Ein Ex-Brandopfer berichtet Katastrophe in Crans-Montana – Erinnerungen an „schlimmste Zeit meines Lebens“

In Crans-Montana ist das Gedenken an die Opfer der Brandkatastrophe groß. Foto: Antonio Calanni/AP/dpa

Wie geht das Leben weiter, wenn die Haut zum großen Teil verbrannt wurde? Ein Esslinger erzählt vom mühsamen Weg der Heilung – und bietet Hilfe für die Opfer von Crans-Montana an.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

Als Carsten Spengler von der Brandkatastrophe der Silvesternacht im Schweizer Ski-Ort Crans-Montana erfahren hat und von den vielen jungen Patienten, die mit schweren Brandverletzungen in Spezialkliniken ausgeflogen werden mussten, verfasste er eine E-Mail: „Mich hat die Katastrophe in Crans-Montana mehr erschüttert, als ich zunächst glauben wollte“, schrieb er an das Marienhospital Stuttgart, wo derzeit eine der schwer verletzten Personen versorgt wird.

 

Er selbst habe einst schwere Verbrennungen erlitten und hätte damals gern mit einem Betroffenen gesprochen, um auf den langjährigen Heilungsprozess vorbereitet zu werden. „Falls ich in welcher Weise auch immer behilflich sein könnte, stehe ich gerne zur Verfügung. Auch anderen Verbrennungsopfern“, teilt er mit.

Spengler wurde aus dem brennenden Wagen gezogen

Mit offenen Worten hat Carsten Spengler kein Problem: Seit nahezu 36 Jahren lebt der Esslinger mit den sichtbaren Spuren eines schweren Autounfalls, bei dem 41 Prozent seiner Haut verbrannt worden sind. „Ich bin damals auf dem nächtlichen Nachhauseweg nach Stuttgart auf der A6 nahe des Walldorfer Kreuzes von der Straße abgekommen“, berichtet der 61-Jährige.

Die Lokalpresse titelte damals „Ein Ritt auf der Planke“: Das Auto schlitterte auf einer Leitplanke nahe einer Notrufsäule entlang, um sich dann am Ende zu überschlagen und Feuer zu fangen. Kurz bevor der Wagen explodierte, konnte Carsten Spengler von einem beherzt zugreifendem LKW-Fahrer gerettet werden. Da hatte er aber schon schwere Verbrennungen vor allem am Oberkörper und an den Händen erlitten.

Vor mehr als 36 Jahren hat der Esslinger Carsten nur knapp einen schweren Autounfall überlebt. Foto: Spengler

„Es hat viel mit Glück zu tun“, sagt Carsten Spengler und lächelt. Hätte er weniger Glück gehabt, wäre er an jenem 14. Oktober 1989 im Auto verbrannt. Früher habe er oft nachdenken müssen über die Frage „Was, wäre wenn?“. Doch das führe zu nichts. „Letztlich muss man sich klar machen: Es ist passiert, ich habe überlebt und es muss irgendwie weitergehen.“ Darüber entscheide neben Glück auch die ärztliche Kunst, die Unterstützung des Pflegeteams, die jahrelangen Nachsorge nach der Entlassung aus dem Krankenhaus und der eigene Willen.

Die Verbrennung haben Spuren auf der Haut hinterlassen

Die Erinnerung an den Unfallhergang ist weg. „Ich weiß nur noch, wie ich am Tag danach in der Klinik aufgewacht bin.“ Nackt und auf Schaumstoff gebettet, die Hände und Unterarme „schwarz und rot verbrannt“. Die Ärzte und Pflegekräfte „vermummt wie Astronauten“. Erst nach und nach erfuhr er, was passiert war, bevor er auf der Intensivstation des Schwerbrandverletztenzentrums der BG Klinik Ludwigshafen untergebracht wurde und dort isoliert liegen musste, weil jegliche Keime seinen ohnehin instabilen Zustand dramatisch schwächen könnten. „Ich habe es einfach akzeptiert“, sagt er. Es sei ihm nichts anderes übrig geblieben.

