Heimat ist ein vielschichtiger Begriff, der vieles beinhalten kann. Die einen erwärmt er, andere lehnen ihn ab. Über eine Diskussion in Esslingen.

Chefredakteur: Johannes M. Fischer (jmf)

Maille, wie der benachbarte Park, heißt eine kleine Nebengasse in Esslingen. Sie ist schwach beleuchtet, beengt von einer Häuserwand auf der einen Seite und dem Wehrneckarkanal auf der anderen. Nur wenige Menschen laufen hier lang, insbesondere nachts wirkt sie etwas unheimlich. Einzige Adresse in der Gasse, begehbar über einen Hinterhof, ist das Komma: Der Veranstaltungsort ist am Dienstagabend hell erleuchtet, an der Bar werden Getränke gereicht und bedächtig Kaffee gekocht. Mit einem Mal wird es heimelig – passend zum Thema: Die Schriftstellervereinigung PEN Berlin hatte zu einem Diskussionsabend über Heimat mit dem Titel „Ist das noch/schon mein Land?“ geladen. Viele kamen, der Saal war gut gefüllt.

 

Die Veranstaltung in Esslingen bettete sich ein in eine Reihe von insgesamt 41 Veranstaltungen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Eines der wichtigsten Merkmale der Veranstaltung: Das Publikum wird deutlich stärker eingebunden als es bei den meisten Diskussionsveranstaltungen der Fall ist. Durch die Veranstaltung führte der Autor und Slam Poet Aron Boks. Für Impulse sorgten zudem der Journalist und Fernsehmoderator Georg Restle und die Schriftstellerin, Filmemacherin und bildende Künstlerin Jovana Reisinger.

Publikum zeigt klare Verbundenheit

Eingangs stellte Boks Fragen an das Publikum, zum Beispiel diese: „Wer sagt, Esslingen ist meine Heimat?“ Die meisten Hände gingen nach oben. Auch bei der Frage „Wer sagt, Deutschland ist mein Land?“ gingen viele Hände nach oben. Damit war im Grunde schon eine Voreinstellung des Abends gegeben: Menschen, die sich heimatlos fühlen oder Deutschland nicht als „ihr“ Land sehen, waren weniger zahlreich zugegen. Allerdings war damit auch nur die Oberfläche gestreift – sehr viel tiefer gingen dann Wortbeiträge aus dem Publikum oder von dem Podium.

Restle, Redaktionsleiter und Moderator des ARD-Politmagazins Monitor, wurde in Esslingen geboren, wuchs in Ostfildern und Wernau auf und wohnt heute in Köln. Für ihn ist Heimat ein Sehnsuchtsort, der sich vor allem in der Gefühlswelt abspielt.

Georg Restle und Jovana Reisinger waren sich in vielen Dingen einig. Foto: Roberto Bulgrin

Ein Beispiel aus Köln zeigt, wie schwierig der Begriff ist. Kölner identifizieren sich Restles Beobachtung nach stark mit ihrer Stadt. Die Kölner Identität manifestiert sich unter anderem in zahlreichen Liedern. Auf der Textebene gehe das Liedgut allerdings weit auseinander, so Restle: Mal sind Kölner alle, die in der Stadt leben, also auch die Hinzugezogenen, und mal sind Kölner nur die, die dort geboren wurden.

Zwischen Integration und Exklusivität

Mit diesem Beispiel war das anschießende Gespräch zwischen Publikum und Podium vorgezeichnet: Heimat funktioniert als exklusiver und als integrierender Begriff. Exklusiv verstanden ist er anfällig für rassistische und nationalistische Instrumentalisierungen, so die vorherrschende Meinung im Saal, der auch Reisinger deutlich zustimmte.

„Unterwegs im Namen der Kaiserin“ heißt Reisingers erster Langfilm – er ist in der Mediathek des ZDF abrufbar. Ein Heimatfilm über die Kaiserin Sisi, könnte man sagen, käme sie in dem Film vor. Tut sie aber nicht, insofern ist es vielleicht doch eher ein Anti-Heimatfilm, wie Reisinger selbst sagt. Wie Restle hält sie eine kritische Distanz zum Heimatbegriff und warnt vor einem nostalgischen, verkitschten Weltbild, das ein vereinfachtes sozialromantisches Leben vorgaukelt.

Publikum und Podium waren sich in vielerlei Dingen einig, die Abendgesellschaft war gewissermaßen unter sich. Gestreift wurden Aspekte wie Heimat als Rückzugsort vor einer unübersichtlichen individualisierten Welt oder als sozialer Ort unter Freunden. Eine weitere aufklärerische und zugleich journalistisch geprägte Definition zum Nachdenken gab Restle den Anwesenden noch mit auf den Heimweg: Heimat als Kampfarena im positiven Sinne, in der viele verschiedene Menschen in einem Raum über das Richtige und Wahre streiten.