Große Friedenssehnsucht
Der Entwurf wird mit großer Mehrheit angenommen. Der Satz „Niemand darf zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden“ ist von nun an Landesgesetz.
Begonnen hat die Diskussion in Württemberg-Baden, einem Teil-Vorläufer des heutigen Landes Baden-Württemberg, ein halbes Jahr zuvor, als Anna Haag noch für eine entsprechende Verfassungsänderung kämpfte. Doch so schnell war kaum jemand für eine Änderung der erst gut ein Jahr alten Landesverfassung zu gewinnen. Und auch bei der abschließenden Beratung im Stuttgarter Landtag im April 1948 zeigen sich noch realpolitische Bedenken quer durch die Parteien. Selbst Anna Haags Sozialdemokraten sind zwischen „Friedenssehnsucht“ und „letzten Pflichten gegenüber der Gemeinschaft“ hin- und hergerissen.
Nach dem Erfolg ihres Vorstoßes formuliert Anna Haag in einem Zeitungsartikel ihre Hoffnung, dass trotz des aufkommenden Kalten Krieges die mit diesem Gesetz verbundenen Ideen – „nämlich Völkerfrieden, zukünftige Weltregierung, Vernunft und gegenseitiges Verstehen“ – mit Leben erfüllt werden können.
Theodor Heuss ist strikt dagegen
Ähnlich kontrovers wie in Württemberg-Baden verlaufen die Beratungen des Parlamentarischen Rates in Bonn über das Grundgesetz, wie der Berliner Journalist und Autor Christian Bommarius zeigt. „Nie wieder Krieg!“ entspricht damals dem Wunsch der Bevölkerungsmehrheit nach Entmilitarisierung quer durch alle politischen Lager. Die SPD-Abgeordneten Carlo Schmid sowie Friederike Nadig und Fritz Eberhard aus Nordrhein-Westfalen fordern ein Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung. „Der Staat hat“, wie Schmid es formuliert, „nicht das Recht zu verlangen, dass jemand gegen den Spruch seines Gewissens Menschen tötet.“ Nadig ergänzt im Grundsatz-Ausschuss Anna Haags Vorstoß um den Zusatz „gegen sein Gewissen“ – „Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden.“
Erstmals als Grundrecht
„Anna Haag konnte über zwei Wege Einfluss auf die Entstehung des Artikels 4 Absatz 3 im Grundgesetz nehmen: als Vorsitzende der Internationalen Frauenliga Stuttgart und über ihre Parteikollegin Friederike Nadig“, sagt der Historiker Frank Käser vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr.
Theodor Heuss, liberales Mitglied im Parlamentarischen Rat und späterer Bundespräsident, ist strikt dagegen. Es sei „unglücklich, in eine demokratische Verfassung grundsätzlich hineinzuschreiben, dass sich jeder drücken darf, auch wenn es sich um einen Verteidigungskrieg handelt“. Nach heftigen Debatten aber wird Heuss’ Antrag, den Artikel aus dem Grundgesetz zu streichen, mit großer Mehrheit abgeschmettert. Die Bundesrepublik wird am 23. Mai 1949 der erste Staat der Welt, der der Kriegsdienstverweigerung Verfassungsrang einräumt. Zu einer Zeit (die Nato wird gerade gegründet), als bereits über einen westdeutschen militärischen Beitrag zur Eindämmung des Kommunismus diskutiert wird.
Anna Haags Pazifismus und ihr Einsatz für Völkerverständigung sind geprägt von ihren Erfahrungen von Grausamkeit und Elend beider Weltkriege. Geboren wird sie am 10. Juli 1888 als drittes von sechs Kindern in eine Lehrerfamilie in Althütte bei Backnang. Obwohl ihr Vater politisch wach und kritisch ist, kommt sie, wie viele junge Frauen in dieser Zeit, nicht in den Genuss einer höheren Schulbildung und kann auch keinen Beruf erlernen. Mit 21 heiratet sie den Mathematiklehrer Albert Haag und zieht mit ihm an dessen Schulstationen in Schlesien, Pommern und Bukarest. Dort beginnt die junge Mutter, Zeitungsberichte und Geschichten zu schreiben.
Sie warnt früh vor den Nazis
Nach dem Ersten Weltkrieg kehrt die junge Familie nach Württemberg zurück, lebt zuerst in Nürtingen und von Ende der 1920er Jahre an in Stuttgart-Feuerbach. Sie veröffentlicht Erzählungen und Romane, stößt zur pazifistischen Internationalen Frauenliga und tritt gemeinsam mit ihrem Mann der SPD bei – überzeugt davon, dass sie als Frau für Demokratie, Frieden und Freiheit eintreten muss. Sie warnt früh vor den Nazis, die in ihren Augen „die schlimmste Bedrohung für die Menschheit“ darstellen. 1934 wird Albert Haag an eine Mädchenschule nach Ludwigsburg strafversetzt, weil er bei einer Rede am Heldengedenktag über die Schrecken des Ersten Weltkriegs gesprochen hat.
