Rund um das Züblinparkhaus sucht Andreas M. nach gefährlichem Müll, aber auch im Stuttgarter Süden und Westen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Dass im Stuttgarter Leonhardsviertel kein Drogenmüll mehr herumliegt, ist der Verdienst von Andreas M. Wer ist dieser Mann, der früher selbst Teil der Szene war?
Es bedarf schon eines geschulten Blicks, um in der dichten Liguster-Hecke neben dem Spielplatz, zwischen Bierflaschenscherben, Schokoriegelpapierle und alten Socken, jenen Drogenmüll zu finden, der sich hier ansammelt wie schicksalhaftes Strandgut. Zum Beispiel das filigrane Glasröhrchen, das Andreas M. als Teil einer Crackpfeife erkennt und mit seinem Greifer routiniert in die gelb-rote Abwurfbox stopft. Oder das durchsichtige Beutelchen mit Druckverschluss, in dem einer vielleicht Pillen aufbewahrte oder Kokain. Die Mini-Ampullen für steriles Wasser, das auf dem Löffel das Heroin verdünnt, und mehrere Spritzenverpackungen. „Die sind aber nicht von Kombo, die müssen von anderswo her sein“ – das sieht Andreas M. sofort.
Für Kombo, die Anlaufstelle von Caritas und Release für drogenabhängige Menschen im Leonhardsviertel, ist der 56-Jährige seit bald zehn Jahren unterwegs. Spritzensammler ist Andreas M.s Jobbezeichnung. Zunächst unregelmäßig als 1,50-Euro-Beschäftigung, wurde daraus 2018 finanziert von der Stadt eine Vollzeitstelle. Seither geht er, der darum bat, seinen Namen für diesen Artikel zu ändern, fünf Tage die Woche die Stadt ab. Von halb sieben Uhr morgens bis 15 Uhr nachmittags. Mit Greifer, Box und seinen stichfesten Handschuhen in weiß-orange. Zwischendurch isst er was am Mittagstisch des Kombos. Früher war er selbst Teil der Szene, heute räumt er hinter jenen auf, deren kleinste Sorge es ist, die Orte ihrer Sucht sauber zu hinterlassen.
An die 21.500 Spritzen, Nadeln und Kanülen hat er in dieser Zeit schon aufgelesen, auf Staffeln und Spielplätzen, hinter Grabsteinen und Skaterrampen, unter Brücken, in Blumenrabatten und Brunnen. Mindestens ebenso viele Verpackungen, Löffel und Ampullen. Zehntausende gefährliche Fundstücke, die HIV oder Hepatitis übertragen könnten, und die dank ihm keinem Kind in die Hände fielen.
Tatsächlich gingen seinem Einsatz die Beschwerden von Eltern und Lehrern der Jakobschule voraus. Die Grundschule liegt mitten im Drogen-Rotlicht-Milieu des Leonhardsviertels. Bevor Andreas M. die Arbeit aufnahm – eine Idee des damaligen Sozialbürgermeisters Werner Wölfle –, lagen ständig Spritzen auf Schulwegen und im Schulhof, stiegen die Kinder über blutige Wattebäusche auf der Wächterstaffel. Der damalige Oberbürgermeister Fritz Kuhn beschloss einen Fünf-Punkte-Plan, die Polizei zeigte mehr Präsenz.
Natürlich gibt es weiterhin Drogen im Viertel, aber Andreas M. lässt ihre Nachwehen verschwinden. „In den letzten Jahren kamen keine Beschwerden aus der Schule mehr bei uns an“, sagt Rainer Lang von der Caritas. Auch die Leitung der Jakobschule bestätigt, dass keine Spritzen mehr rund um ihr Gelände gefunden werden. Außerdem, so sagt es Rainer Lang, führe dieses Engagement insgesamt zu weniger Unrat in den Straßen: „Denn wo schon Müll liegt, wird zusätzlicher selbstverständlicher entsorgt und dazu gelegt.“ Dieser Effekt bleibt aus.
