Die Macht des ungeliebten Faktors Wie der Zufall uns Menschen steuert

Der Zufall spielt in unserem Leben eine große Rolle. Foto: KI/Midjourney/Montage: Björn Locke

In einer vermeintlich berechenbaren Welt scheint das Unvorhersehbare keine Rolle zu spielen. Doch dem Zufälligen – sei es tragisch oder glücklich – entgeht man nicht. Wie soll man damit bloß umgehen?

Nein, unser Freund ist er nicht. Wir mögen den Zufall nicht wirklich. Schon gar nicht in diesen chaotischen Zeiten. Vermeintliche Gewissheiten brechen weg. Die Unsicherheit wächst, die Kontrolle über unser Leben schwindet. Wie es weitergeht, gesellschaftlich, politisch, ökologisch? Alles offen. Klare Regeln wären willkommen, einfache Erklärungen, die Orientierung verheißen, Halt geben. Der Zufall tut es nicht. Er mehrt die Unsicherheit noch. Wo er waltet, kann es so oder auch ganz anders kommen.

 

Ihn zurückzudrängen, wenn nicht aus unserem Leben zu verbannen, scheint das Gebot der Stunde. Das Dumme ist nur: Das geht nicht. Er ist allgegenwärtig. Unentwegt bricht Unvorhersehbares über uns herein, was sich auch im Rückblick nicht restlos erklären lässt.

Der Zufall lauert überall

Der Physiker Stefan Klein nennt den Zufall „die Kraft, die unser Leben bestimmt“. Der Chemiker Bernhard Weßling begreift den Menschen und die Welt, in der er lebt, als „Spielbälle ständig stattfindender Zufälle“. Selbst hochmoderne Fahrassistenzsysteme müssen vor ihnen kapitulieren. So viel sie im Straßenverkehr auch erfassen: Neue Konstellationen mit unvorhersehbaren Wechselwirkungen sind nicht auszuschließen.

Überall stößt man auf den Zufall, im Kleinen wie im Großen. Zu welchem Zeitpunkt wird ein instabiles Atom radioaktiv zerfallen? An welcher Stelle treibt ein Baumschössling den nächsten Ast aus? Wo schlägt beim Gewitter der Blitz ein? Wie wird sich das Mündungsdelta eines Flusses entwickeln, wie das Klima, wie unsere Galaxie? Exakt vorherzusagen ist das alles nicht.

Riesengroße Zufälle für das Entstehen des menschlichen Lebens

Auch bei der Entstehung des Menschen mischt der Zufall mit. Als Individuen gehen wir hervor aus einem Gencocktail, einem unvorhersehbaren Mix elterlicher Erbinformationen. Was die Menschheit als Ganzes betrifft, so mussten, wie es der Physiker Florian Aigner formuliert, „riesengroße Zufälle, aberwitzig unwahrscheinliche Ereignisse“ zusammenkommen, damit menschliches Leben entstehen konnte: „Ein Stern passender Größe musste entstehen, in einer Gegend des Universums, in der vorher eine Supernova ausreichende Mengen schwerer Elemente hinterlassen hatte. Aus dem chaotischen Gewimmel wirr umherfliegender Materie musste sich ein Planet heranbilden, der in exakt passendem Abstand seine Bahn zieht, um die Temperatur auf seiner Oberfläche in lebensfreundlichen Bereichen zu halten. Auf diesem Planeten mussten sich die richtigen Moleküle zusammenfinden, um eine Struktur hervorzubringen, die sich selbst reproduziert. Die Evolution, die dadurch gestartet wurde, musste auf ihrer Zufallsbahn immer wieder genau die richtigen Abzweigungen nehmen.“

Aber nicht nur die Entstehung des Menschen ist dem Zufall geschuldet. Auch was er denkt, ist zufallsabhängig. Die Weiterleitung von Informationen an den Synapsen des Gehirns ist nicht verlässlich. Kopierfehler schleichen sich ein, stiften Unordnung.

So gern man den Zufall also außen vor lassen würde, er ist mittendrin. Wer ihn nicht einkalkuliert, verrechnet sich. „Je planmäßiger der Mensch vorgeht, umso wirkungsvoller trifft ihn der Zufall“, stellt der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt in seinen Anmerkungen zur Komödie „Die Physiker“ treffend fest. Es bleibt nichts übrig bleibt, als sich mit dem Zufall zu arrangieren und zu versuchen, das Beste aus ihm zu machen. Was zunächst einmal heißt, ihn näher kennenzulernen, sofern das bei etwas derart Unberechenbarem überhaupt möglich ist.