Wer den 61-Jährigen heute erlebt, muss sehr genau hinsehen, um die Spuren des Unfalls zu erkennen: Die hellen, etwas unregelmäßigen Hautstellen an den Fingern fallen kaum auf. Lediglich eine kleine Greifschwäche in der linken Hand ist zurückgeblieben, weshalb Carsten Spengler zerbrechliche Dinge wie Gläser lieber mit der rechten Hand umfasst.

Es hat lange gedauert, bis er die verbrannten Finger krümmen konnte

„Am Strand oder beim Baden bemerkt man dann allerdings schon die Blicke.“ Denn an der linken Schulter und der gesamten Rückenpartie zeichnen sich die vernarbten Verläufe in Folge der großflächigen Hauttransplantation ab, wenn auch recht blass. Manchmal, wenn er die fragenden Mienen seines Gegenübers bemerkt, macht er eine scherzhafte Bemerkung: „Oh, das? Andere haben Tatoos, ich habe Verbrennungsnarben.“

Er habe kein Problem mehr mit den Folgen des Unfalls, sagt er. Vielmehr ist er glücklich und auch stolz darauf, wie er sich in den Alltag zurück gekämpft hat: „Den Tag, an dem ich die Finger wieder so krümmen konnte, dass sich Zeigefinger und Daumen berühren, habe ich gefeiert“, sagt er. Geholfen hat ihm sein Sportsgeist, der ihn schon von Kindheit an begleitet hat.

In „Verbrennungsbädern“ wurde die Haut abgetragen

Vor dem Unfall spielte Carsten Spengler leidenschaftlich gern Fußball, Tennis, Badminton und Squash. In der Klinik sei ihm daher schnell klar geworden, dass er mit Training, Willensstärke und innerer Motivation fit werden musste. „Nur habe ich gewaltig unterschätzt, wie extrem lange es dauert“, sagt Spengler. „Irgendwann habe ich mir eingestehen müssen, dass ich nie wieder an den Punkt gelange, an dem ich mich vor dem Unfall befand.“ Ganz egal, wie groß die Anstrengung auch ist.

Zwei Monate verbrachte Carsten Spengler auf der Intensivstation der BG Klinik Ludwigshafen. Er ist den Ärzten heute unendlich dankbar für ihre Hilfe. Und dennoch: Es war die schlimmste Zeit seines Lebens. Spengler berichtet von mehreren „Verbrennungsbädern“, in denen als Vorbereitung auf die Operation die verbrannte Haut abgetragen wird. Ein Akt, der trotz entsprechender Medikamente von unvorstellbaren Schmerzen begleitet gewesen sei. „Es war die Hölle“, sagt er im Nachhinein.

Carsten bekam Hauttransplantationen

Einen künstlichen Hautersatz, so wie er heute in den Kliniken für mittelschwere Verbrennungen eingesetzt wird, hat es damals nicht gegeben. Ohnehin waren die Verletzungen an Rücken und Schulter so schwer, dass eine Transplantation mit Eigengewebe aus Gesäß und Oberschenkel unumgänglich gewesen ist: „Acht Tage musste ich auf dem Bauch liegend verbringen“, sagt Carsten Spengler. Alle paar Stunden wurden die Wundauflagen auf der frisch transplantierten Haut am Rücken gewechselt – auch das stets mit Schmerzen verbunden. „Ich hab das alles überstanden, aber es hat unendlich psychische und physische Kraft gekostet“, sagt Carsten Spengler. Am Ende seines Klinikaufenthalts wog der sportliche junge Mann kaum mehr als 60 Kilo.

Heute verfügen Schwerbrandverletztenzentren wie das am Marienhospital Stuttgart über ein interdisziplinäres Team, das sogenannte Burnteam, das die Patienten und deren Angehörigen auch psychologisch begleitet. Damals hat es eine solche Unterstützung nicht gegeben. Besuche von Angehörigen und Freunden im Zimmer waren nicht möglich. Aufgrund der hohen Infektionsgefahr müssen Brandverletzte in der ersten Zeit isoliert werden.

