Spektakuläre Neuerwerbung des Literaturarchivs Marbach erwirbt Kafkas „Brief an den Vater“

„Ich mager, schwach, schmal. Du stark, groß, breit.“ Franz Kafka um 1899 und sein Vater Hermann um 1913. Foto: Klaus Wagenbach Archiv, Berlin/Heron Books, London

Am Sonntag lädt das Deutsche Literaturarchiv nach Marbach zur Verkündung eines bedeutenden Zuwachses seiner Kafka-Sammlung.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Kafka bleibt, auch wenn die Jubiläumsfeierlichkeiten schon wieder abgeklungen sind. Und das gilt in besonderem Maße für Marbach, wo neben Oxford und Jerusalem die kostbarsten Stücke seines Nachlasses verwahrt werden: das Manuskript des Jahrhundertromans „Der Process“, die Korrespondenz mit der Geliebten Milena Jesenská oder eben der berühmte, nie abgeschickte „Brief an den Vater“ – die weltliterarische Abrechnung mit einem übermächtigen Patriarchen, der mit dem einen Bein wohl im Reich der Phantasmen und Projektionen steht, mit dem anderen aber im Nacken des von ihm niedergedrückten Sohnes.

 

Bis jetzt war dieser von allen Seiten durchleuchtete Nervenpunkt im Schaffen Kafkas im Besitz des Hamburger Verlegers Thomas Ganske von Hoffmann und Campe, der Marbach das hundert Seiten umfassende Manuskript 1984 als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt hat. Und genau daran ändert sich nun Entscheidendes. Für diesen Sonntag hat das Deutsche Literaturarchiv per Eilmeldung zur Präsentation einer, wie es geheimnisvoll heißt, „bedeutenden Kafka-Erwerbung“ eingeladen. Es handelt sich dabei um dieses Gründungsdokument aller modernen Vater-Sohn-Komplexe. Auch wenn Teile des Briefes in Marbach immer wieder zu sehen waren, so in der aktuellen Ausstellung „Kafkas Echo“, ist das eine kleine Sensation, die den Rang Marbachs als Schatzkammer der Kafka-Philologie untermauert. Auch wenn sich für die Öffentlichkeit nichts ändert, wird mit dem Kauf langfristig verhindert, dass das Manuskript einmal zu unerschwinglichen Preisen in den Handel kommt.

Inszenierung eines Despoten

Auch jetzt dürfte die Erwerbung nicht billig gewesen sein, darauf deutet die Rednerliste hin: Neben der baden-württembergischen Kultur- und Wissenschaftsministerin Petra Olschowski und Direktorin des Literaturarchivs, Sandra Richter, finden sich darunter Vertreter aller großen Stiftungen von Bund und Land, von der Würth-Gruppe, der Berthold-Leibinger- und der Wüstenrot-Stiftung.

Kafka nimmt den Streit um seine geplante Hochzeit mit der Sekretärin Julie Wohryzek zum Anlass, in dem Brief sein Verhältnis zum Vater aufzuarbeiten. Einem Mann, der sich vom Fleischhauer zum Prager Kaufmann empor gearbeitet hat und seinem Sohn schon mal androhte, ihn wie ein Fisch zu zerreißen. „Du kannst ein Kind nur so behandeln, wie Du eben selbst geschaffen bist, mit Kraft, Lärm und Jähzorn“, schreibt Kafka. „Ich mager, schwach, schmal. Du stark, groß, breit.“ So sehr das die körperlichen Kräfteverhältnisse widerspiegeln mag, ist das Bild des brutalen Despoten doch zugleich eine Inszenierung, an der sich die Interpreten abarbeiten.

Fehlende Seiten

Unter dem Titel „Das Kafkaeske ist der verzweifelte Kampf mit sich selbst“ hält am Sonntag im Anschluss an die frohe Verkündigung der neuen Besitzverhältnisse die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev einen Vortrag. Beinahe hätte man gehofft, dass sich auch damit eine weiterreichende Bedeutung verbindet. Denn das Manuskript ist unvollständig. Vier handschriftliche Seiten des „Briefs an den Vater“ fehlen – möglicherweise erhielt Kafka sie nicht vollständig zurück, als er den Text in Prag abtippen ließ.

Sie sind Teil des Nachlasses, um den vor einigen Jahren ein Rechtsstreit entbrannt ist. Nach dem Tod Max Brods 1968 in Jerusalem ging der Inhalt des ominösen Koffers, in dem er die zur Vernichtung bestimmten Schriften seines Freundes in die Nachwelt schmuggelte, an Brods Sekretärin Ester Hoffe.

1988 ließ sie das „Prozess“-Manuskript bei Sotheby’s versteigern. Mit List gelang es dem Deutschen Literaturarchiv damals zu verhindern, dass das kostbare Konvolut hinter den Türen privater Sammler verschwinden würde . Über einen Strohmann konnte es für 3,5 Millionen D-Mark erworben werden.

Laut dem Testament Brods sollten nach Ester Hoffes Tod ihre beiden Töchter veranlassen, dass „die Manuskripte, Briefe und sonstigen Urkunden der Bibliothek der Hebräischen Universität in Jerusalem oder der Staatlichen Bibliothek Tel Aviv oder einem anderen öffentlichen Archiv im In- oder Ausland zur Aufbewahrung übergeben werden“. An der Deutung dieses Passus entzündete sich der Streit: Gehört Kafkas Werk zur deutschen Literatur, und damit in das für seine Erschließung bestens präparierte Marbacher Archiv? Oder gehört es in den nationalen Kanon der jüdischen Literatur, mithin in die Israelische Nationalbibliothek?

Das Oberste Gericht in Israel entschied 2016, dass die Dokumente an die Nationalbibliothek in Jerusalem gehen. Marbach musste sich von dem Wunsch, weitere Teile des Besitzes zu erwerben, endgültig verabschieden. Darunter auch die vier fehlenden Seiten des Briefes, die damals in einem Schweizer Schließfach lagerten.

Es wäre sehr zu wünschen, dass das Ganze wieder zusammengeführt wird. Doch in diesem Fall stünde wohl auch jemand von der Israelischen Nationalbibliothek auf der Rednerliste. Wie auch immer. „Das Leben ist mehr als ein Geduldspiel“, schreibt Kafka am Ende des Briefes. In Marbach hat sich das Warten gelohnt.

Termin. Die Präsentation findet am Sonntag, 23. Februar 2025, 12 Uhr im Deutschen Literaturarchiv statt, anschließend Vortrag von Zeruya Shalev. Um Anmeldung wird gebeten: presse@dla-marbach.de; Vorverkauf: www.reservix.de. Die Veranstaltung wird live gestreamt: https://www.youtube.com/live/2DKA-HeN9s4

Info

Termin
Die Präsentation findet am Sonntag, 23. Februar 2025, 12 Uhr im Deutschen Literaturarchiv statt, anschließend Vortrag von Zeruya Shalev. Um Anmeldung wird gebeten: presse@dla-marbach.de; Vorverkauf: www.reservix.de. Die Veranstaltung wird live gestreamt: https://www.youtube.com/live/2DKA-HeN9s4

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