Design-Trend Paravent Raumteiler sind wieder da

Hinter Paravents lässt sich weniger schickes Zeug in einer Wohnung verstecken, sie unterteilen aber auch große Räume: „Lola“, entworfen wurde dieser Raumteiler jüngst von Designer Bodo Sperlein für Schönbuch. Foto: Schönbuch GmbH

Praktisch in Zeiten von knappem Wohnraum: hinter einem Paravent lässt sich allerhand verstauen. Auf Möbelmessen wie jetzt in Paris sieht man außerdem Raumteiler, die auch als Garderoben funktionieren – oder als Geldanlage taugen.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Paris - Sie stehen oft auf etwas wackligen Füßen und die Holzteile klappern. Paravents haben eine Aura des Dubiosen, leicht Verruchten, auch ein bisschen Unappetitlichen. In Adelshäusern nutzte man die klapp- und faltbaren Rahmen, die mit Scharnieren verbunden und mit Stoff oder Tapeten überzogen waren, seit dem 16. Jahrhundert als offene Umkleidekabine. Und als Vorrichtung, hinter der man seine Notdurft verrichtete.

 

In amerikanischen Westernfilmen der 50er Jahre stellten Set-Designer die verschnörkelten, bemalten Klappteile auf. Hier konnten halb erotische Szenen, ein Spiel von Zeigen und Verhüllen inszeniert werden. Während der Held ins Boudoir im ersten Stock eines Saloons hechtet und dort mit gezückter Waffe seine Feinde erwartet, huscht – huch! – die nachlässig gekleidete Dame hinter den Paravent, schnürt das Korsett und natürlich lugt immer etwas hervor oben oder an der Seite: ein Fuß, ein Arm, ein Dekolleté.

Paravents unterteilen auch kleine Räume

In Königshäusern hat man längst Spas mit Hightech-WCs eingebaut, selbst in Western sind die Paravents aus der Mode gekommen. In der bürgerlichen Wirklichkeit allerdings sind sie als Wohnhilfe relevanter denn je, wie noch bis zum 10. September auch auf der Möbelmesse Maison et Objet in Paris zu sehen ist. Paravents schützten in China bereits um 206 v. Chr. in der Han-Dynastie im Innen- und Außenraum vor Wind und Feuer-Funkenflug (der französische Name erinnert daran: para=dagegen, vent=Wind).

Heute dient das Gestell vor allem als Ordnungshelfer. Vor allem, wer in vom Immobilien- und Mietkostenirrsinn heimgesuchten Großstädten 1000 Euro für eine Einzimmerwohnung hinblättert und doch ein bisschen Würde behalten will, ist mit einem Paravent gut bedient, der die Klause in einen Wohn- und Schlafbereich unterteilt oder eine Ecke abschirmt, hinter der sich Koffer, Taschen oder Krimskrams verbergen.

Reiche haben es aber auch schwer: Wer geerbt, im Pferdelotto gewonnen oder reichlich Boni verdient hat, fühlt sich vielleicht ein bisschen verloren in der Tiefe seines 200-Quadratmeter-Lofts und wünscht sich Schutz vor zu viel Weitblick. Wenn Innenarchitekten oder Privatmenschen mit Dekorationstalent Räumen Struktur geben wollen, wird zoniert: mit Farben, Teppichen und immer häufiger auch mit Paravents. So zeigt man an, hier fängt die Leseecke an, dort hört der Essbereich auf.

Raumteiler, die als Garderobe funktionieren

Längst gibt es nicht mehr nur asiatisch angehauchte Raumtrenner aus Bambus und Naturholz, sondern Modelle wie die von Ferm Living, die schick auf Hochglanz poliert sind. Oder solche, die traditionelle Muster zeitgemäß interpretieren, wie die außerdem schallschluckenden Gobelin-Exemplare von der Firma Meisterwerke, die ihre Kollektion flämischer Webkultur der Tapisserie auch auf der Ambiente Messe in Frankfurt schon präsentiert hat. Meisterwerke sind ein gemeinsames Projekt von Isabelle Torrelle und Christian Otto, neue Modelle sind derzeit in Paris zu sehen.

Wer es grün mag, besorgt sich Gestelle, an denen Pflanzen befestigt sind, die sorgen dann auch noch für ein gutes Raumklima. Multitaskingfähige Raumtrenner wie von Schönbuch, die mit Haken und Spiegeln versehen sind, lassen sich zudem als Garderobe nützen.

Bauhaus-Klassiker von Eileen Gray

Auch als Skulpturen sind Raumtrenner im Einsatz. So lässt sich nebenbei nicht nur Geschmack, sondern auch Wohlstand demonstrieren. Schon in den Königshäusern hatte man kostbare Stoffe und Stickereien für Paravents verwendet.

Und als Ende des 19. Jahrhunderts der Japonismus en vogue war, machten Künstler wie Pierre Bonnard Ausflüge ins Kunsthandwerk und entwarfen Wandschirme. So lagert sein „Entwurf für einen Wandschirm mit Hasen“ heute im Museum of Modern Art in New York, im Musée d’Orsay in Paris ist eine Tafel „Im Sand spielendes Kind“ aufbewahrt.

Von japanischer Handwerkskunst, traditioneller Lackarbeit insbesondere, beeindruckt war auch die Bauhaus-Gestalterin Eileen Gray. Dieses Jahr hat Classicon zu den 100-Jahre-Bauhaus-Festivitäten eine limitierte Zahl von Grays 1922 entworfenen Raumteilern „Brick Screen“ herausgebracht und auf der Möbelmesse Köln gezeigt. Die 75 Paravents werden in wochenlanger Handarbeit vielfach lackiert. Preis ab Werk: 46 000 Euro pro Stück. Vor lüsternen Blicken schützen sie nicht, taugen aber als Geldanlage.

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