Enge Kleidung war Pflicht, um die Narben klein zu halten

„Ich habe meine Eltern und Freunde während meiner Zeit auf der Intensivstation immer nur durch eine Glasscheibe gesehen“, sagt Carsten Spengler. Erst viel später begriff er, wie hoch die Belastung auch für seine Familie gewesen war: Bei einem kurzen Wochenendbesuch, der ihm zwischen zwei Operationen von den Ärzten gewährt wurde, entdeckte er die vielen Fotos in einer Zimmerecke, die seine Eltern wie zu einem Schrein aufgebaut hatten. „Auch sie haben unendlich gelitten und viel auf sich genommen.“

Bilder aus der Zeit kurz nach dem Klinikaufenthalt hat Carsten Spengler nicht mehr. Vielleicht verlegt, vielleicht beim letzten Umzug weggeschmissen. „Ich habe mit dem Kapitel abgeschlossen“, sagt er. Auch die enge Kompressionskleidung besitzt er nicht mehr. „Dabei war sie jahrelang meine zweite Haut und auch mein Schutz.“

Die eng gewebte Weste, die dazugehörige Halskrause und die Handschuhe musste er tragen, um eine überschüssige Narbenbildung zu vermeiden. Tag und Nacht, im Sommer wie im Winter. „Erst habe ich darüber geflucht“, sagt Carsten Spengler. Doch als er sie nach dreieinhalb Jahren schrittweise ablegen durfte, musste er sich dazu regelrecht zwingen. Zu groß war der Respekt vor der neugewonnenen Freiheit des Körpers.

Durch die Verbrennungen war Carsten ein Pflegefall – mit Mitte 20

Dabei war es genau die Abhängigkeit, die Carsten Spengler in der Zeit schwer zu schaffen gemacht hat: „In den ersten Wochen nach der Klinik war ich Mitte 20 und ein Pflegefall, der sich nicht alleine versorgen konnte.“ Mit Hilfe von Orthopäden, Physiotherapeuten und einem niedergelassenen Facharzt, der sich mit Verbrennungswunden bestens auskannte, versuchte er Schritt für Schritt die Kontrolle über sein Leben zurückzugewinnen. Rückschläge blieben dabei nicht aus. So erzählt Carsten Spengler von einer emotionalen Krise – etwa ein knappes halbes Jahr nach dem Unfall. „Da hat mich plötzlich alles eingeholt.“

Eine wichtige Wegmarke war für ihn eine Reise in die USA zu einem Freund, etwa zwei Jahre nach dem Unfall: „Ich hatte endlich eine kurzärmlige Kompressionsweste erhalten, die ich alleine anziehen konnte“, sagt Carsten Spengler. Statt hilfreicher Hände reichte nun ein Türknauf im Hotel, um sich das enge Kleidungsstück anzuziehen. „Und mittels eines Kleiderbügels konnte ich mich am Rücken eincremen“, erzählt er und lacht.

Trotz aller Widrigkeiten war dies eine essenzielle Erfahrung, die er auch anderen Verbrennungsopfern mitgeben möchte: „Man muss ein Ziel oder eine Aufgabe haben.“ Das Leben gehe schließlich weiter. Und man solle versuchen, mit ihm Schritt zu halten. Nur einmal habe er bislang von dem Unfall geträumt, erzählt er. Er sah sich selbst aus der Vogelperspektive am Unfallort, eingehüllt in eine goldene Verbrennungsdecke und gestützt von einer Ärztin. „Wenn ich das Ganze nochmals durchstehen müsste, wüsste ich nicht, ob ich mit dem Wissen von heute, was auf ein Verbrennungsopfer zukommen wird, nochmals die Kraft und Disziplin dafür aufbringen könnte.“

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