Fünf Mal die Woche, von 6.30 bis 15 Uhr, ist Andreas M. unterwegs. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Andreas M. betreibt seine Sammlung gewissenhaft und akribisch. In einem grauen Ordner führt er Protokoll, vermerkt auf Listen Tage, Uhrzeiten und Fundzahlen für seine Touren und die einzelnen Orte. Für den März hat er bislang 32 Nadeln, 59 Spritzen, 42 Wasser-Behälter und 52 Verpackungen vermerkt – allein auf der Morgenroute. Jede Tages-Statistik quittiert er mit seiner Unterschrift. Neben dem Leonhardsviertel ist er abwechselnd unter anderem im Westen am Feuersee, in der Elisabethenanlage und auf dem Hoppenlaufriedhof unterwegs, im Süden am Marienplatz, auf dem Heslacher Friedhof und unter der Paulinenbrücke, in Bad Cannstatt an der Mombachquelle. Sie kam als Ziel dazu, als Ausflügler dort immer wieder Spritzen fanden.
Überhaupt nimmt Andreas M. regelmäßig neue Orte in seine Touren auf. Die Szene ist in Bewegung. Wird ein Ort unattraktiv, weil zum Beispiel schützende Hecken gestutzt werden, verlagert sie sich. An der Kirche St. Katharina findet der Spritzensammler kaum mehr etwas, seit dort die Büsche nieder gemacht wurden. Auch die Jahreszeit bestimmt, wo es Andreas M. hintreibt. Im Sommer durchkämmt er auch den Uni-Park. Überhaupt findet er in der warmen Zeit mehr: etwa 10 bis 20 Spritzen pro Tag, im Winter ist es nur die Hälfte.
An diesem Vormittag ist er in fester Jacke und hellbraunen Stiefeln rund um das Züblin-Parkhaus unterwegs, begutachtet die mageren Grünstreifen, ob zwischen den ersten Löwenzähnen und Schlüsselblumen die grünen Kolben der Einwegspritzen hervorblitzen. Dann geht er mit Blick nach unten über den Skater- und den Spielplatz, auf dem eine Gruppe Kita-Kinder klettert. Später ist die Lorenzstaffel dran, die vom Leonhardsviertel in der Tiefe über 258 Stufen hinauf in die privilegierten Wohnlagen des Heusteigviertels führt wie eine Himmelsleiter. Manchmal wiesen ihn Passanten auf herumliegende Flaschen hin, erzählt Andreas M. „Die denken, ich bin ein Flaschensammler!“
In den Abwurfbehälter kommt, was Andreas M. findet, auch Spritzenverpackungen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Andreas M. ist einer, der genau beobachtet, was um ihn herum und an seinen Plätzen passiert, der sich die Dinge schnell zu Herzen nimmt und dann im Kurpfälzer Singsang geradeheraus sagt. Dass mittlerweile mehr Kokain genommen wird als noch vor ein paar Jahren, beobachtet er. Gerade treibt ihn um, was in der neuen vollautomatischen öffentlichen Toilette in der Pfarrstraße passiert. Jeden Tag findet er dort Spritzen, der weiße Wickeltisch ist schon voller brauner Brandflecken.
Über seine Vergangenheit will Andreas M. nichts in der Zeitung sehen, nur wenige Eckpfeiler darf man preisgeben: Aus Mannheim stammt er, hat eine Suchtgeschichte hinter sich, aber heute lebt er ohne Abstürze im Substitutionsprogramm. Der Job als Spritzensammler ist Teil seines Weges und vielleicht auch Grundbedingung für seine Stabilität. Mit dem Gehalt konnte er seine Schulden abbezahlen und etwas zur Seite legen. „Ich fühl mich schon wie ein sparsamer Schwabe“, sagt er. Und dass ihm der Job eine Struktur für die Tage und Selbstbewusstsein gebe.
Dass er 2018 diese „einmalige“ Chance bekam – „mit 50!“ – macht ihn dankbar und stolz. Kürzlich kamen Kinder vom Spielplatz herüber und schenkten ihm Postkarten mit Frühlingsgrüßen und eine Tulpe. Wahrscheinlich wussten sie gar nicht, was er für sie tut. Ihn hat es trotzdem wahnsinnig gefreut.
Vom Sparhaushalt betroffen
Stelle bleibt erhalten Im Doppelhaushalt 2026/27 hat der Gemeinderat beschlossen, dass das Sozialamt zehn Prozent weniger Förderung an die freien Träger ausschütten kann. Davon ist auch die Stelle des Spritzensammlers betroffen. Damit Andreas M. sein volles Pensum behält, werde er zur Kompensation auch allgemeine Reinigungsaufträge von Carisma, der zur Caritas gehörenden Reinigungsfirma, übernehmen, so Rainer Lang. Diese Zeit fällt ihm dann fürs Spritzensammeln weg.