So schildert die Szene Corinna Hofmann 44 Jahre später. Sie war zu diesem Zeitpunkt acht Jahre alt. Was sie mit ansah, überstieg das Fassungsvermögen ihres kindlichen Bewusstseins. Sie schrie, Tränen strömten ihr übers Gesicht. So nahm sie all ihren Mut zusammen, und fiel der Schwester in den Arm. „Hören Sie auf, das ist gegen Gottes Gebote“, rief sie laut. Plötzlich ließ die Nonne den Gürtel fallen – und verließ den Raum. Eine Stunde später kam sie in aufgeräumter Stimmung zurück, als wäre nie etwas geschehen.
Wir ersetzen nicht Mutter und Vater, sondern bieten ein Dach über dem Kopf!
Dieser Satz klang Corinna Hofmann wie Hohn in den Ohren, wenn sie Szene wie die anfangs beschriebene erlebte. Und das war oft der Fall. Hinter den Klostermauern im Ludwigsburger Stadtteil Hoheneck lebte sie 16 Jahre lang im Kinderheim des katholischen Karmelitinnen-Ordens. Über ähnliche Erlebnisse berichten viele ehemalige Heimkinder, die nach jahrzehntelangem Schweigen erstmals an die Öffentlichkeit gehen. Sie schildern ein System drakonischer Strafen, allgegenwärtiger Gewalt, Lieblosigkeit und Unterdrückung.
Was Generationen von Kindern hinter dem steinernen Eingangstor des Klostergeländes bis Anfang der 90er Jahre erdulden mussten, empfanden viele als Martyrium. „Uns wurde das Paradies versprochen, doch wir erlebten die Hölle“, sagt eine ehemalige Bewohnerin. Sie und die anderen wollen jetzt nicht mehr schweigen, sie leiden bis heute an seelischer Deformation. Sie treffen sich und tauschen sich aus.
Corinna Hofmann wohnt heute in Nürnberg und arbeitet bei der Post. Sie hat drei Kinder. Wer ihr begegnet, erlebt eine starke, in sich ruhende 52-jährige Frau. Die Erinnerungen an Gewalterfahrungen und Einsamkeit begleiten sie bis heute in ihren Albträumen. „Oft wache ich nachts auf und muss dann das Licht anmachen. Um zu sehen, dass es vorbei ist.“
Deine Eltern wollten dich nicht. Sei dankbar, dass wir dich durchfüttern!
Auch an diesen Satz können sich viele der ehemaligen Heimkindern erinnern. Eine Frau, die 1970 ins Heim kam, kämpft deswegen bis heute mit ihrem Selbstwertgefühl: „Ich kann bis heute keine Nähe zulassen, bin misstrauisch und wahre zu allen Distanz.“ Ähnliches berichtet Caroline Hetzel (50), die heute in Tübingen lebt, sie kam 1969 nach Hoheneck. Nach der Heimzeit hat sie im Stuttgarter Nachtleben als Managerin von Clubs gearbeitet und später einen Second-Hand-Laden in Tübingen betrieben: „Ich liebe Musik und die Dunkelheit. Tagsüber, wenn es hell ist, sieht man, dass meine Seele kaputt ist.“
Das Kinderheim St. Josef wurde mit einem Kloster 1930 erbaut und von den Schwestern des Karmelitinnen-Ordens mit dem Namenszusatz „Vom göttlichen Herzen Jesu“ geführt. Im Zweiten Weltkrieg diente das Heim als Lazarett, danach wieder als Kinderheim. Bis zu 65 Kinder waren dort in vier Gruppen untergebracht. 1992 wurde es geschlossen, weil die Schwesternschaft überaltert und dezimiert war.
Das Gebäude wurde an das Dekanat verkauft, es wird heute als Edith-Stein-Haus für Fortbildungen verwendet. Das Kloster beherbergt heute noch zehn Karmelitinnen. Diese Gemeinschaft hat ihren Hauptsitz in den Niederlanden in der Stadt Sittard bei Maastricht. Als so genannte Kongregation ist sie außerhalb der klassischen Kirchenhierarchie direkt dem Papst unterstellt. Disziplin, Askese, Gebet und Einkehr, das sind die strengen Prinzipien der Anfang des 20. Jahrhunderts in Berlin gegründeten Ordensgemeinschaft.
Die strikten Regeln des Ordens wandten die damals für das Heim zuständigen Schwestern, so schildern es die ehemaligen Heimkinder, auch bei der Betreuung an. Ins Gedächtnis haben sich ihre Erziehungs-Leitsprüche eingebrannt, die in der Zeit weit verbreitet waren – die in Hoheneck allerdings ganz anders ausgelegt wurden.
