Die Lädinen auf dem Bodensee Immer mit dem Wind
Lädinen transportierten früher Handelsgüter über den Bodensee. Heute findet man sie im Museum oder als originalgetreuen Nachbau zum Mitsegeln
Lädinen transportierten früher Handelsgüter über den Bodensee. Heute findet man sie im Museum oder als originalgetreuen Nachbau zum Mitsegeln
Was für ein seltsames Schiff, das da zwischen Segeljachten, Ausflugsdampfern und Fähren fast geräuschlos über den Bodensee gleitet: Über dem breiten, halbrunden Rumpf aus Edelholz bläht sich ein riesiges, trapezförmiges Rahsegel. Am Steuer des 17 Meter langen Schiffs steht ein Mann mit Hut, Hemd und Halstuch, assistiert von seiner gleichfalls merkwürdig gewandeten Crew. „Die Kleidung der Schiffsbesatzung ist der früheren Zeit nachempfunden, da trugen alle Leinenhemd und Tuch und kurze Hosen“, sagt Benno Lindenkamp. Er ist der Schiffsführer auf der „St. Jodok“, dem Original-Nachbau einer Lädine.
Diese Lastensegler, die ihren Namen vom alemannischen Lädi für Ladung oder Last bekamen, schipperten zwischen dem 14. und dem 20. Jahrhundert über den See. Sie transportierten Salz aus Bayern oder Österreich, Wein, Getreide, Gewürze, Textilien und Leder. Aber auch lebendes Vieh und Baumaterial, wie Holz oder Rorschacher Sandstein aus der Schweiz. Den schweren Lasten und der Menge an Material ist die spezielle Bauweise der Schiffe geschuldet: Gebaut meist von gelernten Schreinern am See aus stabilem Eichenholz mit einem flachen Boden und bauchig gewölbten Seitenwänden hatten sie oft kein Deck, sondern nur Stauraum und einen Mast. Die Besatzung musste daher bei den bis zu zehn Stunden währenden Fahrten über den Bodensee auf der Ladung oder Pritschen im Bauch des Kahns ruhen.
Das ist auf der „St. Jodok“, benannt nach dem Schutzpatron der Fischer und Seefahrer, anders. „Die Lädine kommt sehr nah ans Original, wurde aber mit ein paar Abstrichen für die Zulassung durchs Schifffahrtsamt gebaut“, sagt Lindenkamp, der schon bei seinem Job in der Bodensee-Werft am Bau der Lädine mitarbeitete, und vor drei Jahren ganz in die Dienste des Lädinenvereins wechselte. Der Verein ist der Erfinder und Betreiber der Lädine.
Wie man auf die Idee kommt, einen historischen Lastensegler zu bauen, weiß Matthias Sedlmayr. Der 79-Jährige ist Vereinsmitglied der ersten Stunde, und er macht bis heute fast jede Fahrt mit der Lädine mit – egal, ob sie gerade Kinder oder Romantiker, Historiker oder Touristen an Bord hat. Er erzählt, dass Taucher 1981 vor dem Strandbad in Immenstaad eine vollständig erhaltene Lädine aus dem 14. Jahrhundert fanden. Die wurde geborgen, konserviert, restauriert und ins Museum gestellt. „Wir dachten, so ein Schiff gehört auf den See und dass man eines bauen und fahren sollte“, so Sedlmayr. Nachdem die Idee für den Nachbau geboren war, fanden sich schnell Mitstreiter. Doch erst, als EU-Mittel zur Förderung historischer Denkmäler flossen, konnte das Projekt realisiert werden.
So segelt die „St. Jodok“ nun seit gut 25 Jahren über den Bodensee und macht Geschichte lebendig für ihre bis zu 60 Passagiere. Benno Lindenkamp liebt „das Altmodische und das Handwerk“. Auch wenn die Moderne ihm manchmal in die Quere kommt. Zwar hat die Lädine sechs Tonnen Ballast im Bauch gegen ein Kentern. Doch wenn die Katamaran-Fähre kommt und ordentlich Welle macht, schaukelt es ganz schön. „Darauf muss der Skipper heute achten, die Altvorderen hatten das Problem nicht“, sagt Lindenkamp und schmunzelt. Ein anderes Problem hat er dafür nicht: Weil eine Lädine nur mit dem Wind segeln kann, musste man sie früher bei Windstille oder Gegenwind am Ufer entlang staken oder rudern oder treideln. Heute hilft ein Dieselmotor im Notfall aus. Und so tuckern die Gäste der Sonnenuntergangsfahrt langsam auf dem spiegelglatten See zurück nach Immenstaad, den schneegepuderten Säntis und die Alpenkette im Blick und das Weinglas in der Hand. Selbst das ist übrigens historisch-authentisch: Die Mannschaft wurde früher oft mit Naturalien bezahlt – Wein-Transporte sollen besonders beliebt gewesen sein.
Anreise
Mit der Bahn von Stuttgart über Ulm nach Friedrichshafen und mit dem Bus nach Immenstaad. Nach Konstanz kommt man über Singen, www.bahn.de , www.bwegt.de . Vor Ort fährt man länderübergreifend mit dem Bodensee-Ticket in Bussen, Bahnen und Fähren um und auf dem Bodensee, www.bodensee-ticket.com . Die Gästekarte Echt Bodensee Card gewährt Übernachtungsgästen freie Fahrt im Nahverkehr, https://echt-bodensee.de .
Unterkunft
Im Hotel & Weingut Röhrenbach in Immenstaad nächtigt man zwischen Reben und schaut auf den Bodensee. DZ/F ab 149 Euro, www.roehrenbach.de . Mitten in Konstanz liegt das historische Hotel Graf Zeppelin, DZ/F ab 155 Euro, www.hotel-graf-zeppelin.de .
Aktivitäten
Themenfahrten mit der nachgebauten Lädine „St. Jodok“ bietet der Lädinenverein Immenstaad ab Immenstaad oder Konstanz, für Kinder, Gruppen oder Genießer, www.laedine.de , www.laedine.org . Das Archäologische Landesmuseum in Konstanz erzählt die Geschichte der Schifffahrt und hier ist der Immenstaader Lädinenfund ausgestellt, www.alm-konstanz.de . Im Bodensee liegen mehrere gut erhaltene Wracks von gesunkenen Lädinen, eines davon können Taucher im Museum unter Wasser vor Ludwigshafen sehen, www.unterwasserarchaeologie.de/suwa/lehmschiff.html . In Kressbronn gibt es das kleine Museum für Historische Schiffsmodelle, in dem der gelernte Schiffsbauer und Künstler Ivan Trtanj originalgetreu nachgebaute Schiffsmodelle wie die Lädine Segmer zeigt, www.historische-schiffsmodelle.com .
Allgemeine Informationen
Tourismus Marketing Baden-Württemberg, www.visit-bw.com , Bodensee Tourismus, www.echt-bodensee.de , www.bodensee.eu