Deutsches Literaturarchiv Marbach Ein junger Wilder, starke Frauen und eine Schillerrede

Helga Schubert wird sich um Schillers Geburtstag herum mit höchst virulenten Autoritätsproblemen auseinandersetzen. Foto: imago/STAR-MEDIA

Das Deutsche Literaturarchiv hat ins Jahr geblickt: Die Schillerrede hält die Schriftstellerin Helga Schubert und überraschende Neuerwerbungen gibt es auch.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Ein Foto weist bei der Jahrespressekonferenz des Deutschen Literaturarchivs in Marbach aus der Vergangenheit auf eine bedeutende Neuerwerbung hin, besser gesagt weist es auf den Betrachter. Als wollte der, der darauf zu sehen ist, zeigen, dass es bei allem immer um das Hier und Jetzt geht. Es ist Rolf Dieter Brinkmann, dessen sich um keine Traditionen scherende Dichtung die deutsche Nachkriegsliteratur anschlussfähig an die avancierten Unternehmungen der amerikanischen Beat-Autoren und des französischen Nouveau Roman gemacht hat.

 

Fortan war eine Orangensaftmaschine ebenso literaturfähig wie ein zerknülltes Taschentuch, wie der Leiter der Handschriftenabteilung Ulrich von Bülow bei der Vorstellung des nun an das Archiv gelangten Nachlasses sagt. Bei einem Autounfall in London kam der junge Wilde mit gerade 35 Jahren ums Leben. In Marbach lebt er weiter. Denn in den Manuskripten, Briefen, Entwürfen und Materialheften findet sich vieles Unveröffentlichte. Wer weiß, ob daraus nicht alsbald ein posthumes Gegenstück zu Brinkmanns abgründigem Collagen-Werk „Rom, Blicke“ entstehen könnte?

Ralf-Rainer Rygulla und Rolf Dieter Brinkmann (rechts), Automatenfoto (1966). Foto: DLA Marbach

Um das, was eine Institution wie das Literaturarchiv zur Gegenwart beitragen kann, geht es auch in dem wissenschaftlichen und literarischen Programm, das die Direktorin Sandra Richter vorgestellt hat, angefangen bei der diesjährigen Schiller-Rede, die sich mit dem leider virulenten Thema des Umgangs mit Autorität auseinandersetzen soll. Halten wird sie die 85-jährige Helga Schubert, die in ihrem einzigartigen Lebensweg zwischen Ostberlin, Moskau und Mecklenburg ihre innere Freiheit literarisch gegen alle politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen verteidigt hat.

Der 100. Geburtstag von Martin Walser steht vor der Tür

Mehr als 15.000 Bestände von Schriftstellerinnen bergen die Marbacher Magazine. Sie sollen in einer Ausstellungsreihe nach und nach ans Licht geholt werden. Im Sommer würdigt eine Schau die „Jeanne d’Arc des Theaters“, Gerhild Reinshagen, anlässlich ihres 100. Geburtstages. Ihr dramatisches Wirken ist eng mit dem Namen Claus Peymann verbunden.

Unter den Jubilaren bleibt Rainer Maria Rilke in seinem 100. Todesjahr mit der großen Ausstellung dem Haus erhalten. Was es trotz der bereits überbordenden Erschließung noch Neues zu entdecken gibt, untersucht im Februar ein Podiumsgespräch mit dem Titel „Die vielen Leben des R.M.R.“ 2027 kratzt dann schon der nächste Jubilar an der Tür: Dann steht der 100. Geburtstag von Martin Walser an.

Beachtliche Zugänge verzeichnet die Bibliotheksabteilung mit den aus Berlin übernommenen Nachlassbibliotheken von Franz Fühmann, Johannes Bobrowski und Hedwig Courths-Mahler. Und ein Separatdruck von Georg Büchners Dissertation von 1836 ist auch dabei: „Abhandlung über das Nervensystem der Barbe“.

Wäre das alles, müsste das Archiv wohl nicht in großem Stil erweitert werden. Ist es aber bei weitem nicht. Deswegen wartet man mit Spannung auf das Ergebnis des Architekturwettbewerbs für den Neubau, der im März mit einer Preisgerichtssitzung enden soll.

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