Wir sorgen für sich, sei dankbar und gehorche!
Körperliche Gewalt gehörte in Hoheneck zur Tagesordnung. „Wenn einer der Jungs etwas ausgefressen hatte, schloss sich eine Schwester mit ihm im Bad ein“, erzählt ein ehemaliges Heimkind. Geschlagen wurde mit einem hölzernen Kleiderbügel, mit der Holzseite eines Kehrbesens, oder mit einem Gürtel. Oft gab es auch Ohrfeigen mit der flachen Hand ins Gesicht – wegen Nichtigkeiten. „Meine Freundin hat einmal bei einem Ausflug eine Jacke verloren. Sie wurde mit dem Kleiderbügel grün und blau geschlagen“, erzählt Corinna Hofmann. Mancher Schwestern schien körperliche Züchtigung gar Freude zu bereiten.
Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt, in Afrika verhungern Kinder!
Um 6.30 Uhr begann der Heimalltag mit einem Gebet. Das Bettzeug musste akkurat millimetergenau mit der Bettkante abschließen, der Schlafanzug im Spind im rechten Winkel aufgehängt werden. Sogar Dreijährige mussten Socken perfekt falten. „Wenn nur irgendetwas schief war, wurde alles herausgerissen und auf den Boden geworfen“, erzählt eine Bewohnerin.
Zum Frühstück gab es trockenes Brot, das am Vorabend mit Butter beschmiert war. Wer nur eine Minute zu spät kam, ging leer aus. „Alle Teller mussten leer sein. Wer nicht mehr konnte und spucken musste, hatte dann das Erbrochene zu essen“, erzählt Thomas W., der 1968 ins Heim kam. Blieb doch noch etwas übrig, wurde es zur nächsten Mahlzeit wieder aufgetischt – bis sich Schimmel darauf bildeten.
Wer sich auf die Ellbogen stützt, ist faul und ungezogen!
Am Tisch musste kerzengerade gesessen werden. „Wer gebeugt da saß, bekam einen harten Schlag in den Rücken“, erzählt Corinna Hofmann. Ein Mädchen hatte einen Buckel – weil es nicht gerade saß, wurde ihr ein Brett auf den Rücken geschnallt, das es den ganzen Tag in eine schmerzhaften Haltung zwang. Thomas W. hat sich einmal, wie ein Heimkind berichtet, beim Abendessen auf die Ellbogen aufgestützt. Eine Schwester und eine staatliche Erzieherin sprachen sich heimlich ab und schlichen sich von hinten an. Plötzlich zogen sie dem Jungen die Ellbogen weg, so dass sein Gesicht ungebremst ins heiße Essen fiel.
Sei nicht egoistisch und selbstsüchtig!
Wenn Bettruhe galt, musste im Schlafraum absolute Stille herrschen. „Kopf runter!“, hieß es, wenn jemand aufmuckte. „Wer laut war, musste stundenlang barfuß auf dem kalten Gang stehen“, erzählt eine Ex-Bewohnerin. Oder man bekam einen Löffel Klosterfrau Melissengeist. Um die Kinder einzuschüchtern, verkleideten sich die Nonnen als Fantasiefiguren wie den „Butzemann“ oder den gruseligen Knecht Ruprecht, der mit Ruten und Peitschen auftrat.
Ein Heimkind, das in den 50er Jahren in Hoheneck war, erinnert sich, wie es als Vierjährige ganz in sein Spiel versunken war. „Plötzlich stand diese Figur auf Stelzen vor mir, brüllte und schlug um sich. Ich war wie gelähmt.“ Manchmal kam der Butzenmann aber auch mitten in der Nacht, wenn alle schliefen. „Mit furchterregenden Schreien wurden wir aus dem Schlaf gerissen und ohne jede Vorwarnung mit einer Peitsche geschlagen“, erzählt die heute 72-jährige Frau.
Nur Thomas W, der heute in Reutlingen lebt und ein erfolgreicher Abteilungsleiter in einem Unternehmen ist, hat auch Positives von dem Heim in Erinnerung: „Es gab eine Struktur, die hatte ich zu Hause nicht.“ Er habe viele Schwestern als liebevoll und herzlich in Erinnerung, wenn auch mit „altmodischen Erziehungsmethoden“.
