Was ist los in Stuttgart?
Klar scheint bisher Folgendes: Alles begann mit einer Routinekontrolle. Zwei uniformierte Beamte kontrollieren am Samstagabend am Eckensee im oberen Schlossgarten einen 17-jährigen Deutschen mit Migrationshintergrund, der beim Anblick der Polizisten verschreckt einen kleinen Gegenstand wegwirft. Ein Tütchen. Der Jugendliche rennt weg, die Beamten hinterher. Und dahinter wiederum eine Gruppe von jungen Leuten, die offenbar verhindern will, dass ihr Kumpel festgenommen wird.
So beginnen sie, die Ereignisse einer für Stuttgart beispiellosen Randale in der Innenstadt. Dabei ist der Fall des 17-Jährigen eigentlich nicht der Rede wert: Seine Flucht endet nach wenigen hundert Metern; er lässt sich widerstandslos festnehmen. Es ist Samstag, 22.40 Uhr. Der 17-Jährige wird wegen des Tütchens Marihuana mit aufs Revier genommen und dort durchsucht. Die Beamten fertigen eine Anzeige und entlassen ihn wieder auf die Straße. Draußen aber tobt längst eine Schlacht mit Hunderten Beteiligten. Wie ist das möglich? „Wir haben keine Anzeichen dafür, dass das geplant war“, sagt Polizeipräsident Franz Lutz am Montag. „Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass sich verschiedene Gruppen am Abend über soziale Medien schnell zusammengerufen haben.“ Einsatzleiter Stephan Zantis meint, dass nicht alle mit guten Absichten gekommen seien. „Wer Farbbeutel und Sturmhauben und dergleichen mit dabei hat, der hat ja schon was vor“, sagt er.
Clubbetreiber wehren sich
Aber wer genau hat da sein Unwesen getrieben? Die „Party- und Eventszene“, wie die Polizei zunächst erklärte? Empörte Reaktionen sind die Folge. Diese Etikettierung sei irreführend, klagen Stuttgarter Clubbetreiber. Damit werde eine Branche, die gerade „genug zu kämpfen“ habe, in ein schlechtes Licht gerückt. „Die verallgemeinernde Schuldzuweisung des Polizeipräsidenten“ hält Dirk Wein, Mitorganisator der Partyreihe Lovepop, für „verantwortungslos“. Er spricht von „Idioten, die sich am Eckensee und anderswo volllaufen lassen“. Die aber hätten mit den Zehntausenden, die normalerweise jedes Wochenende friedlich in den Clubs feierten, „so gut wie nichts zu tun“ . Auch Hannah Japes, die Vorsitzende des Clubkollektivs Stuttgart, wehrt sich: „Diese sinn- und hirnlosen Gewaltexzesse sind das Letzte, was wir wollen.“ Eine homogene Partyszene gibt es nach ihrer Einschätzung in Stuttgart ohnehin nicht. Wenn OB Fritz Kuhn erkläre, die feiernde Meute am Schlossplatz sei „nicht Stuttgart“, dann kenne er „sein Stuttgart nicht“.
