Ditzinger Lebenslauf Aufgeben kam für sie nie in Frage

Sina Renker mit ihrem Hund Rocco. Foto:  

Sina Renker ist an Mukoviszidose erkrankt. Vor drei Jahren bekam sie nach mehreren Anläufen eine Spenderlunge.

Die zierliche Frau mit den großen dunklen Augen hat vor Kurzem ihren dritten Geburtstag gefeiert, genauer gesagt ihren dritten Lungengeburtstag. Denn im März 2020 erhielt sie im Transplantationszentrum der Ludwig-Maximilians-Universität München-Großhadern eine Spenderlunge. „Dies feiern wir immer mit der Familie und lassen Ballons steigen“, erzählt Sina Renker. „Und wir gedenken der Familie und den Hinterbliebenen des Organspenders“, fügt die 29-Jährige nachdenklich hinzu. Heute geht es ihr gut, sagt sie ohne Zögern. Doch vor der Operation war dies anders. Damals lag ihre Lungenfunktion noch bei 18 Prozent und sie bekam rund um die Uhr Sauerstoff.

 

Sogar einen Triathlon hat sie geschafft

Sina Renker kam mit Mukoviszidose auf die Welt. Schon bei ihrer Geburt hatte sie einen Darmverschluss und wurde sofort operiert. Ein Arzt soll damals zu ihren Eltern gesagt haben, sie könnten froh sein, wenn die Tochter 18 Jahre alt wird. Doch es ging ihr lange gut. Die Eltern, von denen sie sagt, es seien die besten der Welt, haben ihr eine normale Kindheit ermöglicht, „sie haben mich nie als krank behandelt“, erzählt sie. Zwar musste sie regelmäßig inhalieren und zur Physiotherapie, doch sie machte den Realschulabschluss und das Fachabitur, war sportlich viel unterwegs, nahm an den Bundesjugendspielen teil, lief bei Triathlons mit und liebte das Voltigieren, den Umgang mit Pferden. Bei ihr war es eher der Darm, in dem sich die Krankheit bemerkbar gemacht hat, weniger die Lunge, die vielen an cystischer Fibriose (CF) Erkrankten Probleme macht.

Doch das änderte sich bei Sina Renker mit etwa 19 oder 20 Jahren, erinnert sie sich. Dann fiel das Atmen immer schwerer. Während einer Reha in der Nachsorgeklinik Tannheim habe sie relativ plötzlich, ohne Vorwarnung, einen Pneumothorax bekommen, das heißt, eine Lungenhälfte löste sich vom Zwerchfell und klappte komplett zusammen. Im Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart wurde ihr eine Drainage zwischen die Rippen in den Lungenraum gelegt, um so die dort eingedrungene Luft abzuleiten, damit sich die Lunge wieder ausbreiten kann.

Freund auf vier Pfoten gibt Kraft

Nach ein paar Wochen passierte das Gleiche wieder und wieder ging es in die Notaufnahme. „Um es abzukürzen“, sagt sie, „insgesamt ist das siebenmal passiert.“ Es war dann klar, dass es so nicht weitergehen kann. Schließlich wurde sie ins Klinikum Großhadern verlegt und komplett durchgecheckt mit dem Ziel, eine Spenderlunge zu bekommen. „Ein Punktesystem entscheidet, wo man auf der Transplantationsliste steht“, sagt sie. Und dann heißt es warten, obwohl es ihr gesundheitlich immer schlechter geht. Doch Jammern sei nicht ihr Ding, „und ich wollte auch nie im Rollstuhl sitzen“. In dieser Situation holt sie Rocco ins Haus, einen jungen Hund vom Tierschutz. „Der hat mir hundertprozentig geholfen, ich hatte einfach eine Aufgabe, denn für den Haushalt war ich zu schwach und so ein Lebewesen gibt einem Kraft.“ Die Nachbarn im Mehrfamilienhaus in Bernhausen, wo Sina Renker mit ihrem Partner Emanuel lebt, sind auch mal mit Rocco Gassi gegangen, wenn sie es nicht geschafft hat.

Im Januar 2020 kommt schließlich der erste Anruf aus Großhadern: Es gibt eine Spenderlunge! Ein Krankenwagen bringt sie nach München. Dort heißt es warten – zehn Stunden lang. Schließlich bekommt jemand anders das Organ. Beim nächsten Anruf kurze Zeit später stellt sich nach acht Stunden Wartezeit die Spenderlunge als nicht hundertprozentig in Ordnung heraus. Dann kommt der 17. März 2020 – zwei Tage vor dem Corona-Lockdown, erinnert sich Sina Renker. Zu dieser Zeit kann sie kaum noch selbst essen und wird künstlich ernährt. Mit Blaulicht wird sie nach München gefahren und nach „nur“ fünf Stunden Wartezeit geht es am Morgen des 18. März mit der Transplantation los.

