Reichental - Der Weg nach Reichental führt über eine holprige Straße. Stetig geht es bergauf, bis das Dorf in einem engen Schwarzwaldtal auftaucht. Es gibt nur eine große Straße. In gut zwei Minuten haben Durchreisende den Ort mit seinen rund 700 Einwohnern im Kreis Rastatt wieder hinter sich gelassen.
Udo Janetzki steht vor der früheren Sparkasse und stemmt die Hände in die Hüfte. „Zur nächsten Bank sind es bis zu acht Kilometer“, sagt er. Der 64-Jährige ist in Reichental geboren. Vor zehn Jahren sei die Bank hier ausgezogen, erzählt Janetzki. Seither steht das Gebäude an der Hauptstraße leer. Der Teppich sieht speckig aus, eine vergilbte Plastikuhr liegt im Regal. Selbst der Tresor ist noch da. Als Ende 2017 der Bäcker aufgab, bei dem die Reichentaler noch Kleinigkeiten einkaufen konnten, wich das letzte öffentliche Leben aus Reichental. Es gibt kein Wirtshaus mehr, keine Grundschule, keinen Kindergarten.
Die Gemeinschaft bröckelt
Reichental gehört zur Gemeinde Gernsbach. Es ist ein Dorf, wie es sie in Baden-Württemberg oft gibt. Wer hierher fährt, lernt viel über das Dorfleben, in dem die Gemeinschaft bröckelt. Was hält einen Ort dann noch zusammen? Und wie ist diese Entwicklung aufzuhalten? „Die Älteren treffen sich nur noch auf dem Friedhof“, sagt Andreas Kozlevcar. Doch mit Janetzki arbeitet der 54-Jährige nun im Ortschaftsrat an der Rettung Reichentals, so sehen die beiden ihr Engagement. Sie finden, dass Reichental wieder ein Herz braucht. Sonst, fürchten sie, „gibt es keinen Austausch mehr, verkriechen sich die Leute zu Hause“. Daher solle es wieder eine intakte Ortsmitte geben, sagt Kozlevcar. „Wir wollen die Lebensqualität erhalten“, ergänzt Janetzki. Wie schafft man das?
Die Lösung für Reichental soll die alte Sparkasse bringen: Hier soll ein Dorfladen eröffnen. In einer Umfrage sagten 90 Prozent der Reichentaler, bei der Versorgung mit Lebensmitteln müsse etwas passieren. Ein Dutzend Bürger arbeitet deshalb an einem Businessplan, denkt über das Sortiment nach und über die Öffnungszeiten. Beteiligt an dem künftigen Laden sind die Reichentaler selbst. Sie können Anteile kaufen, so sollen 40 000 Euro Startkapital zusammenkommen. Es geht aber nicht nur darum, dass man künftig wieder einen Liter Milch, Obst oder eine Flasche Wein kaufen kann.
Das Projekt könnte junge Familien locken
Seit Jahrzehnten verliert Reichental Einwohner. „Wir wollen keine Schlafstadt werden“, sagt Udo Janetzki. Das Projekt ist Mittel zum Zweck, denn es könnte junge Familien anziehen. Das könnte Gernsbach veranlassen, ein Baugebiet in Reichental auszuweisen, welches wiederum die Zuwanderung stärken könnte. Alles greift somit ineinander. „Es bringt zudem Arbeitsplätze in den Ort“, sagt Udo Janetzki. Teilzeitstellen und Jobs auf 450-Euro-Basis könnten im Laden entstehen. Der Rest wird ehrenamtlich gestemmt. Auch eine Poststelle und einen Geldautomaten wünschen sich die Reichentaler.
Wer von Reichental hinunter ins Murgtal fährt, gelangt nach elf Kilometern auf der anderen Flussseite nach Staufenberg, ebenfalls ein Stadtteil von Gernsbach. Die etwa 1500 Einwohner können im Ort seit gut zehn Jahren nur noch bei einem Metzger einkaufen. Ansonsten geht es ihnen wie den Reichentalern: kein Supermarkt, kein Bäcker, kein Café und keine Bank mehr. Auch hier glauben viele, das Zusammenleben im Ort gehe so verloren. Auch hier hätten die Einwohner gern einen Dorfladen, und zwar auf einer seit zehn Jahren brachliegenden Fläche in der Ortsmitte. Uwe Burkhardt blickt auf den Platz, wo einst die Markthalle stand. „Es sollen hier ein Laden entstehen, ein Café, eine Poststelle, Wohnungen. Und es sollen Kulturveranstaltungen stattfinden“, sagt er. Das macht deutlich: Die Dimension ist deutlich größer als in Reichental.
Burkhardt engagiert sich seit 2015 in der Initiative Dorfleben, die in Staufenberg ein ganzes Zentrum neu bauen will. Er sagt: „Die Älteren müssen weite Wege auf sich nehmen, und die Kindern lernen nicht mehr, selbstständig einzukaufen.“ Auch die Kirchengemeinde hat Interesse angemeldet: Entsteht ein neues Gebäude, würde sie dort gern Räume nutzen. Die Initiative begreift das geplante Zentrum als „neue soziale Schnittstelle“, sagt Burkhardt: „Es geht uns auch um die Geselligkeit.“
62.000 Euro Startkapital sind gesammelt
Dass der Plan ambitioniert ist, wissen Burkhardt und seine Mitstreiter. Bis zu 2,5 Millionen Euro könnte das Gebäude kosten, sie brauchen deshalb einen Investor. Gleichzeitig bemühen sie sich um Fördergelder von der EU und dem Land. Einen Entwurf eines Architekten gibt es bereits. „Wir denken gar nicht ans Scheitern, wir wollen ein dickes Brett bohren“, sagt Florian Dernbach von der Dorfleben-Initiative. 62 000 von 80 000 Euro Startkapital für die Ladenausstattung und die Waren sind bereits gesammelt.
Was bringt Menschen dazu, sich für solche Projekte ins Zeug zu legen? Schließlich gibt es keine Erfolgsgarantie, mancher Dorfladen im Land, der aus privater Hand entstand, hat schon wieder aufgegeben. „Wir sind sicher, wenn der Laden da ist, wird auch eingekauft“, sagt Uwe Burkhardt. Er ist davon überzeugt: Spätestens dann, wenn es in den Städten keinen Wohnraum mehr gibt, wird sich die Bewegung umkehren: „Und die Leute werden wieder aufs Land ziehen.“
Ob der Plan aufgeht, ist ungewiss
„Klar, wir können uns mit dem Laden verheben“, sagt Andreas Kozlevcar aus Reichental. Weder er noch seine Mitstreiter hätten Erfahrung damit. Doch die Liebe zum Heimatort überwiegt. „Wir können die Welt nicht ändern, aber wir können unsere Lebensqualität erhalten – und dann zum Beispiel einfach morgens wieder zum Bäcker gehen und Brötchen holen“, meint er. Im besten Falle würden sie ihren Kindern „etwas Lebenswertes“ hinterlassen.
Ob der Laden das Leben zurück nach Reichental holen wird, ist ungewiss. Kürzlich war in der Turnhalle die Gründungsversammlung der Gesellschaft, die ihn tragen soll. Die 40 000 Euro Startkapital sind beisammen, es sind sogar 8000 Euro mehr geworden. Ein erster Schritt. Später, so die Hoffnung, könnte im Ort auch ein Café entstehen, für Motorradfahrer und Wanderer. Damit die Menschen nicht mehr nur durch Reichental durchfahren.