Was verändert sich für die Beschäftigten in Untertürkheim in der Produktion? Der Konzern und der Betriebsrat informierten am Montag die Belegschaft über die Verdopplung der Produktion im Bereich der elektrischen Antriebseinheiten. Viele Beschäftigte fragten sich, inwiefern der Betriebsrat dem Unternehmen entgegengekommen ist: „Ich habe ihnen auf der Versammlung ein weißes Blatt Papier gezeigt“, sagt Michael Häberle, der Betriebsratschef am Standort Untertürkheim. Häberle wollte mit der Geste verdeutlichen, dass es kein Entgegenkommen gegeben habe. „Die Belegschaft muss nichts dafür hergeben.“
Wie sieht es mit Arbeitszeiten und Schichten konkret aus? Mercedes will die Produktion der neuen elektrischen Antriebe so effizient wie möglich gestalten. Daher hat sich der Konzern mit dem Betriebsrat darüber verständigt, dass es für die Beschäftigten in diesem Bereich Samstagsarbeit geben wird. „Wir haben Samstage als Pflichtsamstage definiert“, sagt Frank Deiß, der Leiter des Mercedes-Benz-Werks Untertürkheim. Konkret ist die Rede von insgesamt 19 Samstagen im Jahr. Dabei testet Mercedes folgendes Modell: Es gibt keine individuelle Verpflichtung für eine bestimmte Zahl von Samstagsschichten – das Kollektiv muss die geforderte Zahl erreichen. Innerhalb einer Gruppe können einzelne Mitarbeiter mehr und andere weniger oft samstags arbeiten und dies untereinander vereinbaren.
Ändert sich etwas bei der Bezahlung? Bei der Stammbelegschaft im Werk Untertürkheim gilt der Tarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie, den die IG Metall mit den Arbeitgebern ausgehandelt hat. Dieser Tarifvertrag greift auch bei den Beschäftigten, die den elektrischen Antriebsstrang produzieren. Dies beinhaltet beispielsweise Zulagen für die Samstagsarbeit oder für Nachtschichten.
Wie werden die Beschäftigten qualifiziert? Für die Beschäftigten am Standort Untertürkheim gibt es im Zuge der Umstellung von Verbrennermotoren auf E-Antriebe ein umfangreiches Qualifizierungs- und Umschulungsprogramm. „Das ist notwendig, weil es schon einen Unterschied macht, ob ich einen Motor oder ein Getriebe montiere“, sagt Deiß.
Worauf bereiten sich die Mitarbeiter des Werks vor? Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Mercedes sind schon bei jenem Unternehmen vor Ort, das die neuen Anlagen für Untertürkheim herstellt. Dort werden sie auf die Veränderungen vorbereitet. Im nächsten Schritt entstehen in Untertürkheim sogenannte „Anlauffabriken“, die den Produktionsablauf vor dem eigentlichen Start simulieren. „Dort lernen Mitarbeiter schrittweise die Verfahren kennen und werden so qualifiziert“, sagt Häberle.
Wann genau startet die neue Produktion? Der Aufbau der neuen Montagelinien auf dem Gelände des Werkteils Untertürkheim als auch im Werkteil Bad Cannstatt beginnt im kommenden Jahr. Teile des elektrischen Aggregats werden künftig Untertürkheim sowie die Werkteile Hedelfingen und Esslingen-Mettingen fertigen und zuliefern. Die Produktion soll von 2024 an hochgefahren werden. Laut Werkschef Deiß soll nach drei bis vier Jahren die volle Produktionskapazität erreicht sein: eine Million Antriebsstränge pro Jahr.
Wie steht es um die aktuelle Auslastung des Werks Untertürkheim? Das Werk in Untertürkheim wandle sich in „dramatischer Geschwindigkeit“ hin zu mehr E-Mobilität, sagt Deiß. „Doch der Verbrenner ist noch nicht tot, er wird noch eine ganze Weile dafür sorgen, dass wir hier im Werk gut ausgelastet sind.“ Dies sei gut für die Belegschaft am Standort, sagt Häberle. Die Transformation hin zu elektrischen Antrieben und die Produktion von Verbrennern liefen derzeit parallel. „Wir sind damit breit aufgestellt und so ausgelastet wie nie zuvor.“
Fallen im Zuge der Wende zur Elektromobilität künftig auch Arbeitsplätze weg? Derzeit produzieren rund 16 000 Mitarbeiter im Werk Untertürkheim Motoren, Batterien, Achsen, Getriebe und Komponenten. Auf dem Gelände befindet sich zudem mit rund 3000 Mitarbeitern ein großer Teil der konzernweiten Antriebsforschung und -entwicklung mit einer Teststrecke zur Fahrzeugerprobung. „Ein elektrischer Antrieb ist deutlich weniger arbeitsintensiv“, sagt Deiß. „Daher werden wir perspektivisch nicht mehr Beschäftigte in diesem Bereich haben.“ Der Manager erwartet jedoch angesichts der aktuellen Transformation und der bestehenden Produktion von Verbrennern bis etwa 2027 keinen Rückgang der Beschäftigtenzahlen in der Produktion. „Was danach passiert, entscheidet auch der Markt“, sagt er.
Wie sieht es für die Beschäftigten in der Forschung aus? Im Bereich der Elektromobilität erwartet Mercedes in den nächsten Jahren massive Veränderungen und Weiterentwicklungen bei der Technik. „Dieser Innovationsbereich ist noch längst nicht ausgeschöpft“, so Deiß. Dies hat für das Unternehmen strategische Folgen in der Personalpolitik. „Forschung und Entwicklung werden als Thema noch wichtiger“, sagt er. Und damit auch der Bedarf an hochqualifizierten Mitarbeitern am Standort Untertürkheim.