Detransition in Stuttgart „Halte ich das noch mal aus?“ Erst Jule, dann Malte – und jetzt wieder Jule?

Mann oder Frau? Die Frage, wie er mit seinem Zweifel weiterleben soll, beschäftigt Malte. Foto: KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Mit 14 will Jule ein Junge sein. Mit 18 wird sie Malte. Mit 21 überwiegt der Zweifel: Habe ich die falsche Entscheidung getroffen? Doch wie erklärt man das seinem Umfeld.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Malte sagt es ganz beiläufig. Aber diese hingeworfene Bemerkung illustriert seine momentane Gefühlslage sehr genau. „Ich würde schon gerne auf die Frauentoilette gehen“, sagt er. Auf der Männertoilette fühle er sich nicht so richtig wohl. Und jetzt schon gar nicht mehr. Seit er kein Mann mehr sein und wieder zu der jungen Frau werden will, die er einmal war. Malte heißt anders. Seine Geschichte ist kompliziert. Er – das Pronomen passt eigentlich schon nicht mehr – befindet sich gerade in der Rückabwicklung einer großen Lebensentscheidung. Das, was er jetzt noch vor sich hat, ist nicht minder anspruchsvoll und kräftezehrend wie das, was hinter dem 21-Jährigen liegt. Aber er weiß: als Mann will er nicht mehr leben, obwohl er so viel dafür getan hat.

 

Malte sitzt in einem Stuttgarter Esszimmer mit Blick über die Stadt. Das dunkle Haar kurz geschnitten, er trägt ein weites T-Shirt, locker sitzende Jeans und schwarze Loafers. Kleidung also, die keinem Geschlecht so richtig zuzuordnen ist. Maltes Mutter sitzt mit am Tisch. Die beiden ergänzen einander, wenn sie von der wohl anstrengendsten Zeit ihrer Beziehung erzählen. Als Malte endlich den Mut fand, sich seiner Mutter anzuvertrauen und sich bei ihr seinen Kummer von der Seele zu reden, haben sie manchmal auch einfach nur miteinander geweint. „Da war ein großer Schmerz zwischen uns“, sagt seine Mutter. „Wir sind uns in dieser Zeit näher gekommen“, sagt Malte.

Wenig Ermutigung für den Weg zurück

Malte will zurück zur Frau, die er mal war. Foto: imago/Steinach

Massive Zweifel an seinem neuen Mannsein kamen Malte im Frühjahr 2025. Im Sommer wurden sie übermächtig. „Ich konnte nichts dagegen tun, ich war dem völlig ausgeliefert.“ Durch eine Infektion, die ihn ins Bett zwang, war er sich selbst „mit aller Wucht völlig ausgeliefert“. Er hatte Panikattacken und das schlimme Gefühl, „die falsche Entscheidung getroffen zu haben.“ Immer wieder träumte er davon, wieder als Frau zu leben. Der Satz „Das war ein Fehler“ war in diesen Träumen allgegenwärtig. Die Phasen kommen immer wieder, in kürzeren Abständen. Zwei Jahre liegt da die Mastektomie, die Amputation beider Brüste, zurück. Noch ein Jahr länger nimmt er Testosteron, das männliche Sexualhormon. Schnell waren seine Schultern durch die Einnahme breiter geworden, hatte er mehr Kraft. Seine Stimme veränderte sich, wurde deutlich tiefer. Er bekam eine deutlich wahrnehmbare Körperbehaarung, musste sich rasieren, weil auch im Gesicht Haare wuchsen.

Zweifel sind normal

Er hat das alles gewollt und durchgezogen, obwohl er sich zwischendurch schon auch mal fragte: „Will ich das wirklich?“ Sein Psychotherapeut, der ihn auf der Transition und auch darüber hinaus begleitet hat, beruhigt ihn: Das sei normal. Lange habe er schließlich gegen Widerstände kämpfen müssen. Vor allem seine Mutter fand den Gedanken der Geschlechtsangleichung vom ersten Augenblick an unerträglich, war voller Sorge, konnte nicht mehr schlafen, war nicht mehr arbeitsfähig. Eine Selbsthilfegruppe für Eltern von Transkindern erlebte sie eher als Gruppe, die ermutigen will, das Kind bei der Transition zu unterstützen.

Kurz vor der Brustoperation an seinem 19. Geburtstag denkt Malte jedoch: „Ich werde niemals in meinem Leben stillen können.“ Und schiebt diesen Zweifel wieder weg. Denn es war ihm gleichzeitig auch lästig, seine Brüste immer abbinden zu müssen, weil er längst eine – bis auf dieses körperliche Merkmal – männliche Erscheinung hatte. Er erzählt niemandem davon, denkt, der einzige mit diesem Zweifel zu sein. „Ich hatte ja schließlich so lange dafür gekämpft“. Er war eigentlich am Ziel seiner Träume. „Erst mal war das ein richtig gutes Gefühl.“

Beim Sport outete er sich nicht

Inzwischen denkt und fühlt Malte anders. Das Testosteron hat er längst abgesetzt. Er will rückgängig machen, was er von seinem 14. Lebensjahr an sehnlichst wollte und auf was er, bis er 18 Jahre alt war, warten mussten. Damals war es ein allmähliches Outing, erst bei der Mutter, dann bei den Geschwistern und dann auch beim Vater, bei dem er nach der Trennung der Eltern im Wechselmodell lebte. Im Internet hatte Malte andere Transjungs gefunden und sich mit ihnen ausgetauscht. Dort bekam er Infos, was er tun müsse – von der Einnahme von Pubertätsblockern bis hin zu Operationen. Als Jule spielte er da noch in einer Mädchen-Fußballmannschaft. Beim Sport outete er sich nicht. Er wählte das Gegenüber, dem er sich anvertraute, genau aus. Sich im Verein zu outen, überforderte ihn. Das Fußball- und Tennisspiel gab er schließlich irgendwann auf, obwohl das ein großer Teil seines Lebens war.

