Drei Experten über ADHS Immer mehr ADHS-Betroffene – was steckt dahinter?

, aktualisiert am 11.12.2025 - 16:24 Uhr
Konzentrationsprobleme machen den Betroffenen von ADHS zu schaffen. Foto: IMAGO/Panthermedia

Immer mehr Menschen bekommen die Diagnose ADHS. Woran aber liegt das? Drei Experten geben Ratschläge für Betroffene – und auch Eltern.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Der Hashtag #adhd (Englisch für ADHS) hat auf TikTok weit über 40 Milliarden Aufrufe. Die Diagnosen steigen seit Jahren kontinuierlich an. Während viele Betroffene sich inzwischen eher als „neurodivergent“ sehen und damit die Andersartigkeit der Funktion ihres Gehirns betonen, leiden andere derart stark unter ihren Symptomen, dass ihr Leben erheblich beeinträchtigt ist.

 

Für viele ist die Diagnose ein Segen und sie haben zum ersten Mal in ihrem Leben das Gefühl, eine Erklärung für ihre Beschwerden zu haben. Auch ermöglicht eine offizielle Diagnose überhaupt erst eine Behandlung.

Mittlerweile bekommen auch immer mehr Erwachsene eine ADHS-Diagnose mit Medikation. ADHS. Foto: IMAGO/NurPhoto

Ist das ADHS-Gehirn „einfach nur anders“?

Doch was, wenn die Diagnose vor allem in sozialen Netzwerken zur Identität wird? Und ist es langfristig überhaupt förderlich, alles auf das „Gehirn“ zu schieben, das irgendwie „anders“ ist? Für Theo Parker ist genau dies ein „schwieriger Glaubenssatz“.

Parker, 36, hat vor zehn Jahren seine Diagnose erhalten. Zwar hatte ihm eine Kommilitonin im Psychologiestudium gleich zu Beginn ADHS diagnostiziert, seine offizielle Diagnose erhielt er aber erst Jahre später, wie er am Telefon erzählt.

Theo Parker hat zu seiner ADHS bis heute ein gespaltenes Verhältnis

Mit seinem Diplom in Psychologie in der Tasche, habe er als freier Wissenschaftsjournalist zu arbeiten begonnen – und sein Leben nur schlecht auf die Reihe bekommen. Er ging zum Psychiater, nach einigen Tests erhielt er die ADHS-Diagnose – und seine Pillen. „Zu beidem habe ich ein zwiespältiges Verhältnis: An manchen Tagen lehne ich sie entrüstet ab, an anderen empfinde ich sie als Geschenk“, sagt Parker.

Theo Parker hat vor zehn Jahren seine ADHS-Diagnose bekommen. Bis heute hat er ein zwiespältiges Verhältnis dazu. Foto: privat/ Carla Schleiffer

Das Bild der Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) habe sich in den vergangenen Jahren gewaltig geändert, so Parker. Während man in den 1990er Jahren noch vor allem „an überdrehte Schuljungen“ gedacht habe, sei die Durchschnittsperson mit offizieller Diagnose inzwischen volljährig. Viele Frauen erhalten ihre Diagnose sogar erst im jungen Erwachsenenalter – oder noch später.

Parker ist Psychologe und Journalist, auch deshalb setzt er sich intensiv mit seiner Diagnose, der Forschung und der öffentlichen Sicht in sozialen Netzwerken auseinander. In seinem Buch „Alles auf einmal, und zwar jetzt! ADHS – individuelle Diagnose, gesellschaftliche Folgen“ hinterfragt er viele gängige Mythen, die durch soziale Netzwerke wie Instagram und TikTok geistern – wie die reine Fokussierung auf neurowissenschaftliche Erkenntnisse.

„Befreiende“ Modediagnose ADHS?

Während viele aufgrund der Zunahme der Diagnosen von einem Hype oder gar einer „Modediagnose“ sprechen, herrscht in der Forschung überwiegend der Konsens, dass es sich um eine stark genetisch bedingte neurologische Entwicklungsstörung handelt. „Diese neuronale Komponente macht die Diagnose aber eben für manche so attraktiv“, sagt Parker. Was im Gehirn „fest verdrahtet“ sei, lasse sich nicht leicht verändern – damit treffe einen auch keine „Schuld“.


Allerdings widerspricht dies aus seiner Sicht der heutigen Forschung zur Neuroplastizität, also der Fähigkeit unseres Gehirns, sich durch Lernerfahrungen und Umweltreize ein Leben lang sowohl strukturell als auch funktionell zu verändern.

