Die Fahrrad-Weltreise Wiebke Lühmann Vom Hexental bis zum Nordkap

Vergangenes Jahr ist Wiebke Lühmann nach Freiburg gezogen, auch weil sie rund um die Stadt optimal trainieren kann. Foto: Rémy Vroonen/ Foto:  

Seit vier Jahren erkundet Wiebke Lühmann auf ihrem Fahrrad die Welt. Mittlerweile lebt die Freiburgerin von ihrer Abenteuerlust.

Bevor Wiebke Lühmann aufbrechen will, um mit ihrem Mountainbike die Alpen zu überqueren, kurbelt sie über einen Schotterweg durch das Bohrertal bei Freiburg. In ihrem Rücken werden die Häuser der Stadt immer kleiner, vor ihr erhebt sich der Schauinsland, durch die Fichtengiebel am Wegesrand dringt das Nachmittagslicht. Am Fahrrad hat Lühmann schon die Gepäcktaschen für ihren Trip festgezurrt. In einer Tasche am Lenker hat sie das Zelt gestopft, den Proviant und die Wertsachen. In die Satteltasche die Wechselkleider, den Schlafsack und die Isomatte. Sie plant, mit dem Rad am nächsten Tag in den Zug nach München zu steigen, von dort Alpenpässe zu erklettern und dann runter nach Mailand zu rollen.

 

Bergkämme, Serpentinen, italienische Seen – es wäre guter Content für ihren Instagram-Accounts @wiebkelueh. Mit diesem hat sich die 29-jährige Freiburgerin zu einer der bekanntesten Influencerinnen für Bikepacking entwickelt, der Offroadreise mit dem Fahrrad. Im Juli fuhr sie durch den georgischen Kaukasus, vergangenes Jahr bis ans Nordkap. Sie verkörpert die Sehnsucht nach wilder Natur, nach Freiheit, nach einem einfachen Leben im Takt der Pedale.

Viel Abenteuer in wenig Zeit

An diesem Augustabend zweifelt Wiebke Lühmann jedoch, ob sie bereit ist, sich gleich ins nächste Abenteuer zu stürzen: „Ich bin gerade etwas erschöpft.“ Gerade erst fuhr sie ein paar Tage an der Elbe entlang, gleich im Anschluss an ihre Alpenüberquerung will sie nach Graubünden und im Herbst Richtung Portugal. Viel Abenteuer in wenig Zeit. Auf ihrer Lieblingsstrecke im Schwarzwald will sie testen, wie fit sie ist.

Der Anstieg. Auf Lühmanns Radtrikot bilden sich erste Schweißflecken. Während sie ihr Mountainbike über den Schotterweg steuert, erzählt sie, wie sie sich in das Fahrrad verliebte. Es geschah, als sie in ihrer Studienstadt Göttingen ein Straßenrennen ansah. Da jagten Frauen auf schnellen Rädern über den Asphalt und konnten dabei auch noch lachen. „Ich habe vorher noch nie Frauen auf dem Fahrrad gesehen, die so viel Spaß hatten.“ Das wollte sie auch erleben – und kaufte sich ein gebrauchtes Rennrad.

Eigentlich wollte Wiebke Lühmann Lehrerin werden. Sie studierte Wirtschaftspädagogik und Englisch, erst in Göttingen, dann in Konstanz. Beim Radfahren aber spürte sie, wie weit ihre eigene Kraft sie tragen kann. Sie fuhr Rennen und nahm an Triathlons teil. Je mehr sie an ihre Grenzen ging, desto freier wurde sie.

Was ist Bikepacking?

2019 wagte sich Lühmann an ein damals noch junges Phänomen: das Bikepacking. Das hat seinen Ursprung in den mehrtägigen Radrennen wie dem Race Across America. Dabei rasen die Fahrer tagelang durch die Wildnis und müssen alles, was sie zum Überleben brauchen, an ihrem Fahrrad befestigen. Nach und nach schwappte diese Art zu reisen in den Mainstream über. Inzwischen schildern in Europa viele Tourismusregionen Bikepacking-Routen aus.

Die Touren beginnen meistens dort, wo klassische Radwanderstrecken aufhören. Die Wege führen über Schotterpisten, Waldpfade und Mountainbike-Trails. Am besten eignen sich dafür Gravelbikes, das sind geländegängige Rennräder mit breiteren Lenkern und Reifen. Das Gepäck für die meist mehrtägigen Touren befestigen die Bikepacker in Taschen unter dem Sattel, am Rahmen und am Lenker. Oft haben sie Zelt, Schlafsack und Isomatte dabei, Wechselkleider und eine kleine Campingküche. Die Herausforderung ist, so wenig Gepäck wie möglich dabeizuhaben und doch genug, um draußen übernachten zu können.

Als Wiebke Lühmann 2019 in ein Flugzeug nach Mexiko stieg, gab es dafür kaum Vorbilder – vor allem keine weiblichen. „Auf Youtube und Instagram sind es häufig Männer, die diesen Abenteuer-Lifestyle zeigen“, sagt sie. Zottelige Mittdreißiger auf wuchtigen Reiserädern, die in 200 Tagen nach China radeln und ihre Reifen mit Panzertape flicken. Wiebke Lühmann wollte beweisen, dass es auch einen Mittelweg gibt zwischen Abenteuer und Komfort, dass Bikepacking zwar aufregend ist, aber keine Selbstaufgabe.

Die ultimative Freiheitsmaschine

Lühmann nennt das Fahrrad: die ultimative Freiheitsmaschine. Man kommt an Orte, an die Autos nie kommen, ist unmittelbar mit der Natur verbunden, spürt seinen Körper. „Das macht mich unabhängiger und selbstbewusster“, sagt sie.

