In der Früh- und Spätschicht sind am Hauptbahnhof jeweils zwei weiterere Streifen der DB Sicherheit im Einsatz. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Nach dem tödlichen Angriff auf einen Zugbegleiter will die Deutsche Bahn mit einer bundesweiten Offensive den Schutz der Reisenden und des Personals verbessern.
Rund 180.000 Reisende frequentieren täglich den Stuttgarter Hauptbahnhof. Viele Fahrgäste wollen nach ihrer Ankunft einfach nur schnell weg. Die Großbaustelle des Milliardenprojekts mit ihren langen Fußgängertunneln verstärkt diesen Eindruck noch, aber auch in vielen anderen deutschen Städten ist das Sicherheitsempfinden auf dem Weg von und zu den Zügen aus Sicht der Deutschen Bahn (DB) verbesserungswürdig. Das Verkehrsunternehmen verstärkt daher in diesem Jahr bundesweit an 35 großen Bahnhöfen das Sicherheitspersonal – in Baden-Württemberg in Mannheim, Ulm, Heidelberg und Stuttgart.
33 Prozent mehr Streifen
In der Landeshauptstadt wurde die Maßnahme bereits Anfang Februar umgesetzt: Neben den beiden Streifen, die rund um die Uhr im Hauptbahnhof unterwegs sind, patrouillieren nun jeweils zwei zusätzliche Kräfte in der Früh- und Spätschicht von 6 bis 22 Uhr. Insgesamt bedeutet das eine Erhöhung der Präsenz um 33 Prozent. Außerdem kommen beispielsweise bei Events und Großveranstaltungen wie dem Volks- und Frühlingsfest sowie VfB-Spielen je nach Lage weitere Streifen hinzu. Darüber hinaus gibt es im Großraum Stuttgart ein mobiles Unterstützungsteam. Es besteht aus insgesamt zwölf Mitarbeitern, sechs davon können im Bedarfsfall kurzfristig ausrücken.
„Nach dem tödlichen Angriff auf einen Zugbegleiter in einem Regionalexpress ist das Thema Sicherheit derzeit in aller Munde“, sagt Stephan Schmidt, Sicherheitsverantwortlicher der Deutschen Bahn für den Südwesten. Trotzdem betont er: „Grundsätzlich ist ein Bahnhof sicherer als der öffentliche Raum. Für uns spielt das subjektive Sicherheitsgefühl der Fahrgäste eine wichtige Rolle.“ Auch die Mitarbeiter stünden im Fokus. „Wir investieren in Personal und in die Technik.“
120 Dezibel lauter Schrillalarm
Schon jetzt sind an vielen deutschen Bahnhöfen rund 11 000 Kameras für Prävention und eine konsequente Strafverfolgung im Einsatz. Ziel sei es, auch an kleineren Haltepunkten die Videotechnik auszubauen. Darüber hinaus werden Sicherheitskräfte mit Bodycams ausgerüstet. Die Geräte, die an der Schulter befestigt sind, können Vorfälle nicht nur aufzeichnen, sondern auch deeskalierend wirken. Personen, die in Bahnhöfen kontrolliert werden, sehen sich im Display der kleinen Kameras. Neben der Schutzweste und einer Hilferuf-App gehört auch ein sogenannter Schrillalarm zur Ausstattung des Personals. Bei einer Bedrohung kann per Knopfdruck ein 120 Dezibel lauter Ton erzeugt werden.
Die Bodycams haben nach Angaben der Bahn eine deeskalierende Wirkung. Foto: Lichtgut /Max Kovalenko
Wichtig sei auch die Ordnungspartnerschaft mit der Bundespolizei, die seit 25 Jahren besteht. Man gehe gemeinsam gegen unliebsame Gäste vor, sagt Schmidt – gemeint sind Störer, Randalierer und Straftäter. Während für die Beamten allerdings das Polizeirecht gilt, halten sich DB-Mitarbeiter an das Jedermannsrecht. Sie achten darauf, dass die Hausordnung eingehalten wird. Und dennoch stehen sie den Polizisten in puncto Ausstattung nur wenig nach, haben auch Schlagstock und Handschellen am Gürtel, um in Notwehr handeln zu können. In den meisten Fällen würden die DB-Mitarbeiter serviceorientiert handeln. „Wenn es bei Kontrollen aber zu Handgreiflichkeiten kommt, müssen wir das Bestmögliche tun, um unsere Leute, aber auch Reisende zu schützen.“
E-Scooter-Fahrer eskaliert bei Kontrolle
Michael Groh, Regionalbereichsleiter der DB InfraGO und zuständig für die Bahnhöfe im Südwesten, bereitet die Gewalt gegenüber dem Bahnpersonal Sorgen. „Es ist eine unschöne Entwicklung, ich hoffe, dass sich das irgendwann wieder in eine andere Richtung dreht.“ Was das konkret bedeutet, hat einer der Sicherheitsmitarbeiter zuletzt erfahren: „Wir haben an einem Bahnhof einen E-Scooter gestoppt. Statt wie gefordert seinen Roller zu schieben, reagierte der Fahrer aggressiv und wollte meinen Kollegen auf die Gleise schubsen. Er kam mit einem Schock davon“, erzählt Tim, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will. „Trotz solcher Vorkommnisse komme ich gerne zum Dienst, weil ich weiß, dass ich mich auf mein Team verlassen kann.“
Michael Groh und Stephan Schmidt (rechts) haben die Maßnahmen im Hauptbahnhof vorgestelt. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Gemäß der „Agenda des Bundes für zufriedene Kunden auf der Schiene“ will die Deutsche Bahn nicht nur die Sicherheit an Bahnhöfen erhöhen, sondern für mehr Sauberkeit sorgen. Für beide Punkte stehen 2026 bundesweit rund 50 Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung. Unter anderem wird der Frühjahrsputz, der im vergangenen Jahr gestartet wurde, jetzt ausgeweitet. „Ab Ende März werden 200 Bahnhöfe in Baden-Württemberg – im Raum Stuttgart sind es 35 – vom Winterschmutz befreit“, sagt Michael Groh. Außerdem sollen dunkle Unterführungen besser beleuchtet werden und mobile Handwerksteams bald bundesweit Reparaturen übernehmen, derzeit laufe die Rekrutierung. „Damit soll es künftig schneller gehen, hier eine Glasscheibe auszutauschen, dort Graffiti zu entfernen oder eine Vitrine zu reparieren“, so Groh. „Unsere Fahrgäste sollen erleben, dass sich rasch etwas zum Positiven verändert.“