Ditzingen Der Venenstauer von der Glems
Kimetec ist in nahezu jedem Krankenhaus zu finden – nur weiß das niemand. Das Unternehmen baut am Firmenstandort in Ditzingen. Das künftige Gebäude wird das Arbeiten der Beschäftigten verändern.
Kimetec ist in nahezu jedem Krankenhaus zu finden – nur weiß das niemand. Das Unternehmen baut am Firmenstandort in Ditzingen. Das künftige Gebäude wird das Arbeiten der Beschäftigten verändern.
Alltag beim Hausarzt: Dem Patienten wird ein Band, ein Venenstauer, um den Oberarm gelegt und festgezogen, die Vene wird sichtbar, Blut wird abgenommen. Der Venenstauer wird mutmaßlich ein Produkt des Medizingeräteherstellers Kimetec in Ditzingen sein. „Wir sind der am häufigsten kopierte Venenstauer auf der ganzen Welt“ sagt die Kimetec-Geschäftsführerin Caroline Ihle. Sie steht dem weltweit agierenden Unternehmen vor, das diagnostische Medizinprodukte und Stillhilfen entwickelt, fertigt und vertreibt.
Doch selbst ein von Kimetec nach Hygienestandards zertifiziertes Band aus medizinischem Kunststoff lässt sich nicht mit jedem Desinfektionsmittel desinfizieren. „Kunststoffe reagieren auf Desinfektionschemikalien“, sagt die diplomierte Wirtschaftsingenieurin und Chefin von 27 Mitarbeitern.
Aber welcher Patient will mit unreinen Produkten in Berührung kommen, wenn er ohnehin gesundheitlich angeschlagen, sein Immunsystem geschwächt ist? „Wir können auf Kunststoffprodukte nicht verzichten“, sagt Ihle. Aber ausschließlich auf Einwegprodukte zu setzen, sei in Zeiten, in denen auf Nachhaltigkeit Wert gelegt werde, auch nicht richtig. Selbst wenn Kimetec Einmalprodukte im Sortiment hat – die Lösung liegt der 40-Jährigen zufolge in einer Erfindung des Unternehmens namens Plasma Egg. Das Plasma-Ei ist ein Desinfektionsgerät, das mittels kaltem Plasma Bakterien, Viren und Pilze inaktiv macht. Auch jene auf den Venenstauern.
Auch das Desinfektionsgerät, das neueste Produkt von Kimetec, hat seinen Ursprung in den unscheinbaren Gebäuden am Ortsausgang von Ditzingen. In den Gebäuden, die wie aus der Zeit gefallen wirken, agiert der Medizingeräte-Hersteller seit rund vier Jahrzehnten. Hier entstehen unter dem Markennamen Mamivac auch medizinische Muttermilchpumpen und Stillhilfen.
Mit Werbung ist das Unternehmen zurückhaltend. „Wir sind WHO-Kodex-konform“, sagt die Marketingchefin Janika Zwick. „Es wird nicht alles um jeden Preis gemacht“, fügt Ihle an. Der Kodex verlangt, dass die Vermarktung von Ersatzprodukten für Muttermilch eingeschränkt wird.
Caroline Ihle führt das Unternehmen, das ihr Großvater gründete. Ihr Vater Hansjörg Kirchner wirkt weiterhin mit. Er war strategisch auch in die größte Einzelinvestition des Unternehmens eingebunden, das heute einen Jahresumsatz von sechs Millionen Euro macht: Derzeit entsteht auf dem einstigen Firmenparkplatz ein neuer Unternehmenssitz. Erstmals seit dem Umzug von Stuttgart nach Ditzingen vor rund dreieinhalb Jahrzehnten werden Entwicklung, Produktion, Lagerung und An- und Ablieferung sowie Verwaltung unter einem Dach sein. Ein wenig sichtbarer wolle man mit dem neuen Gebäude werden, sagt die Geschäftsführerin.
Vor gut einem Monat war Spatenstich, für Sommer 2025 ist der Umzug geplant. Die bisher vier Hausadressen – entstanden durch die sukzessive Erweiterung – werden sich auf eine reduzieren. Arbeitsbereiche sollen räumlich so zusammengelegt werden, dass sich für die Mitarbeiter kürzere Wege ergeben.
Die neueste Erfindung, das Plasma Egg, sei, wie viele andere ihrer Produkte auch, „kundengetrieben“ gewesen, sagt Ihle. In Bezug auf die unsichtbaren Krankheitserreger habe das Thema Hygiene spätestens seit Corona an Bedeutung gewonnen. Das Unternehmen kooperierte dafür mit externen Fachleuten, etwa dem Max-Planck-Institut und Designern. Entstanden ist ein rund 25 Zentimeter hohes Gerät, in dem etliche Venenstauer gleichzeitig Platz haben. Oder aber Alltagsgeräte – wie Spielzeug, Brillen, Sportequipment oder Schmuck. Für Alltagsgegenstände ist das Gerät bereits seit April im Handel. Als Medizinprodukt hat das patentierte Plasma Egg noch keine Zulassung.
Damit Medizinprodukte in Europa verwendet werden dürfen, benötigen sie eine CE-Kennzeichnung. Eine EU-Verordnung verpflichte Medizinproduktehersteller zur Rezertifizierung ihrer Produkte, auch jener, die schon auf dem Markt seien, sagt Ihle. . Ziel der EU sei es, Produkte sicherer zu machen, sagt Ihle. Das sei gut. „Ich weiß als Patient, dass ich mit guten Medizinprodukten versorgt werde.“ Auch ihre Kunden fragten die Zertifizierung immer wieder nach. Doch neue Produkte wie das Plasma Egg würden bei der Zertifizierung hintangestellt.
Die Sicherheit der Produkte gehört neben den Lieferanten aus der Region zum Kapital des Unternehmens. „Wir arbeiten mit unseren Lieferanten seit Jahrzehnten zusammen“, sagt sie – und auch die Mitarbeiter seien treu. Das habe sich auch während der Pandemie bezahlt gemacht: „Wir waren während Corona immer lieferfähig.“
Insgesamt rechnet die Branche aufgrund der EU-Regelung aber mit einer Versorgungslücke. Davor hatte die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften bereits vor einigen Monaten gewarnt. Sie sieht Patientenversorgung und medizinische Innovation gleichermaßen gefährdet.