Denn wer sich outet, muss Fragen beantworten, sich erklären und wird schnell zum Gesprächsthema der anderen und vielleicht auch durch deren Widerspruch verunsichert. Das gewohnte Umfeld zu verlassen, machte auch für Malte manches einfacher im Prozess seiner Verwandlung. Jeder Schulwechsel – und er hatte viele – machte es leichter. Viele kleine Neuanfänge waren das. Mit neuen Menschen, die das alte Leben nicht kennen.

Eltern verweigern Pubertätsblocker

Beide Eltern waren gegen eine Geschlechtsangleichung. Sein Vater völlig kompromisslos, seine Mutter in großer Sorge um ihre Tochter aber mit dem Versprechen: „Egal, was du machst, du bist mein Kind und ich liebe dich.“ Und so zog er seine erste Transition unbeirrt durch. Mit sozialer Transition, dem Tragen von Jungenkleidung also, der Annahme eines männlichen Vornamens. „Da konnte ich noch gut mit umgehen“, sagt seine Mutter, „da geht ja noch nichts kaputt“. Sie setzte auf Zeit, stimmte wie Maltes Vater der Einnahme von Pubertätsblockern nicht zu, weil ihr die Expertenmeinung einleuchtet, Kinder müssten durch den Prozess der Pubertät, um zu merken, dass sich ihr innerer Konflikt unter Umständen anders löst. „Ich hatte immer das Gefühl, dass das nicht stimmt“.

Und nun fragt sich Malte selbst, was schief gelaufen ist. Er glaubt nicht, dass ihn etwas von seiner Entscheidung hätte abhalten können. „Sie war gefallen“. Er habe sich schon während seiner Schulzeit immer gewünscht, ein Junge zu sein. „Aber die vielen Youtube-Videos haben mich natürlich auch beeinflusst“. Die Geschlechtsangleichung sei darin immer als Geschichte einer Befreiung erzählt worden. Ohne Komplikationen und Zweifel. Es würde ihm helfen, „mit anderen Menschen zu sprechen, die so denken und fühlen wie ich“, sagt er jetzt. Wer sich mit seiner Detransition im Netz outet, ernte vorwiegend transphoben Hass oder Ablehnung aus der eigenen Community. Heute begreift Malte seine Transition auch als Weglaufen vor anderen Problemen. Das große Versprechen löste sie jedenfalls nicht ein. „Es ist durch die Angleichung nicht alles einfacher geworden in meinem Leben.“

Barthaare wieder entfernen

Nun beschäftigt ihn eine neue existenzielle Frage. Die nämlich, ob er überhaupt wieder als Frau leben könne, ohne aufzufallen. Er war in Laserstudios, um rausfinden, ob sich mit dieser Methode der Bartwuchs mindern lasse. Denn der bleibt offenbar auch nach dem Absetzen des Testosterons. Die Körperbehaarung jedoch ist weniger geworden, der Zyklus ist inzwischen zurückgekommen, die Körperkraft hat bereits wieder spürbar nachgelassen. „Die Gesichtszüge sind weiblicher geworden“, sagt Maltes Mutter. Schritt für Schritt will Malte nun den Weg weitergehen. Irgendwann wird er sich auch gegenüber seinem sozialen Umfeld erklären müssen. Noch sind die Veränderung hin zur Frau äußerlich minimal. „So kann ich jetzt erst mal weitermachen.“

Es wird ein langer Prozess werden. Über allen steht die Frage: „Halte ich das noch mal aus?“ Aus dem ursprünglichen Aktionismus der schnellen Umkehr ist ein Warten auf den richtigen Moment geworden. Für den braucht es Stärke. „Von Jule bin ich noch weit weg“, sagt Malte zögerlich. Vielleicht ja auch, „um weiter funktionieren zu können“. Vielleicht, überlegt er, „würde mir es helfen, in eine andere Stadt zu ziehen, um dort einen richtigen Neuanfang als Frau machen zu können“.

Gleichgesinnte gesucht

Selbsthilfegruppe
Wer sich mit ähnlichen Fragen wie Malte, also dem Abbruch oder dem Rückgängigmachen von transgendermotivierter Geschlechtangleichung, beschäftigt, findet Gesprächspartner bei einer neuen Selbsthilfegruppe. Betroffene können sich bei der Gründungsinitiatorin unter detrans@wz-nd.de melden. Die Gruppe befindet sich noch im Aufbau. Regelmäßige Treffen könnten per Videokonferenz oder persönlich in den Räumen des Stuttgarter Selbsthilfezentrums Kiss (Tübinger Str. 15) stattfinden.

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