In Esslingen gibt es eine der größten griechisch-orthodoxen Gemeinden außerhalb Griechenlands. Am Wochenende haben sie Ostern gefeiert – über ihre Bräuche und die schönsten Bilder.
Sie feiern auch. Aber eine Woche später. Und ein wenig anders. Die griechisch-orthodoxe Kirche Mariä Verkündigung in Esslingen, eine der größten Gemeinden in Europa außerhalb Griechenlands, beging am Wochenende ihr Osterfest. Ihr gehören nach eigenen Angaben etwa 5000 Gläubige aus Esslingen und seiner Umgebung an.
Die telefonische Nachfrage kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Anastasia Legidou möchte zum Gottesdienst und ist ein wenig unter Zeitdruck. Doch sie bietet nach Absprachen auch Führungen durch die wunderschöne griechisch-orthodoxe Kirche in der Dammstraße in Esslingen nahe des Landratsamtes in den Pulverwiesen an, und es ist ihr ein Bedürfnis, über ihre Glaubensrichtung zu informieren und aufzuklären. Darum nimmt sie sich Zeit für ausführliche Darlegungen über den Ablauf des griechisch-orthodoxen Osterfests in Esslingen.
Der Karfreitag, sagt sie, wurde nach griechisch-orthodoxer Planung in diesem Jahr am 10. April gefeiert – eine Woche später als in den evangelischen und katholischen Kirchen. Es sei ein hoher Feiertag – und werde ausgiebig mit zwei großen mehrstündigen Messen zelebriert. Am Tag zuvor, am Gründonnerstag, sei eine Jesusfigur gemäß den Schilderungen im Neuen Testament der Bibel an ein Kreuz geschlagen worden. Am Karfreitag erfolgten die Kreuzabnahme und die Grabklage.
Der erste Baustein für die griechisch-orthodoxe Kirche Esslingen wurde laut Gemeinde am 4. September 1993 gelegt und seit Weihnachten 1995 werden dort Liturgien gefeiert. Foto: Roberto Bulgrin
Sogar im Telefoninterview ist die Ergriffenheit von Anastasia Legidou über die auch für ihre Kirche so wichtige Zeremonie herauszuhören. Am Morgen des Karfreitags, sagt sie, werde die Jesusfigur vom Kreuz genommen und auf einen wunderschön auch mit Blumen geschmückten Tisch gelegt. Die Gläubigen umrundeten den Tisch oder schlüpften unter ihm durch. Manche Gemeindemitglieder täten das als besonderes Zeichen des Respekts und der Hochachtung vor dem Gekreuzigten auf den Knien. Das erfordere aber eine gewisse sportliche Konstitution. Sie selbst mache das nicht. Das tue der Feierlichkeit der Zeremonie in ihren Augen aber keinen Abbruch.
Männer tragen den Tisch mit der Jesusfigur um die Kirche
Am Abend des Karfreitags, führt Anastasia Legidou weiter aus, stehe von 19 bis 22 Uhr ein weiterer Gottesdienst an. Im Rahmen der Zeremonie würden starke Männer den Tisch mit der vom Kreuz abgenommenen Jesusfigur auf ihre Schultern heben und sie so einmal um die griechisch-orthodoxe Kirche in Esslingen tragen. Die Träger würden sich meist abwechseln, da der Tisch sehr schwer sei. Danach werde der Tisch wieder in das Gotteshaus gebracht. Mit dem Gang solle an die Grablegung Jesu erinnert werden.
Das Fest der Auferstehung folgt am Karsamstag. Am Abend, so erklärt Anastasia Legidou, sage der Priester wieder im Rahmen eines Gottesdienstes drei Mal auf Griechisch: „Jesus ist auferstanden“. Und die Gemeinde antworte: „Wahrhaftig auferstanden.“ Dann würden die Gläubigen rote Eier aus den Taschen holen. Sie seien meist bereits am Gründonnerstag gefärbt worden, und die rote Farbe solle an das Blut Christi erinnern, das für die Menschheit vergossen worden war.
Am späten Abend des Karsamstags nähmen die Gläubigen eine Ostersuppe zu sich. Nach der Fastenzeit solle der Übergang nicht gleich mit einem zu üppigen Festmahl begangen werden. Das stehe am Ostersonntag auf dem Plan. Dann würden die Familien sich zu einem gemeinsamen Essen treffen und meist Lamm- oder Ziegenfleisch verzehren.
Die Kirche in der Dammstraße ist der geistige Mittelpunkt: Die griechisch-orthodoxe Kirchengemeinde Esslingen umfasst nach eigenen Angaben etwa 5 000 Mitglieder, die aus Esslingen und Umgebung stammen. Foto: Roberto Bulgrin
Im vergangenen Jahr haben evangelische und katholische Kirchen sowie die orthodoxen Gemeinden das Osterfest an den gleichen Tagen gefeiert. 2026 klafften die Daten wieder auseinander: Die meisten orthodoxen Christen begingen das Fest der Auferstehung Christi eine Woche später. Die unterschiedlichen Termine ergeben sich aus verschiedenen Kalendertraditionen und anderen Regeln zur zeitlichen Berechnung. Die orthodoxe Kirche nutzt mehrheitlich den älteren Julianischen Kalender statt des Gregorianischen. Daher wird das Osterfest meist zeitlich unterschiedlich begangen.