ADHS im Gehirn sichtbar?

In sozialen Netzwerken findet sich häufig der Hinweis, man könne ADHS „doch jetzt im Gehirn sehen“. „Es ist nicht nur fraglich, wann bildgebende Verfahren zur psychiatrischen Diagnostik fähig sind, sondern auch ob überhaupt“, sagt Parker. Er findet es auch fraglich, ob dies eine gute Idee wäre, schließlich solle das persönliche Erleben im Vordergrund stehen. „Die Psyche lässt sich nicht auf Vorgänge im Gehirn reduzieren“, sagt Parker. Auch würden die Bilder dieser Verfahren für Studien bei Versuchsgruppen genutzt, sie sagten aber nichts über den Einzelfall aus.

Hirnstrukturen spielen bei ADHS eine Rolle, aber ist das die ganze Wahrheit? Foto: IMAGO/Zoonar

ADHS und Gesellschaft

Menschliches Erleben und Verhalten entstehe in der Wechselwirkung mit dem materiellen Umfeld – also mit Faktoren wie Armut oder Wohlstand, Lern- und Arbeitswelten, Medienbetrieb und Konsumkultur. Vieles sei ein „zweischneidiges Schwert“, sagt Parker. Einerseits biete die Diagnose für viele eine enorme Entlastung: „Manche lernen dadurch erst, sanfter zu sich zu sein.“

Andererseits berge es das Risiko, ADHS als Ausrede zu nehmen, um Dinge gar nicht erst zu versuchen. Ein größeres Problem sieht er aber darin, dass durch die Diagnosen nicht nur Individuen „entlastet werden“, sondern auch gesellschaftliche Strukturen. „Wenn das Problem im Einzelnen verortet ist, geraten die Verhältnisse aus dem Blick, die solche Schwierigkeiten mitverursachen.“

Tragen Stress und Geschwindigkeit zu ADHS bei? Foto: IMAGO/Pond5 Images

ADHS-Reduzierung auf „die Biologie“ schafft neue Probleme

Auch der Berliner Psychotherapeut Torsten Padberg sieht die starke Zunahme in den vergangenen Jahren kritisch: „Viele lesen etwas dazu auf TikTok oder Instagram und finden sich in bestimmten Symptomen wieder.“ Wäre es früher noch so gewesen, dass er seinen Patienten eine Diagnose schonend beibringen musste, kämen heute viele mit einer selbstgestellten in seine Praxis – und seien enttäuscht, wenn er in seiner fachlichen Einschätzung zu einem anderen Schluss komme.

Auch erlebe er häufig, dass Betroffene sich vorschnell auf „die Biologie“ als Ursache festlegten. „Für mich hat diese Fokussierung oft einen düsteren Beigeschmack, weil die Selbstbewältigung des Einzelnen dadurch oft gleich mit in Frage gestellt wird“, sagt Padberg. Wenn es „biologisch“ sei, könne man selbst kaum etwas machen. „Dadurch entsteht auf der negativen Seite oft Fatalismus und Hoffnungslosigkeit.“

Auch mögliche gesellschaftliche Ursachen werden so teils ausgeblendet: „Aus meiner Sicht steht dahinter häufig ein starker Leistungsanspruch, der immer noch nicht in Frage gestellt wird“, sagt Padberg. Viele, die sich gerade in sozialen Netzwerken über ihre Diagnose definierten, hätten häufig ein erfolgreiches Leben: Gutes Abitur, Studium, Erfolg im Beruf.

Oft wirke dies so – überspitzt gesagt – als ob man ohne ADHS auch noch den zweiten Doktortitel geschafft hätte. „Genau das ist das Prinzip bei vielen: Es geht weiterhin um das gesellschaftliche Phänomen eines ‚höher, schneller, weiter‘, wir müssen mitmachen und mithalten“, sagt Padberg. Er stelle sich dabei die Frage, ob viele, die sich als neurodivergent bezeichneten, wirklich glaubten, die sogenannten neurotypischen Menschen würden immer alles perfekt hinbekommen.