Carlos Coelho, der über viele Jahre den Keller Club betrieben hat, glaubt, „dass der aufgestaute Frust der letzten Monate und die Bilder von den gewalttätigen Polizeieinsätzen in den USA den Boden bereitet haben für die Eskalationen“. Durch den Begriff „Partyszene“ fühlten sich die Stuttgarter Clubs nun zu Unrecht „in dieselbe Schublade gesteckt wie die Randalierer“. Auch Laura Halding-Hoppenheit, die seit über vier Jahrzehnten den Kings Club betreibt, warnt vor Verallgemeinerungen: „Solche Leute wie die Randalierer haben bei uns Lokalverbot.“
Streetworker rät der Politik zur Besonnenheit
Hiki Shikano, der Betreiber des Partygriechen Cavos, meint: „Die Szene, die sich am Eckensee seit einiger Zeit zum Saufen von Dosenbier und Billigfusel aus dem Supermarkt trifft, hat mit denen, die die Lokale auf dem Kleinen Schlossplatz besuchen und dort etwas essen und trinken, überhaupt gar nichts zu tun.“ Das eine sei ein schickes junges Ausgehpublikum, das andere seien „leider oft perspektivlose, junge Männer, meistens mit Migrationshintergrund, denen langweilig geworden ist in den letzten Monaten“. Stefan Schneider vom Palast der Republik beobachtet schon seit Tagen, „wie die Jungen und die Partyszene besonders am Wochenende orientierungslos durch die Stadt laufen“, weil vieles geschlossen sei. „Da sich Emotionen und Frust aufgebaut haben, war es nur eine Frage der Zeit, bis etwas passiert“, sagt er.Serkan Bicen ist Streetworker in Stuttgart und beschäftigt sich mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen unterschiedlichster Herkunft. Nach den Gewaltausbrüchen in der Innenstadt rät der gebürtige Hamburger zur Besonnenheit. „Ich habe in den vergangenen Wochen gespürt, dass es unter jungen Menschen in der Stadt immer stärker gebrodelt hat“, erzählt er. Die Maßnahmen im Zuge der Corona-Krise hätten zu Frustrationen geführt. „Junge Leute haben sich ihrer Freiheit beraubt gefühlt, sie sahen sich sogar als Störfaktor im öffentlichen Leben.“ Verstärkte Polizeikontrollen, Geldbußen und Platzverweise hätten diese Unzufriedenheit verschärft. „Am Ende hat ein Funke gereicht, um den Kessel explodieren zu lassen.“ Bicen sieht jetzt die Politik gefordert. Man müsse sich mehr mit den jungen Menschen beschäftigen. „Das wurde stark vernachlässigt“, sagt er. Es reiche nicht zu versuchen, die Jugend mit neuen Verboten auf Linie zu bringen. „Viel besser wäre es, einen Dialog zu führen, über dem natürlich die klare Haltung stehen muss: Nein zur Gewalt!“
Von abgehängten Jugendlichen ist die Rede
Am weltoffenen und liberalen Stuttgart will der Streetworker unbedingt festhalten: Es sei ein völlig falsche Signal, wenn Innenminister Thomas Strobl (CDU) diese Liberalität in Frage stelle, sagt Bicen. Stuttgart sei immer noch beispielhaft für Integration und ein weitgehend gelungenes Zusammenleben. „In meiner Arbeit erlebe ich täglich, dass Herkunft, Religion oder Hautfarbe in der jungen Generation keine Rolle mehr spielen.“
Auch Gökay Sofuoglu, Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde, arbeitet seit vielen Jahren als Sozialpädagoge mit Stuttgarter Jugendlichen zusammen. Seine Haltung ist klar: „Das war beabsichtigte Gewalt und nicht etwa aus einer Not heraus geboren“, sagt er. „Diese Gewalt ist mit nichts zu erklären und auch nicht zu entschuldigen.“ Zugleich wirbt er dafür, genau hinzusehen „und nicht alle jungen Leute über einen Kamm zu scheren“. Bei einem Teil von ihnen handle es sich um abgehängte junge Leute, bei denen sich viel angestaut habe, auch infolge der Corona-Beschränkungen. Unabhängig von Corona beobachtet Gökay Sofuoglu die Tendenz, „dass sich junge Menschen „von unserem System entfernen“. Er beobachtet eine „Antihaltung“, die sich gegen die Polizei richte, aber auch gegen das System als Ganzes. Dieses Verhalten gelte als cool. „Überhaupt sind viele Junge auf Coolness konzentriert und darauf, sich in Szene zu setzen – egal mit was. Manche feiern in den sozialen Netzwerken sogar ausdrücklich, was sie angerichtet haben“, meint Sofuoglu und fügt hinzu: „Wir müssen die Gewalttäter marginalisieren und versuchen, die jungen Leute zu erreichen.“ Nur wie? Die nächste offene Frage.