Johannes Lochner auf dem Weg zum Doppel-Olympiasieg. Foto: IMAGO/Sports Press Photo
26 Medaillen, doch nur Rang fünf in der Nationenwertung, Dominanz im Eiskanal, aber 14 vierte Plätze und viele Ausrutscher: Die Olympia-Bilanz des Team D ist durchwachsen.
Am Ende Olympischer Spiele stellt sich immer die Frage, welche Bilder in Erinnerung bleiben werden. Aus deutscher Sicht sind das zweifelsohne die goldenen Momente von Skicrosserin Daniela Maier und Skispringer Philipp Raimund sowie die unglaubliche Dominanz im Eiskanal. Unvergessen werden allerdings auch die Szenen bleiben, die sich unter der Rubrik „Pleiten, Pech und Pannen“ bündeln lassen.
Ein Ausschnitt stammt vom Skicross. Tim Hronek wurde am Samstag im Halbfinale vom Schweizer Ryan Regez festgehalten und durch diese komplett unsportliche Aktion seiner Medaillenchance beraubt. „Das ist extrem bitter“, sagte Hronek – ein Satz, der in den vergangenen zwei Wochen oft fiel.
Zwischen Drama und Tragödie
Kombinierer Vinzenz Geiger stürzte im Teamsprint gleich doppelt, die nach dem ersten Lauf führende Slalomfahrerin Lena Dürr fädelte am ersten Tor des zweiten Durchgangs ein, die Snowboard-Crosser Martin Nörl und Leon Ulbricht fuhren sich gegenseitig über den Haufen, die Jury brach das Super-Team der Skispringer ab, als Philipp Raimund und Andreas Wellinger auf Medaillenkurs lagen, im Biathlon schossen die Deutschen oft dann Fahrkarten, wenn es zählte. Dazu kamen extrem knappe Entscheidungen. Skirennläuferin Emma Aicher gewann in der Abfahrt und in der Kombination mit Kira Weidle-Winkelmann Silber, einmal fehlten 0,04, einmal 0,05 Sekunden zum Olympiasieg. Im Monobob verpasste Laura Nolte Gold ebenfalls um vier Hundertstel Sekunden. „Wir haben uns“, sagte Olaf Tabor, der „Chef de Mission“ des deutschen Teams, „ziemlich oft zwischen Drama und Tragödie bewegt.“ Das galt auch für die Zahl der vierten Plätze.
Der Abbruch wegen Schneefalls kostete die Skispringer Philipp Raimund (li.) und Andreas Wellinger die Chance auf eine Medaille im Teamspringen. Foto: IMAGO/Fotostand
Insgesamt 14 waren es am Ende – so oft sammelte keine andere Nation Blech. Für Kritiker sind vierte Plätze Ausdruck mentaler Schwäche oder fehlenden Siegeswillens. Für Funktionäre (Tabor: „Das schmerzt sehr“) und Athleten sind sie zwar ärgerlich – aber auch der Beweis, dass die Konkurrenz stark und das Niveau vieler Wettbewerbe extrem ausgeglichen ist. „Platz vier bedeutet, dass man Viertbester der Welt ist“, sagte Skicrosserin Daniela Maier. Und die BiathletInnen bastelten Philipp Horn nach dessen viertem Platz im Massenstart eine eigene Medaille mit der Aufschrift: „Sieger der Herzen!“ Das war fürs Gefühl. Fakten gibt es bei Olympischen Spielen allerdings auch.
Der deutsche Plan geht nur zur Hälfte auf
Zwei Ziele hatten die Verantwortlichen des Team D vor den Winterspielen ausgegeben: Es sollten so viele Medaillen werden wie 2022 in Peking (27), als das Team D in der Nationenwertung hinter Norwegen auf Rang zwei gelandet war. Und es sollte im Gesamten erneut ein Platz unter den besten drei sein. Am Ende ging dieser Plan nur zur Hälfte auf.
Die deutschen Athletinnen und Athleten holten diesmal 26 Podestplätze, im Medaillenspiegel reichte es trotzdem nur zu Rang fünf. Neben den USA zogen auch die Eisschnelllauf-Nation Niederlande und Gastgeber Italien vorbei, Frankreich auf Position sechs lag nahezu gleichauf. Zwei Dinge fallen beim Blick auf die deutsche Bilanz auf: Die Zahl der Goldmedaillen nahm deutlich ab. 2018 in Pyeongchang waren es 14, vier Jahre später in Peking zwölf, jetzt nur noch acht. Und ohne die Erfolge im Eiskanal wären die Winterspiele für das deutsche Team zu einem Desaster geworden.
Im Bob und Rodeln gab es sechs der acht Olympiasiege, nimmt man Skeleton hinzu, wurden auf der Bahn in Cortina 19 (!) von 26 Medaillen gewonnen – fast zwei Drittel und eine unfassbare Quote. „Wir sind stolz auf diese Ausbeute“, sagte Olaf Tabor, „wir haben in Deutschland zur Eisbahn eine besondere Liebesbeziehung.“ Zu anderen Sportarten ist die Zuneigung dagegen deutlich abgekühlt.
Franziska Preuß: Hassnachrichten als „Psychoterror“ empfunden
Die Biathleten gewannen nur einmal Bronze in der Mixed-Staffel, so schwach war das Abschneiden noch nie. „Wir sind natürlich nicht zufrieden“, sagte Sportdirektor Felix Bitterling, „wir haben derzeit keine X-Faktor-Athleten.“ Dafür Nachwuchssorgen und noch ein anderes Problem: In den sozialen Netzwerken erhielten vor allem die deutschen Biathleten üble Hassnachrichten. „Das ist unter der Gürtellinie und total inakzeptabel“, sagte Bitterling. Franziska Preuß, die nach dem Massenstart ihre Karriere beendete, sprach sogar von „Psychoterror“.
Gänzlich ohne Podestplatz blieben die Kombinierer, im Skispringen und Langlauf gab es nur je eine Medaille, in den jungen Sportarten (Big Air, Slopestyle, Halfpipe, Slopestyle) weder auf Skiern noch auf dem Snowboard Zählbares. „Hier haben wir eine Lücke, die wir dringend schließend müssen“, meinte Olaf Tabor, dessen Bilanz überraschend positiv ausfiel: „Rang fünf in der Nationenwertung ist immer noch aller Ehren wert. Mit dem, was wir geleistet haben, müssen wir uns nicht verstecken.“ Abgesehen von den Szenen unter dem Titel „Pleiten Pech und Pannen.“