte Vorfälle gab es bisher noch nie. „Wenn die zu mir kommen, haben sie die Hosen voll und sind ganz handzahm“, sagt Sowa, der seine Praxis nahe der JVA hat.
Auf den ersten Blick wirken auch die Behandlungsräume mit den Zahnarztstühlen in der JVA wie ganz normale Praxisräume – wären da nicht die Gitter vor den Fenstern und die großen runden Spiegel, die oberhalb der beiden Türen angebracht sind. Dank dieser ist es Thomas Sowa und seinen Mitarbeiterinnen möglich, die Gefangenen auch dann im Auge zu behalten, wenn sie ihnen mal den Rücken zukehren müssen. „So können wir sehen, was der Häftling macht und ob er womöglich versucht, etwas einzustecken, was gefährlich werden könnte“, erklärt Sandra Seeber, die sowohl Angestellte in der JVA als auch bei Sowa in der Praxis ist. Mit der Dritten im Bunde, Daniela Diem, behandelt das eingespielte Team als Trio zweimal die Woche im Stammheimer Gefängnis.
Auch an diesem sonnigen Vormittag sitzen alle Handgriffe. Während ein Häftling auf einem der beiden Behandlungsstühle darauf wartet, dass die Betäubungsspritze wirkt, nimmt im anderen Raum schon der nächste Platz. Die Männer kommen, um eine Wurzelbehandlung fortzuführen oder abzuschließen oder weil sie nachts so stark mit den Zähnen knirschen, dass es diesen an die Substanz geht – was dann schmerzt.
Doch in erster Linie muss Thomas Sowa zur Zange greifen – Zähne ziehen im Akkord ist angesagt. Während im Hintergrund das Radio dudelt, heißt es in den Behandlungszimmern immer wieder röntgen, einspritzen und dann raus mit den kaputten Zähnen und Zahnstümpfen. Besonders hart trifft es Thorsten. Schon bei der letzten Sitzung mussten dem Häftling, der wegen Drogenhandels seit zwei Monaten in Stammheim sitzt und auf seine Verhandlung wartet, mehrere Zähne gezogen werden. Und wenn Sowa dieses Mal mit ihm fertig ist, werden ihm weitere drei fehlen. Thorsten will einen Zahnersatz, doch den muss er selbst zahlen. „Ich schreibe Ihnen einen Kostenvoranschlag, der geht dann an die Wirtschaftsabteilung.“ Sowa macht nicht lange rum. Mit lockeren Sprüchen, zügig und ohne viel Aufsehen behandelt er einen nach dem anderen. „Die brauchen eine Behandlung und die kriegen sie, basta.“
„Viele waren noch nie beim Zahnarzt“
Er sieht seinen Auftrag in der JVA pragmatisch. Berührungsängste? Gibt es nicht! „Das sind teils verheerende Zustände. Die Zähne sind komplett abgefault, die Nerven tot. Solange diese Leute Drogen nehmen, haben sie keine Schmerzen“, sagt Sowa. „Viele waren noch nie beim Zahnarzt, haben große Angst und kommen erst, wenn die Schmerzen stark sind.“ Dann seien sie froh, wenn man ihnen helfe und kämen ihm nicht blöd. Ganz selten muss er sich mal eine Drohung anhören. Aber damit kann er dann auch leben. „Wer nicht will, soll einfach wieder gehen.“
Die meisten kommen doch wieder – weil sie wollen, dass ihr Gebiss wieder besser aussieht, weil sie wieder kauen wollen oder eben, weil Sowa zur Zange greifen muss wie bei Thorsten. Begeistert ist der überhaupt nicht, dass nun noch mal drei Zähne rauskommen. Aber er ahnt wohl, dass es sein muss. „Ich bin froh, wenn’s rum ist. Wenn man nie was für die Zähne tut, rächt sich das halt irgendwann, da muss ich durch“, sagt Thorsten. Er faltet die Hände über dem Bauch und lässt die Tortur im Knast, der quasi mitten im Wohngebiet von Stammheim liegt, ein weiteres Mal über sich ergehen.
Mehr Sicherheit durch einen extra Spiegel über der Tür /Gottfried Stoppel
Die Anstalt wurde nach vierjähriger Bauzeit im September 1963 in Betrieb genommen. Das Gelände umfasst 48 000 Quadratmeter. Über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist Stammheim seit den 70er Jahren durch die Inhaftierung von RAF-Gefangenen. Die JVA wird ständig renoviert und saniert, doch noch immer sieht ein Teil des berüchtigten siebten Stocks im Gefängnishochhaus aus, als sei die Zeit stehen geblieben und die „Todesnacht von Stammheim“ – als die Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen durch Suizid starben – erst gestern gewesen.
Matthias Nagel, seit 2015 Leiter der JVA in Stammheim, sieht die damaligen Ereignisse zwiegespalten. „Es ist spannend und geschichtsträchtig, aber auch anstrengend, weil jeder uns sofort damit verbindet.“ Der 58-Jährige war zuvor in zahlreichen anderen Vollzugs-Einrichtungen tätig, zuletzt in Rottweil. In all den Jahren hat er viel erlebt: Häftlings-Schicksale, die er nicht zu nah an sich ranlassen darf, die ihn aber auch nicht kalt lassen. „Das sind oft grauenhafte Geschichten mit einer schrecklichen Vorgeschichte“, sagt der Jurist, dem besonders die Suizidprophylaxe und die Vermeidung von Konflikten wichtig sind. Bei rund 3000 Zugängen im Jahr kommt es trotz großer Vorsichtsmaßnahmen laut Nagel etwa einmal im Jahr zu einem Suizid. Um Gewaltexzesse unter den Gefangenen zu verhindern, lässt Matthias Nagel sie nicht gemeinsam, sondern nur in ihrer Zelle essen.
Wo die gefährlichsten Insassen sitzen, befindet sich hinter der Zellentür noch eine durchsichtige Sicherheitstür. „Wir haben hier alles, auch IS-Terroristen und Mörder. Oft spielen Psychosen und Schizophrenie eine Rolle. Aber mit den meisten kann man arbeiten, wenn sie den Entzug hinter sich haben“, sagt Nagel und macht sich durch zahllose verschlossene Türen auf zur Krankenstation, wo auch die Zahnarzt-Räume liegen.
Dort versucht Thomas Sowa gerade, einem Häftling zunächst auf Englisch, dann auf Französisch zu erklären, wie lange dieser jetzt nichts essen darf und dass er das Rauchen besser ein paar Tage bleiben lassen sollte. „Wir machen die Männer hier wieder hübsch und sind multilingual.“ Sowa lacht, schnappt sich neue Einweg-Handschuhe und bespricht schon mit dem nächsten Patienten, was im Mund zu tun ist.