Die Präsentation des BYD Sealion 7 fand reges Interesse. Das Fahrzeug soll dem Porsche Macan, dem Mercedes EQE SUV und dem Tesla Y Konkurrenz machen. Foto: Köster
In China befindet sich der E-Autobauer BYD unaufhaltsam auf der Erfolgsspur. In Deutschland dagegen hat er noch keinen Fuß auf den Boden gebracht. Ein von Grund auf neu entwickelter Geländewagen soll BYD nun zum Durchbruch verhelfen.
„Hey BYD, dreh den Bildschirm um 90 Grad“, ruft der Fahrer dem Auto zu. Keine Sekunde später setzt sich das Display zwischen Fahrer- und Beifahrersitz in Bewegung und steht am Ende hochkant. „Bildschirm um 90 Grad gedreht“ meldet die Stimme Vollzug.
Autos, die zur Musik tanzen und auf der Stelle wenden können, hat BYD schon auf dem Markt; das Modell, mit dem man nun in Deutschland zum ernsthaften Wettbewerber werden will, bietet allerdings mehr als praktische Funktionen wie die, den Kofferraum mit einem leichten Kick gegen den Unterboden zu öffnen.
Für einen Einstiegspreis von gerade mal 48 000 Euro bringt der chinesische Marktführer nun den von Grund auf neu entwickelten Geländewagen Sealion 7 auf den Markt, der es in einer Reihe von Punkten gut mit Konkurrenten wie dem PorscheMacan und dem Mercedes EQE SUV aufnehmen kann und ihnen teilweise sogar überlegen ist. Das Modell verbindet teilweise bahnbrechende Technologien mit Preisen, die um 30 000 Euro und mehr unter denen der wichtigsten deutschen Wettbewerber liegen. Auch wenn deutsche Hersteller teilweise immer noch überlegen sind: Der Abstand schwindet.
Deutsche Hersteller machten lange einen Bogen
BYD macht sich günstige Technologien zunutze, die deutschen Herstellern ebenfalls bekannt sind, teilweise aber auf der Resterampe gelandet sind, weil sie den eigenen Ansprüchen vermeintlich nicht genügten. BYD entwickelte sie weiter – mit sichtbarem Erfolg. Eine davon ist die sogenannte Blade Batterie, eine Eigenentwicklung, die eine niedrigere Energiedichte aufweist, weshalb deutsche Hersteller sie zumeist verwarfen - trotz deutlich niedrigerer Kosten.
BYD tritt mit der LFP-Technologie nun in einer Fahrzeugklasse an, in der man sich in den direkten Wettbewerb mit deutschen Vorzeigemodellen wie dem Porsche Macan und dem Mercedes EQE SUV begibt. Innerhalb von 4,5 Sekunden erreicht der Sealion 7 eine Geschwindigkeit von 100 Stundenkilometern und lässt damit sowohl den Macan (5,7) als auch den Mercedes EQE SUV (6,7) mit ihren teureren Batterien hinter sich.
Nicht nur der niedriger Preis ist ein Vorteil
Zu den Vorteilen dieser Batterie gehört auch, dass sie weit weniger als die NMC-Technologie davon abhängig ist, bei einer Wohlfühltemperatur betrieben zu werden. Sie muss daher nicht so aufwändig temperiert werden, was Gewicht ebenso einspart wie Energie. Auch beim Laden verträgt sie höhere Temperaturen, was die Zeit an der Ladesäule verkürzt. Die Batterie lässt sich in 24 Minuten von 10 auf 80 Prozent laden – beim Konkurrenzmodell von Mercedes sind es 32 Minuten; Porsche ist mit 21 Minuten noch schneller. Wegen ihrer Robustheit ist die LFP-Batterie auch länger haltbar, ohne übermäßig an Kapazität einzubüßen. Nicht zuletzt kommt sie ohne den problematischen Rohstoff Kobalt aus, der im Verdacht steht, teilweise unter menschenunwürdigen Bedingungen abgebaut zu werden.
Geradezu ein Quantensprung ist BYD dadurch gelungen, dass man die Fahrzeugarchitektur grundlegend neu aufgesetzt hat und die Batterie nicht nur als Energiespeicher nutzt, sondern auch als tragendes Element. Die Zellen wurden so konstruiert, dass sie nicht mehr zu Modulen zusammengefasst werden müssen. Das spart erneut Material, Platz und Gewicht – und macht die Batterie extrem formstabil. Denn es gibt nun keine Module mehr, die sich bei einem Aufprall untereinander verschieben können.
Auto von Grund auf neu konstruiert
Diese innere Stabilität macht sich BYD bei der Fahrzeugarchitektur zunutze. Sie macht es möglich, auf einen eigenen Unterboden der Karosserie komplett zu verzichten, was Platz, Material und Gewicht einspart. Der Boden der Fahrgastzelle besteht somit aus der Oberseite der Batterie. Die sogenannte Verwindungssteifigkeit des Rahmens ist sehr hoch . Es müssen enorme Kräfte wirken, bevor er sich verformt.
In Stuttgart hat BYD bereits eine Niederlassung eröffnet. Foto: Köster
Mercedes hat die Technologie lange als nicht ebenbürtig mit dem Anspruch der Marke betrachtet und will sie nun bei der billigsten Variante des künftigen Einstiegsmodells CLA verwenden. Beobachter erwarten, dass Mercedes das Kompaktklasse-Modell preislich im mittleren fünfstelligen Bereich ansiedeln wird. Der CLA könnte damit teurer werden als der höher positionierte Sealion.
Doch es ist keineswegs so, dass BYD alle Pokale abräumt. So soll der CLA durch Leistungen überzeugen, die selbst höher angesiedelte Fahrzeuge nicht erreichen – und auch nicht der Sealion. Je nach Batterie soll die Reichweite bis zu 750 Kilometer betragen und damit mehr als die 502 Kilometer des Sealion. Auch der Macan und der EQE SUV kommen weiter als der Sealion – und werden ihrerseits durch den CLA übertrumpft.
Quantensprung beim Antrieb
Zum günstigen Preis trägt auch ein weiterer Quantensprung von BYD bei – der sogenannte 8-in-1-Antriebsstrang. Acht Komponenten von der Steuerung des Antriebssystems und dem Batteriemanagement bis zur Ladeeinheit und dem Motor werden zu einem einzigen Modul vereint, was ein weiteres Mal Material, Gewicht und Geld spart. Zudem wird Platz frei, der den Fahrgästen zugutekommt. Das Auto vermittelt ihnen dadurch ein großzügiges, wertiges Raumgefühl. Und unter der vorderen Haube gibt es zusätzlich zum Kofferraum einen weiteren Stauraum von 58 Litern Volumen. Die E-Mobilität macht’s möglich.
Mit dem CLA gelingt es nun erstmals auch Mercedes, dort Platz zu schaffen, wo einst die Verbrenner-Kolben ihre Arbeit verrichteten. Beim E-Flaggschiff EQS dagegen lässt sich die Haube nur durch eine Werkstatt öffnen.