Drogen im Abwasser So high ist Stuttgart
Haschisch, Koks, Pillen: im Stuttgarter Abwasser findet sich ein regelrechter Drogencocktail. Wer sind die Konsumenten? Und wie groß ist Stuttgarts Drogenproblem?
Haschisch, Koks, Pillen: im Stuttgarter Abwasser findet sich ein regelrechter Drogencocktail. Wer sind die Konsumenten? Und wie groß ist Stuttgarts Drogenproblem?
Stuttgart ist high, Tag für Tag. Drogen gehören für einen nicht unerheblichen Teil der Stadtbevölkerung zum Alltag. Es wird gekifft, gekokst und gespritzt, dazu die Tabletten. Und der Trend zeigt nach oben.
Heutzutage wird in Stuttgart doppelt so viel Kokain und Crystal Meth und anderthalbmal so viel Speed konsumiert wie vor zehn Jahren. Das zeigen von der EU zusammengetragene Abwasserdaten.
Die EU-Daten beruhen auf punktuellen Messungen. In den Stuttgarter Klärwerken wird seit Frühjahr 2023 das Abwasser einmal im Monat auf verschiedene Substanzen untersucht. Der Anlass war die Legalisierung von Cannabiskonsum. Die Verwaltung wollte herausfinden, ob seither mehr gekifft wird und ergo mehr THC-Rückstände ins Abwasser gelangen. Die Antwort: nicht wirklich, ein Jahr nach der Legalisierung liege die Menge der gemessenen Rückstände im Mittel 13 Prozent höher als im April 2024, so eine Mitteilung.
Dank der regelmäßigen Messungen weiß die Stadtverwaltung ziemlich genau, wie es seither weiterging. Die Cannabis-Rückstände sind kaum angestiegen. Im Sommer 2025, gut ein Jahr nach der Legalisierung, lagen die Werte dagegen deutlich über denen von 2023 und 2024. Ob der Trend anhält und ob die zwischenzeitlich genehmigten Anbauvereinigungen dafür die Ursache sind, das „bleibt abzuwarten“, so die Stadtverwaltung.
Bei den Kokainrückständen zeigte der Trend 2025 deutlich nach oben. Im Herbst wird außerdem mehr gekifft und gekokst. Der Cannabiskonsum ist jeden Tag in etwa gleich hoch, Kokain wird vermehrt am Wochenende genommen.
Wer Drogen nimmt, ist dagegen nur bedingt bekannt. Die bundesweite Kokos-Studie identifiziert vier Typen der Kokainkonsumenten: die Neugierigen und die auf Partys koksenden Hedonisten beschreiben ihren Konsum als experimentell, sozial orientiert und kontrolliert. Noch deutlich riskanter wird es, wenn die Arbeitsleistung oder sexuelle Gefühle gesteigert werden sollten. Sie seien laut Studie „stark gefährdet, eine Kokainabhängigkeit zu entwickeln“. Auch die Selbstmedikation etwa zur Bewältigung von Depressionen könne rasch in eine Abhängigkeit führen.
Jeder dritte befragte Stuttgarter hat schon Cannabis oder illegale Drogen konsumiert, wie eine Sonderauswertung der Ende 2023 durchgeführten Sicherheitsbefragung ergibt. Die Konsumenten sind „tendenziell jünger, männlich, der Gruppe der LSBTTIQ+ Menschen zugehörig, höher gebildet, in Deutschland geboren und wohnen vermehrt in den Innenstadtbezirken“. Die Konsumwahrscheinlichkeit sei unter diesen Gruppen jeweils doppelt so hoch wie etwa unter Frauen oder Menschen, die außerhalb der City leben. Vor allem bei Unter-25-Jährigen sei die Konsumneigung „doch beachtlich“: sie liegt zwischen 15 und 20 Prozent.
Das sind eher Mindestwerte. Die Dunkelziffer beim Drogenkonsum gilt als hoch. Drogenkäufe werden vielfach nicht polizeibekannt. Umfragen erreichen langjährige Konsumenten nur selten; auch wer nur gelegentlich illegale Substanzen zu sich nimmt, gibt das in Befragungen womöglich nicht an. Drogenkäufe werden vielfach nicht polizeibekannt. Auch deshalb sind Abwasserdaten so wertvoll.
Während die Konzentration der Drogenrückstände steigt, verzeichnen die ambulanten Suchthilfen in Stuttgart laut ihrem Jahresbericht keinen Anstieg bei entsprechenden Beratungen. Der Anteil der Hilfesuchenden mit Drogenproblem lag 2024 sogar unter dem Wert von 2023.
Noch scheint der ansteigende Drogenkonsum in Stuttgart beherrschbar. Anderswo in Deutschland läuft es weniger gut, wie der starke Anstieg der Drogentoten bundesweit seit dem Tiefststand 2012 zeigt. Wegen dieser Trends und der damit verbundenen Risiken beleuchten wir das Thema mit einer zweiwöchigen Artikelserie. Darin geht es um das derzeit besonders verbreitete Kokain, das gerade Menschen in prekären Lebenslagen kaputt macht.
Die Serie erkundet auch, was aus der früher besonders problematischen Droge Heroin und ihren Konsumenten geworden ist. In weiteren Texten erkunden wir, wo man in Stuttgart Drogen kaufen kann und ob Prävention gelingen kann. Nicht nur im Rahmen der von Haushaltskürzungen bedrohten Programme sollen Menschen vor der Sucht bewahrt werden. Auch in den Familien wollen Eltern eine „Drogenkarriere“ ihrer Kinder verhindern wollen. Was sind Warnzeichen, welche Strategien helfen?
Sie haben mit Suchtproblemen zu kämpfen oder zählen zu Angehörigen von Menschen mit Suchtproblemen? Auf der deutschlandweiten Plattform suchtberatung.digital finden Sie eine kostenlose und anonyme Suchtberatung.
Rückstände
Der menschliche Körper entlässt Abbauprodukte von Kokain und Cannabis sowie Amphetamine direkt über den Urin ins Abwasser. Ihr Anteil im Abwasser wird in den Stuttgarter Klärwerken regelmäßig gemessen.
Abbau
Die Koks- und Cannabisrückstände sind nicht mehr psychoaktiv. Das Hauptklärwerk Stuttgart-Mühlhausen baut den größten Teil der Substanzen mit seiner seit drei Jahren in Betrieb befindlichen Pulveraktivkohle-Dosierung ab. Auch Rückstände aus Arzneimitteln, Haushalts- und Industriechemikalien werden durch diese vierte Reinigungsstufe wesentlich besser eliminiert als bei einer klassischen dreistufigen Kläranlage.