Viele Menschen mit ADHS haben Probleme mit Organisation und Terminen. Foto: Sven Hoppe/dpa

ADHS-Diagnosen steigen bei leichteren Formen

Elia Abi-Jaoude vom Hospital for Sick Children an der Universität Toronto gab im Deutschen Ärzteblatt kürzlich zu bedenken, dass das Erleben bestimmter Emotionen, Verhaltensweisen und Gedanken häufig durch deren „Vorhandensein im eigenen Umfeld und in der eigenen kulturellen Gruppe“ beeinflusst werde. „So kann sich das Phänomen der sozialen Ansteckung auf das auswirken, was jemand erlebt, und auch darauf, wie er es interpretiert“, sagte der kanadische Psychiater.

Auch betreffe die Zunahme der Diagnosen seiner Forschung nach eher diejenigen mit leichteren Symptomen. Wenn ein diagnostisches Konzept in der Öffentlichkeit so präsent sei, sei es nicht verwunderlich, dass Personen, die an ihrer Fähigkeit zweifeln, sich zu konzentrieren und die Erwartungen an ihre schulischen oder beruflichen Leistungen zu erfüllen, sich fragten, ob sie möglicherweise an ADHS litten.

In sozialen Netzwerken diagnostizieren viele sich direkt selbst

Der Hashtag #adhd hat auf TikTok weit über 40 Milliarden Aufrufe. Die Soziologin Laura Wiesböck aus Wien hat deshalb noch einen weiteren sozialen Faktor festgestellt: „Nicht zuletzt befördert die selbstdiagnostische Online-Kultur psychische Krankheiten zu einem identitätsstiftenden Lebensgefühl mit Zugehörigkeitseffekt“, schreibt sie in ihrem Buch „Digitale Diagnosen“.

Sie sieht die Zunahme der ADHS-Diagnosen in sozialen Netzwerken auch als Deutungsangebot für ineffizientes Verhalten. „Typisch ADHS“, schrieben viele Influencer und Content Creator zu von ihnen ausgeübten gesellschaftlich wenig anerkannten Verhaltensweisen wie Unpünktlichkeit, Termine vergessen, vorlaut zu sein, andere ständig zu unterbrechen oder Deadlines nicht einhalten zu können.

Dabei würden viele dieser Tipps in sozialen Netzwerken oft auf allgemeine Merkmale „moderner Kognition“ verweisen, denen sich kaum jemand entziehen könnten – wie das Abschließen von eintönigen und langwierigen Arbeiten.

ADHS führt zu großem Leid – Leistungsdruck auch

Wiesböck betont, dass ein unerkanntes ADHS zu erheblichen Problemen im Leben führen könne – in der Schule, der Lohnarbeit, bei täglichen Aktivitäten, sozialen und familiären Beziehungen ebenso wie auf das körperliche und psychische Wohlbefinden. Aber: „Zunehmende Verunsicherung durch den kapitalistischen Anforderungsdruck zeigt sich auch bei Eltern, die sich sorgen, dass sich ihre Kinder in einer leistungsorientierten Gesellschaft nicht behaupten können“, so Wiesböck. Insofern hat die ADHS-Diagnostik aus ihrer Sicht durchaus „politische Relevanz“.

Mustern wie Hyperaktivität und Impulsivität müssen nicht immer zwingend eine Störung zugrunde liegen. Wenn man nach potenziell dahinterliegenden Ursachen schaue, würde sich vielleicht ein neuer Raum eröffnen. „Mit einer konkreten Diagnose ist hingegen ein individueller Weg vorgegeben“, schreibt Wiesböck.

Oder auch nicht – wie bei Userin, die Wiesböck in ihrem Buch zitiert, die auf Instagram schrieb: „Jetzt habe ich meine Diagnose. Kein ADHS. Um ehrlich zu sein, würde es mir leichter fallen, eine ADHS-Diagnose zu haben. (…) nun muss ich damit klarkommen, so zu sein, ohne ADHS zu haben.“

Der Wissenschaftsjournalist Theo Parker hat für sich hingegen einen ganz eigenen Weg gefunden: „Betrachtet man ADHS-Merkmale als Nicht-Passung mit den hiesigen Lebenswelten, dann bilden sich zugleich Ansatzpunkte dafür, wie sich die Dinge auch ganz anders denken ließen.“ Er plädiert auch dafür, mehr Prokrastination zu wagen.

Auch aus seiner Sicht hängt das derzeitige Verständnis von ADHS sehr mit Leistung, Anpassung und gesellschaftlichen Erwartungen zusammen. „Man kann seine Sprunghaftigkeit, seine Unruhe und den Drang, alles gleichzeitig zu machen, auch als eine Art Reibung mit der Welt sehen – das finde ich faszinierend und tröstlich irgendwie.“

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