Duell beim Mieterverein Der letzte Kampf des Mieter-Veteranen
Seit 40 Jahren führt Rolf Gaßmann (74) den Stuttgarter Mieterverein. Nun macht ihm der Geschäftsführer das Amt streitig. Der Ausgang der „Palastrevolte“ erscheint offen.
Seit 40 Jahren führt Rolf Gaßmann (74) den Stuttgarter Mieterverein. Nun macht ihm der Geschäftsführer das Amt streitig. Der Ausgang der „Palastrevolte“ erscheint offen.
Als Kämpfer für Mieterinteressen genießt Rolf Gaßmann (74) einen Ruf wie Donnerhall. Seit vierzig Jahren steht der Sozialdemokrat an der Spitze des Stuttgarter Mietervereins, gut zwanzig Jahre führt er zugleich den Mieterbund in Baden-Württemberg. Zu allen Themen rund um Wohnen und Miete ist der Multifunktionär in der Öffentlichkeit präsent. Ob es um bezahlbaren Wohnraum geht, um die gerade wieder diskutierte Mietpreisbremse, um anhaltenden Leerstand oder den Dauerruf nach mehr Wohnungsbau – wortgewaltig verschafft Gaßmann den Anliegen seiner Klientel Gehör.
Über seine Meriten sind sich denn auch alle Weggefährten einig. Eine „Legende“ sei er, sagen sie ehrfürchtig. Um den Mieterverein habe er sich „unendlich verdient gemacht“. Doch den Komplimenten folgt meist ein einschränkender Nachsatz: Nach vierzig Jahren sei es auch mal gut, nun brauche der Verein einen Wechsel und „frischen Wind“. Gelegenheit dazu bietet die Mitgliederversammlung an diesem Freitag im Stuttgarter Haus der Wirtschaft, wo einige hundert Teilnehmer erwartet werden. Auf der Tagesordnung stehen auch Wahlen, vorneweg des Vorsitzenden und der beiden Stellvertreter. Doch statt einem harmonischen Neubeginn droht dem Mieterverein dort ein hässlicher Machtkampf, aus dem viele Beteiligte mit Blessuren hervorgehen könnten.
Gaßmann nämlich will es noch einmal wissen: mit knapp 75 möchte er sich für zwei weitere Jahre im Amt bestätigen lassen. Schon bei der Kandidatur vor zwei Jahren erweckte er zwar den Eindruck, es sei sein letztes Mal. Die Begründung damals: der Geschäftsführer Ralf Brodda (56) habe gerade erst angefangen, es sei nicht gut, wenn auf beiden Schlüsselposten Neulinge säßen. Viele Mitstreiter erwarteten indes, er werde die Zeit nutzen, um einen Nachfolger zu finden und aufzubauen. Wie ernsthaft er das versuchte, wird unterschiedlich beurteilt. Seine junge Stellvertreterin Katharina Rudel, zum Beispiel, galt als geeignete Aspirantin. Doch am Ende setzte Gaßmann wieder auf Gaßmann.
Diesmal aber muss er um das Amt kämpfen. Eine knappe Mehrheit im Vorstand wünscht sich einen Wechsel. Sie plädiert dafür, den ehrenamtlichen Vorsitz und die hauptamtliche Geschäftsführung zusammenzuführen – und zwar in Person von Brodda. Ein solches Modell gebe es auch bei anderen großen Mietervereinen, etwa in Hamburg. Auch die Belegschaft votiert in einem internen Brief für den Geschäftsführer, der früher bereits etliche Jahre in Stuttgart wirkte und den Mieterbund zuletzt in Ostwestfalen-Lippe vertrat. Mit ihm und den beiden Vizes, Rudel und Alexander Englmann, arbeite man „vertrauensvoll zusammen“. Als weniger erquicklich wird in dem Schreiben dagegen die Atmosphäre unter Gaßmann geschildert. Er wolle im Vorstand alleine „den Kurs vorgeben“ und greife Anregungen und Wünsche kaum auf. Die Folge: es werde „mehr gegeneinander als miteinander gearbeitet“.
Lange hatten die Beschäftigten auf ein Einlenken des Veteranen gehofft. Immerhin hatte Gaßmann schon bewiesen, dass er sehr wohl aufhören kann: Aus dem Bundesvorstand des Mieterbundes ist er bereits vor zwei Jahren ausgeschieden, auf Landesebene will er die Führung nächstes Jahr abgeben. In Stuttgart kommt es nun aber zum befürchteten Showdown zwischen dem Vorsitzenden und dem ihm unterstellten Geschäftsführer, dokumentiert durch zwei Beiträge in der Mieterzeitung. Während der eine in seiner Bewerbung die „Fortführung unseres Erfolgsmodells“ propagiert, verweist der andere auf die sich rasant ändernde Welt und „neue Herausforderungen“ – etwa durch die Digitalisierung.
Besonders wichtig seien ihm das Zuhören und der Dialog, offenkundig eine Anspielung auf monierte Defizite des Amtsinhabers. Verschärft wird das Duell durch die Drohung der beiden Stellvertreter, nur bei der Wahl Broddas wieder anzutreten. Andernfalls müssten die gut eingearbeiteten Vizes durch Neulinge ersetzt werden.
Intern geht es inzwischen mit harten Bandagen zur Sache. Da ist die Rede von „Selbstbedienung“ und mangelnder Kontrolle, wenn die beiden Spitzenjobs künftig in eine Hand kämen. Interessenkollisionen ließen sich sehr wohl ausschließen, lautet die Erwiderung, etwa durch das Vier-Augen-Prinzip. Auch die Bezahlung eines prominenten Angestellten wurde inzwischen vereinsöffentlich zum Thema. Es geht um den SPD-Fraktionschef im Stuttgarter Gemeinderat, Stefan Conzelmann, der als Rechtsberater für seine politische Arbeit freigestellt ist. Seit zwei Jahren wird hinter den Kulissen darum gerungen, wie er trotz der Entschädigung für die Ratsarbeit vergütet werden soll.
Gaßmann pocht dem Vernehmen nach auf eine restriktive Lösung, mit Blick auf die knappen Vereinsfinanzen. Die Beiträge für die etwa 27 000 Mitglieder wurden zuletzt stärker angehoben, was zu einem gewissen Aderlass führte. Andere im Vorstand folgen der Argumentation Conzelmanns, der auf einen Tarifvertrag pocht, und wollen sich großzügiger zeigen. In dem Streit wurden Gutachten und Gegenmeinungen eingeholt, final entschieden ist er noch nicht. Zuvor sollen auch Zahlungen an den eigentlich ehrenamtlichen Vorsitzenden kritisch hinterfragt worden sein, ebenfalls mit Hilfe von Juristen.
Bei der Mitgliederversammlung rechnen sich offenbar beide Kandidaten Chancen aus. Brodda gilt als Mann der Belegschaft, der auch die Vereinsbasis von sich überzeugen muss. Gaßmann setzt erkennbar auf die Mitglieder, mit ihrer Hilfe will er die „Palastrevolte“ – wie ihm wohlgesonnene Beobachter es nennen – niederschlagen. Entsprechend schlecht stehen die Chancen, dass sich der Wunsch der Mitarbeitenden erfüllt: Man hoffe auf eine „harmonische“ Versammlung, in gegenseitigem Respekt und „ohne persönliche Animositäten“.