Das Weltbild der Ordensschwestern als Problem
Wie sind die Zustände historisch und pädagogisch einzuordnen? Ein strenges Erziehungsbild, Schläge und seelische Vernachlässigung war in vielen Heimen in Baden-Württemberg bis 1975 der Normalfall, wie der Abschlussbericht der Anlaufstelle Heimerziehung in Baden-Württemberg im vergangenen Jahr feststellte. Doch Hoheneck ragt in vielerlei Hinsicht negativ heraus. „Das strenge Weltbild der Ordensschwestern war für die Erziehung problematisch“, sagt Irmgard Fischer-Orthwein, Leiterin der 2018 aufgelösten Anlaufstelle. Durch den Sonderstatus des Ordens habe es kaum Kontrollen gegeben.
Für Ulrike Zöller, die Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats der Anlaufstelle, ist ungewöhnlich, dass die Missstände in Hoheneck noch Ende der 80er Jahre anhielten: „Durch das neue Heimgesetz wurden viele Einrichtungen nach 1975 geschlossen und neu aufgestellt, Gewalt war als Mittel der Erziehung verboten.“ Tatsächlich wurden auch dem Kinderheim St. Josef in Hoheneck 1979 staatliche Erzieher zugewiesen – doch geändert hat sich nach Berichten der Heimkinder dadurch nichts.
Du landest ohnehin in der Gosse, du endest wie deine Mutter!
Noch gravierender als Gewalt und Demütigungen empfanden die Kinder die häufig beschriebene „seelische Grausamkeit“. Etwa bei bei sozialen Strafen. „Wer einen Regelverstoß beging, war für die anderen Luft“, erzählt ein Heimkind „mit mir durfte nicht geredet werden. Aber nicht ein paar Stunden, sondern eine Woche lang.“
Es habe keine Geborgenheit, keine Privatsphäre und keinerlei Verständnis gegeben, nur Härte, Abwertung und Strenge. Auch soll es den Nonnen nicht erlaubt zu sein, einem Kind über den Kopf zu streichen. „Wir hatten keinen Ansprechpartner für unsere kindlichen Sorgen“, erzählt Caroline Hetzel. Wer einen Albtraum hatte oder seine Eltern vermisste: Verständnis durfte er nicht erwarten. „Jammer nicht rum, du hast eine Macke, hieß es immer“, erzählt Corinna Hofmann, „gefolgt von dem Satz: Du landest sowieso in der Gosse.“
Wer nicht kommt zur rechten Zeit, der muss sehen, was übrig bleibt!
Übrig geblieben – so fühlen sich viele ehemalige Heimkinder bis heute. Wie reagieren der Karmelitinnen-Orden und die katholische Kirche auf diese Vorwürfe? „Ich höre davon zum ersten Mal“, erklärt der katholische Dekan Alexander König, der „großes Bedauern“ äußert. Ebenso wie Edith Riedle, die so genannte Hausoberin der Karmelitinnen in Hoheneck, die auch Assistentin der Generaloberin in den Niederlanden ist, der Ordensleiterin. „Wir sind sehr betroffen. Es tut uns sehr leid“, sagt Riedle. Den Schwestern sei es ein Anliegen, sich bei den Betroffenen auch persönlich zu entschuldigen. Nachvollziehen können sie die Anschuldigen aber nicht: „Die Schwestern waren angewiesen, wie Mütter zu handeln und die Heime auch so zu führen.“ Akten aus der Zeit gebe es ebenso wenig wie Zeitzeugen: „Alle Schwestern, die mit dem Heim beschäftigt waren, leben inzwischen nicht mehr.“
Die Missbrauchs-Kommission der Diözese ist eingeschaltet
Auf einen Vorwurf geht Edith Riedle aber doch ein: dass die Kinder niemals in den Arm genommen werden durften: „Das hat nichts mit unseren Regeln zu tun, das wurde uns von außen von einem Pfarrer aufgezwungen.“ Die Oberin berichtet jedoch im Gegenzug von vielen Kindern, die dem Heim bis heute positiv verbunden seien.
Eingeschaltet hat sich auch die Diözese Rottenburg-Stuttgart: Daniel Noa von der bischöflichen Missbrauchs-Kommission und Gerburg Crone von der Missbrauchs-Stabsstelle der Caritas kommen nach Hohneck. Bislang seien jedoch keinerlei Beschwerden bei ihnen eingegangen, erklärt Daniel Noa: „Wir wollen jedem auch nur kleinsten Hinweis nachgehen.“ Das Hohenecker Heim habe sogar einen guten Ruf gehabt. Gerburg Crone fordert die ehemaligen Heimkinder auf, ihre Erlebnisse zu melden: „Wir wollen das aufarbeiten.“
Ob den ehemalige Heimkindern diese Reaktion reicht? Caroline Hetzel hat viele bohrende Fragen: „Ich bin bis heute auf der Suche nach mir selbst. Ich frage mich: Wer bin ich? Wie konntet ihr uns kleinen, wehrlosen Kindern das antun?“