Sie fürchtet um ihr Leben
Während des Zweiten Weltkriegs führt Anna Haag Tagebuch über ihren Alltag in der NS-Diktatur. Sie sucht ihren eigenen Weg für jene Schreckensjahre, in denen „in jeder Minute tausendfaches Elend von Menschen über Menschen“ gebracht worden sei. In ihrem Haus in Stuttgart-Sillenbuch treffen sich wiederholt Bekannte, um verbotene BBC-Sendungen zu hören. Die 20 Schulhefte mit ihren Aufzeichnungen versteckt sie erst im Kohlenkeller, dann auf dem Land. „Ein Denunziatiönchen, eine anschließende Haussuchung – und schon wäre ich meinen Kopf los“, notiert sie sarkastisch im November 1942. Gegen Kriegsende verspricht sie sich, nach der Befreiung aktiv am demokratischen Neubeginn mitzuwirken.
Der Autor Günter Randecker zeigt jedoch, dass sie in dem erst vor einigen Jahren veröffentlichten Tagebuch, das auf einer von ihr selbst gekürzten und teilweise veränderten Typoskript-Version beruht, das Erlebte mitunter „sehr frei komponierte“ und in der NS-Zeit auch nicht, wie oft behauptet, Schreib- und Publikationsverbot hatte. Randecker präsentiert Veröffentlichungen Haags aus dem Jahrbuch des „Bundes Deutscher Mädel“ von 1939/40 und stuft ihr Verhalten als Gratwanderung ein „zwischen publizistischer Anpassung nach außen und oppositioneller innerer Emigration“.
Frauenpower als Schlüssel
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist Anna Haag alles andere als resigniert. Mit 56 Jahren „ergreift sie vehement die Chance des Neubeginns“, erzählt ihre langjährige Biografin Mascha Riepl-Schmidt. Noch 1945 gründet Haag den Württemberger Zweig der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit neu. Gemeinsam mit ihrem Mann engagiert sie sich auch wieder in der neu formierten SPD. Im politischen Engagement von Frauen sieht sie den Schlüssel für eine bessere Zukunft in Frieden. „Die Frauen müssen es machen. Wenn es die deutschen Frauen nicht machen, sehe ich keine Chance für Deutschland“, meint sie.
Im städtischen Beirat, einem Vorläufer des Stuttgarter Gemeinderats, kümmert sie sich um die Versorgung der Not leidenden Bevölkerung. 1946 wird sie für die SPD in die verfassunggebende Landesversammlung gewählt, im November desselben Jahres zählt sie zu den wenigen Frauen im ersten Landtag von Württemberg-Baden.
Dort setzt sie sich neben dem Recht auf Wehrdienstverweigerung auch für die Anerkennung der Hausarbeit als gleichwertige Arbeit ein. „Im Grunde ist sie keine Politikerin, sondern eher eine Macherin, die lieber etwas Konkretes auf die Beine stellt“, sagt die Historikerin Sabine Müller, Ausstellungskuratorin beim Stuttgarter Haus der Geschichte. Auf einer ersten USA-Reise wird Anna Haag dabei von der Graswurzelarbeit der dortigen Frauenvereine inspiriert und gründet die Arbeitsgemeinschaft „Stuttgarter Frauen helfen bauen“, die 1951 auf ihre Initiative hin das später nach ihr benannte Heim für wohnungslose junge Frauen in Bad Cannstatt baut. Es gilt heute als das älteste Mehrgenerationenhaus in Deutschland.
Differenzen mit der SPD
Aus der Politik zieht sich Anna Haag indes zurück. Zur Neuwahl des Landtags Ende 1950 tritt sie nicht mehr an. „Mit ihrem Pazifismus waren die Differenzen zur eigenen Partei groß geworden“, sagt Mascha Riepl-Schmidt. Lieber schreibt Haag ihre Erinnerungen, unternimmt Vortragsreisen. Mit 93 Jahren stirbt sie, in Stadt und Land vielfach geehrt, am 20. Januar 1982.
In einer Zeit, in der in Deutschland über die Wiedereinführung der Wehrpflicht diskutiert wird, hält Sabine Brügel-Fritzen den Einsatz ihrer Großmutter für das Recht auf Kriegsdienstverweigerung für hochaktuell. Anna Haag sei keine Radikalpazifistin gewesen, betont die Enkelin und verweist darauf, dass ihre Großmutter die Niederlage der Deutschen im Zweiten Weltkrieg herbeigesehnt hatte. „Sie wollte aber immer, dass es keinen Zwang zum Wehrdienst gibt.“