Die nächsten Ziele vor Augen

Eine Woche später wacht sie wieder auf und sie weiß noch heute, was das erste war, woran sie sich erinnert: „Ich habe mit meiner Mutter telefoniert und vor Freude geweint. Ich spür jeden Tag so viel Dankbarkeit“, sagt sie. Sie wisse, dass sie nicht geheilt sei, die Grunderkrankung Mukoviszidose bleibe. Und sie muss ein Leben lang Immunsuppressiva einnehmen, anfangs in sehr hoher Dosis, damit das neue Organ nicht vom Körper abgestoßen wird. Darauf führt sie auch eine Erkrankung zurück, die sich ein Jahr nach der Transplantation mit Halsschmerzen bemerkbar gemacht hat. Als man ihr eine Mandel entfernt, werden darin Krebszellen entdeckt: Es hatte sich ein bösartiges Lymphom entwickelt und im ganzen Körper ausgebreitet. Zur Chemotherapie muss sie wieder nach München.

„Ich hab‘s nicht so an mich rangelassen“, sagt sie, „mir ging‘s relativ gut.“ Im November 2022 war sie das erste Jahr krebsfrei. „Aber langsam reicht es jetzt, hoffentlich kommt nichts mehr“, meint die junge Frau nachdenklich. Denn die Grunderkrankung von CF plagt sie schon genug. Heute muss sie täglich etwa 25 Tabletten nehmen. Weil sie einen stark verkürzten Darm hat, muss sie viel mehr Kalorien zu sich nehmen, um sich ausreichend zu ernähren. Auch leidet sie öfter an Bauchschmerzen, „aber damit kann man leben. Ich bin kein Mensch, der aufgeben würde, das kam für mich kein einziges Mal infrage.“ Denn jetzt will sie erst einmal ihre unterbrochene Ausbildung als Automobilkauffrau beenden. Und dann gibt es da noch die Hobbys. So kocht und isst sie wieder „super gern“, ein Hobby, das sie mit ihrem Freund teilt, „Das ist neben dem Atmen, das ich jetzt wieder besser kann, eines der positiven Dinge, die sich verändert haben.“ Spaziergänge mit Hund Rocco sind angesagt und Fahrten auf dem E-Bike, das sie vom Mukoviszidose Landesverband bekommen hat. All das war vorher nicht mehr möglich.

Der Lebenslauf findet dieses Jahr als Hybridveranstaltung statt. Diese Variante startet an diesem Freitag, 14. April, und geht bis 23. April. Wer mitmacht, kann in diesem Zeitraum Kilometer am Ort seiner Wahl zurücklegen, zu Fuß, mit dem Laufrad, mit Inline-Skates, beim Nordic Walking oder mit dem City-Roller. Am 23. April wird die Glemsaue von 8 bis 16 Uhr zum Treff für alle, die mitlaufen, mitspazieren wollen – oder aber über den Kauf eines Mittagessens oder Kuchens unterstützen möchten. Alle Infos und die Möglichkeit zur Registrierung im Netz auf www.ditzinger-lebenslauf.de.

Das ist Mukoviszidose

Krankheit
 Mukoviszidose, auch Zystische Fibrose (CF) genannt, ist eine unheilbare und vererbbare Stoffwechselerkrankung. Dabei werden lebenswichtige Organe wie Lunge und Darm durch zähen Schleim verstopft. Patienten müssen durch tägliche Therapie das Sekret entfernen. Ihre Lebenserwartung ist stark verkürzt. Ursache der Mukoviszidose ist eine Genveränderung, weshalb sie nicht geheilt werden kann. Entscheidend für die Lebensdauer ist ein früher Therapiebeginn.

Hilfe
 In Deutschland leben bis zu 8000 Patienten mit Mukoviszidose, sie gehört deshalb zu den seltenen Erkrankungen. Chronisch kranken Menschen ist nicht nur durch medizinische Forschung, etwa die Entwicklung neuer Medikamente, geholfen. Im Alltag mangelt es auch an der Finanzierung der Hilfen, etwa spezialisierter Physiotherapeuten. Mit dem Lebenslauf werden Spenden generiert, mit denen einzelne Projekte gefördert werden.

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