In Südamerika stieg Lühmann sieben Monate lang kaum aus dem Sattel ihres Gravelbikes, fuhr in die Hochebene Perus, durch ausgetrocknete Flussbetten in Kolumbien und durch eine bolivianische Salzwüste. Die Fotos der 7000 Kilometer langen Reise stellte sie auf Instagram. „Meine Oma wollte wissen, ob es mir gut geht“, sagt sie. Doch auch anderen Leuten schienen ihre Reiseberichte zu gefallen: Bald folgten ihr schon 10 000 Menschen.

Zurück in Deutschland, Praxissemester in Konstanz. Wiebke Lühmann sitzt im Lehrerzimmer und blickt auf ihr Handy. Sie entdeckt eine Nachricht einer italienischen Fahrradmarke. Ihre Fotos aus Südamerika hätten den Marketingleuten gefallen, ob sie Lust hätte, mit ihnen zu kooperieren? Sie hatte Lust. Die Firma schickte ihr einen Jahresvertrag und ein Fahrrad. Wiebke Lühmann wurde Teilzeit-Influencerin.

Sie fährt Fahrrad und wird dafür bezahlt

Influencer werden in der Regel von Firmen dafür bezahlt, ihr in irgendeiner Weise außergewöhnliches Leben weiterzuleben und dabei die Produkte der Firma zu tragen oder zu nutzen. Lühmann fuhr fortan auf dem Gravelbike ihres Sponsors, machte Fotos von sich und verlinkte die Firma auf ihren Posts. Bald kooperierte sie auch mit einer Helmfirma, einem Taschenhersteller und einer Kleidermarke. Sie fuhr weiter Fahrrad und wurde dafür bezahlt.

Dann kam die Coronapandemie, die Lockdowns, die Kontaktbeschränkungen und Mikroabenteuer wurden immer populärer. Wildcampen im Schwarzwald, Nachtwandern in der Eifel, mit dem Minibus an die Ostsee. Und eben Bikepacking. Plötzlich kauften Menschen in ganz Deutschland die Gravelbikes in den Fahrradgeschäften weg. Der Radtaschenhersteller Ortlieb vermeldete Rekordumsätze. In dieser Zeit machte sich Wiebke Lühmann zu einer spektakulären Reise auf. In 30 Tagen fuhr sie von Hamburg ans Nordkap, 3500 Kilometer, Fjorde, Berge, dichte Wälder. Ihre Followerzahlen explodierten. Eine Freundin schnitt einen Film daraus zusammen, den auf Youtube mehr als 600 000 Menschen sahen. Es war ihr Durchbruch.

Gerade der Film zeigt, was viele der Follower an Lühmann zu schätzen scheinen. Sie gibt sich darin nicht als abgeklärte Abenteurerin, sondern zeigt sich weinend im Regen oder beim Pinkeln am Straßenrand. Sie grenzt sich ab vom ständigen Drang nach möglichst krassen Erlebnissen, den man bei anderen Influencern beobachten kann – sie macht ihr Ding, in ihrem Tempo. Heute folgen ihr 75 000 Menschen auf Instagram, jede Woche werden es mehr. Schon ein paarmal schrieben ihr Follower, sie seien gerade auf dem Weg ans Nordkap und würden dauernd andere Bikepacker treffen, die behaupten, von Lühmann inspiriert worden zu sein.

Das bislang größte Abenteuer wartet

Angestachelt durch ihren Erfolg beschloss Lühmann in diesem Frühjahr, sich als Influencerin selbstständig zu machen. Sie handelte Jahresverträge mit mehreren Radsportmarken aus, kooperiert mit Tourismusregionen, hält Vorträge und berät Firmen in Social-Media-Marketing. Kurz zuvor war sie nach Freiburg gezogen. Rund um die Stadt könne man einfach besser Rad fahren als anderswo, sagt sie.

Auf den letzten Meter hoch auf die Luisenhöhe gibt Lühmann noch einmal Gas. Sie kennt einen Aussichtspunkt, von dem man die ganze Rheinebene überblickt, da sprintet sie nun fast hin. Ein paar Hundert Meter später bremst sie, zieht das Handy aus der Tasche und schießt ein Foto von der Aussicht: rechts die Vogesen, links der Schwarzwald. Sie grinst.

Noch ein paar Wochen, dann wird Lühmann zu ihrem bislang größten Abenteuer aufbrechen. Anfang Oktober will sie auf ihr Fahrrad steigen und bis nach Portugal radeln, von dort übersetzen nach Marokko — und dann entlang der westafrikanischen Küste bis ans Kap der Guten Hoffnung reisen. Weil es ja mit dem Nordkap so gut geklappt hat. Sie freut sich riesig darauf. Respekt hat sie allerdings auch. Denn sie fährt wieder alleine, um sich nicht ständig auf Kompromisse einlassen zu müssen. „Ich habe ein großes Urvertrauen in die Menschheit.“

Die nächste Instagram-Story

Lühmann tritt in die Pedale, fährt wieder auf einen Schotterweg. Vorbei an Schwarzwaldhöfen und Schafsherden rast sie das Hexental herunter, zurück nach Freiburg. Als unten die Sonne durch die Wolken bricht, jubelt sie. Beim Abschied weiß sie jedoch immer noch nicht so recht, ob sie nun in die Alpen aufbrechen will. Fifty-fifty stünden die Chancen.

Am nächsten Morgen postet sie ein Video in ihre Instagram-Story. Darauf sieht man sie durch den ICE laufen, Fahrtrichtung München. Sie filmt das Fahrradabteil, dort steht ihr Mountainbike. „Auf ins nächste Abenteuer“ schreibt sie darüber.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Reportage Freiburg