Der Fehlschluss beim Roulette

Die Mathematik bietet hierzu ihre Dienste an. Mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung rückt sie ihm zu Leibe und dem „Gesetz der großen Zahl“. Illustrieren lässt es sich am Werfen einer Münze, wie Fußballschiedsrichter es tun, wenn zu entscheiden ist, welche Mannschaft auf welcher Seite des Platzes spielt. Zwei vom Zufall abhängige Ereignisse, deren Eintreffen gleich wahrscheinlich ist (Kopf oder Zahl), treten demnach ähnlich häufig auf, wenn man den Vorgang sehr oft (große Zahl) wiederholt. Nach unendlich vielen Würfen dürfte die Häufigkeit nahezu dieselbe sein.

So interessant dies aus mathematischer Sicht sein mag, im Alltag bekommt man es weniger mit der großen Zahl als mit dem Einzelfall zu tun. Wer am Roulettetisch steht und beobachtet, wie die Kugel zehnmal hintereinander auf Rot zu liegen kommt, mag sich sagen: Aller Wahrscheinlichkeit nach und im Einklang mit dem Gesetz der großen Zahl ist beim elften Mal Schwarz dran. Doch das ist ein Fehlschluss.

Die Chance auf sechs Richtige liegt bei 1 zu 14 Millionen Foto: dpa

Ob beim elften Mal oder beim 100. Mal, für jede Spielrunde gilt das Gleiche wie für die erste: Die Chancen stehen 50 zu 50. Die Roulette-Kugel hat kein Gedächtnis. Sie erinnert sich nicht daran, dass sie x-Mal hintereinander auf Rot zu liegen kam und zur Abwechslung Schwarz an der Reihe sein könnte. Das Gesetz der großen Zahl ist das Gesetz einer sehr großen, gegen Unendlich strebenden Zahl.

Der am Roulette-Tisch zu beobachtende Fehlschluss ist nicht der einzige im Umgang mit dem Zufall. Irrtümlich angenommen wird auch, dass äußerst Unwahrscheinliches nicht passiert. Die Chance, im Lotto sechs Richtige zu haben, beträgt 1 zu 14 Millionen, inklusive Zusatzzahl 1 zu 140 Millionen. Trotzdem gibt es Woche für Woche Lotto-Millionäre.

Der Mensch ist für Sinnfreies nicht gemacht

Als extrem unwahrscheinlich galt auch, was im März 2011 in Fukushima geschah. Eine Verkettung von Zufällen führte zu einer Atomkatastrophe, die den bis dahin größten anzunehmenden Unfall (GAU) noch übertraf. Es begann mit dem heftigsten jemals in Japan registrierten Erdbeben. Mit Erschütterungen der Stärke neun war nicht zu rechnen gewesen, genauso wenig wie mit den bis zu 15 Meter hohen Flutwellen, die folgten. Anders als in sämtlichen Katastrophenszenarien angenommen, beschädigten sie nicht nur einen Kraftwerksblock, sondern mehrere. Eine Kernschmelze in den Blöcken 1 bis 3 war die Folge.

Den Zufall zu begreifen als das, was er ist, als etwas, das ohne erkennbaren Sinnzusammenhang passiert, fällt schwer. Der Mensch ist für Sinnfreies nicht gemacht. Er ist leidenschaftlicher Sinnsucher. Was immer um ihn herum geschieht, er will es einordnen, erklären. Es ist eingraviert in seinen Genen – und dies aus gutem Grund.

Abwarten konnte fatale Folgen haben

Schon als Jäger und Sammler tat der Mensch gut daran, dem Knacken eines Astes im Wald ad hoc einen Sinn zu unterstellen, das Geräusch etwa als Nahen eines Raub- oder Beutetieres zu interpretieren. Abwarten, bis über die Herkunft des Geräuschs Gewissheit einkehrt, das ja auch von einer Maus rühren mochte, konnte fatale Folgen haben. Und noch heute gilt: In einer unübersichtlichen Welt ist man versucht, unter mehreren möglichen Deutungen eines Ereignisses eine auszuwählen und der unterstellten Bedeutung entsprechende Entscheidungen zu treffen.

Noch im planlosesten Gekritzel glaubt man Sinnhaftes auszumachen, hier vielleicht ein Auge zu entdecken, einen Mund, ein Gesicht gar, dort Schlingpflanzen oder Schlangen. Oder ist es wirres Haar? Von einem guten Krimi erwarten wir, dass er mit scheinbar belanglosen Details aufwartet, die sich gegen Ende als bedeutungsschwere Hinweise auf die Lösung des Falls erweisen.

Die Suche nach Sinn im sinnfreien Raum

Auch neigen wir dazu, zwischen dicht aufeinanderfolgenden Ereignissen einen Zusammenhang zu vermuten, sie kausal zu verknüpfen. Kaum hat man an den Freund gedacht, ruft er auch schon an. Das kann doch kein Zufall sein, sagt man sich. Dass man in den Tagen und Wochen zuvor an zahllose Freunde und Bekannte gedacht hat, die nicht angerufen haben – Schwamm drüber. Lieber einen Sinn finden, der sich später als Unsinn erweist, als keinen Sinn finden und sich dem sinnfreien Walten des Zufalls ausliefern.

Am besten gelingt die Sinnsuche, bietet man höhere Mächte auf: Fügung, Schicksal, Karma, göttlichen Willen. Wem es vergönnt ist, daran zu glauben, erlebt sinnfreien Zufall als sinnhafte Vorsehung. Als Bonus winken Einblicke ins Vorherbestimmte in Form von Horoskopen, Orakeln oder Vorzeichen. Selbst wo der Zufall grausam waltet, Tod und Verderben bringt, ist das Grausame für Fügungs-, Schicksals-, Karma- und Gottesgläubige sinnerfüllt und so leichter zu ertragen.

Religiöse Menschen haben es leichter

Wer für esoterischen oder religiösen Determinismus nicht empfänglich ist, muss mit dem Zufall leben. Was aber so schlecht nun auch wieder nicht ist. So verstörend es sein kann, wird man mit Unerwartetem, Unvorhersehbarem konfrontiert – reizvoll ist es oft auch. Wo der Zufall alte Vorstellungen hinwegfegt, braucht es neue, heißt es kreativ sein. Das kann gehörig schiefgehen. Das kann aber auch grandios gelingen.

Der niederländische Maler Herman de Vries rühmt den Zufall als Glücksfall. Er eröffne Künstlern ungeahnte Möglichkeiten, erlaube ihnen, aus Denkstrukturen auszubrechen, Grenzen der Vorstellungskraft zu überschreiten. Auch Musiker wissen den Zufall zu schätzen. Jazzmusiker lösen sich von vorab festgelegten Tonfolgen, beginnen zu improvisieren. Wo Bewusstsein waltete, ist nun Intuition. Ein unvorhersehbarer Klang folgt dem anderen. Im Flow entsteht Einmaliges, manchmal einmalig Schönes.

Und was wären Erfinder ohne den Zufall! Die Entdeckung des Penicillins geht auf ihn zurück. Der Forscher Alexander Fleming musste nach einem Urlaub feststellen, dass eine seiner Bakterienkulturen im Labor verschimmelt war. Bei näherer Betrachtung zeigte sich, dass dort, wo der Schimmel wucherte, keine Bakterien mehr waren. Der Weg zur Entwicklung von Antibiotika war frei. So manche große Entdeckung geht auf kleine Zufälle zurück. Ob Teflon, Tesafilm oder Mikrowelle – alles Zufallsfunde.

Ganz grundsätzlich gilt: Zufall ist ein Anstoß, Altes in neuem Licht zu sehen, aus gewohnten Denkstrukturen bereits angestellter Überlegungen auszubrechen, Neues zu entdecken, zu erschaffen.

Der Schriftsteller Alfred Andersch stand geradezu im Bann des Zufalls. Er lauere ständig auf ihn, hat Andersch einmal gesagt. Ähnlich erging es John Lennon. Leben war für ihn, „was passiert, während wir ganz Anderes planen“. Florian Aigner geht noch einen Schritt weiter. Der Physiker findet: „Der Zufall ist unser Freund.“

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